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Chaos Communication Congress : Wir brauchen jetzt nur noch Geduld

  • -Aktualisiert am

Wohin geht die Reise der Hacker-Szene? Bild: Getty Images

Nur Hacker interessieren sich für die Spähaffäre? Selten fand der Chaos Communication Congress so viel Aufmerksamkeit wie in diesem Jahr. Seine Ergebnisse werden weiter Kreise ziehen.

          Defragmentierung, was war das gleich? Wer ein Ticket für den 30. Chaos Communication Congress hatte, wusste es ganz sicher noch. Bis vor wenigen Jahren waren Computernutzer angehalten, ihre Maschinen aufzufordern, Ordnung zu halten. Aus wild auf der Festplatte verstreuten Datenklümpchen sollten geordnete Stapel werden. Auch auf dem Congress war das Wort „Defragmentierung“ allgegenwärtig, aber nicht als Befehl, sondern als Bitte: Wenn sie per Signalwort geäußert wurde, wussten alle in den großen Sälen, dass sie nun aufstehen sollten, um so weit in die Mitten zu rücken, dass Platzsuchende an den Rändern freie Plätze fanden. Dieser Vorgang, der auf bloßen Zuruf für gewöhnlich nie funktioniert, war hier eine Sache von Minuten – auch bei 3000 Menschen im Raum. Sollte man sich fragen, wo und wie die Erfindung digitaler Netze die Menschen sozialer gemacht hatte: In Hamburg fand man eine gute Antwort. 8500 Menschen waren da, 1000 von ihnen meldete sich als „Engel“, als helfende Hand der Organisatoren.

          Entsprechend sparsam im Umgang mit der Zeit gingen die Hacker ebenso mit ihrem Kongress-Programm um. Es war die Aufgabe des CCC-Sprechers Linus Neumann, den politisch initiierten „Bullshit made in Germany“ in einem Rutsch abzuhandeln: Soll es wirklich die deutsche Antwort auf die amerikanische Spionage sein, dass der deutsche Staat nun E-Mail-Systeme anbietet, die 39 Cent pro Nachricht kosten, die obendrein nur so lange verschlüsselt werden, bis die Dienstanbieter zur „Virenabwehr“ sie ausführlich auf zentralen Servern analysierten? Ist es wirklich wahr, dass deutsche Unternehmen, die E-Mail-Dienste anbieten, erst in diesem Jahr damit begannen, Nachrichten während des Transports durch das Internet zu verschlüsseln - 15 Jahre nach Entwicklung dieser Verschlüsselungstechnologie, von der man heute weiß, dass sie ohnehin kaum Schutz bedeutet? Eine Stunde bot Neumann den Teilnehmern an, darüber zu lachen. In den 130 anderen Veranstaltungen ging es überwiegend ernst zur Sache.

          Der Mathematik könne man vertrauen

          Das zentrale Thema in diesem Jahr war die Kryptographie. Es wird kolportiert, dass die Software das Problem sei, man der Mathematik aber vertrauen könne. Das ebenso kolportierte Problem, dass diese Mathematik aber nur wenige hundert Menschen verstünden, blendete man einfach aus. Wer wollte, konnte sich hier über diese Mathematik informieren, an Tischen einzelner Arbeitsgruppen, aber auch in großen Sälen. Vor dem geballten Wissen, das die Teilnehmer mitbrachten, war niemand sicher. Der Freiburger Historiker Josef Foschepoth, der vor einem Jahr ein Buch über das „überwachte Deutschland“ publizierte und auf dem Congress über seine Recherchen und Erkenntnisse aufklärte, sagte es auf der Bühne: „Ich sehe mich ansonsten als Spitze der Bewegung, aber hier bin ich plötzlich der Kohlenwagen.“

          Es lässt sich weiterhin darüber streiten, was die Hacker überhaupt eint. Ihre Freude an Computern ist es nicht. Jeder Jugendliche verbringt heute ähnlich viel Zeit mit ihnen, wie sie. Es ist vielmehr eine bestimmte Balance der Tugenden Geduld und Neugier. Seit mehr als 30 Jahren lautet das Chaos-Motto „Spaß am Gerät“. Dabei zeigt sich seit Anbeginn, dass selbst das Gerät nur Mittel zum Zweck ist. Selbst auf einer so unpolitischen Veranstaltung wie dieser geht es meistens um höhere Ziele, wobei damit sehr häufig ebenso gemeint ist: unerreichbare Ziele. Die Hacker schufen eine Kultur des Versuchs, in der alles gemacht wird, nur weil man glaubt, dass es ginge. Nur Ergebnislos sind diese Anstrengungen nicht.

          Der Vortrag, der all das am eindrucksvollsten verband wurde nicht von einem Computerexperten gehalten, sondern von einem Künstler. Der Amerikaner Trevor Paglen begann am späten Samstagabend seinen Vortrag recht harmlos. Er zeigte Nachtaufnahmen der Geheimdienstzentralen, gleich zu Beginn das inzwischen gut bekannte NSA-Hauptgebäude in Fort Meade. Ein schwarzer Block, der nachts so dunkel ist wie am Tag. Doch diese Aufnahme reichte ihm selbst nicht. Und so zog er los, nahm Objektive mit 5000 Millimeter Brennweite mit und machte Bilder von Geheimdienstanlagen, die man auch während der Spähaffäre nicht in den Medien sah. Die Area 51 ließ sich so gut abbilden, „aber bei 60 Meilen Entfernung“ sei Schluss, kommentierte er einige Bilder, auf denen nur noch ein flimmernder Farbverlauf zu sehen war.

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