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Veröffentlicht: 28.12.2013, 12:44 Uhr

Chaos Communication Congress Bastler, Baustler, Life Hacker

Gehackt werden nicht nur Telefonverbindungen und Computer, sondern auch Strickcomputer und Pflanzen. Auf dem Chaos Communication Congress stellt sich eine Kultur des Selbstentdeckens vor. Funde werden bereitwillig mit allen geteilt.

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© Andrea Diener Ein staubsaugerbetriebenes Rohrpostsystem namens Seidenstraße: Zur Überbrückung müssen Besucher des Chaos Communication Congress noch persönlich aushelfen

„Essenmachen ist ein Prozess. Und Prozesse lassen sich hacken.“ Wer auf einem Gang des Hamburger Congress Centrums steht und zweifelnd ein etwas deplaziertes Glas Kimchi anstarrt, wird am Stand der Food Hacking Base eines Besseren belehrt. Hacken findet nicht zwangsläufig vor Tastatur und Bildschirm statt, Hacken kann man alle Systeme, ob sie digital gespeichert sind oder ganz dreidimensional und feststofflich vor einem herumstehen. Kimchi zum Beispiel. Und diese erweiterte Definition des Begriffs erklärt vielleicht, warum beim Chaos Communication Congress auch etliche Leidenschaften für Prozesse wie Bierbrauen in Kleinstmengen, automatisiertes Cocktailmixen oder Kaffeezubereitung jenseits der Filtermaschine - in plüschig inszenierten Sofaecken bei den „Coffee Nerds“ - ausgelebt werden.

Andrea Diener Folgen:

Etwas näher liegt da schon die Leidenschaft für obsolete Technik, über die man ohnehin alle drei Meter stolpert. Und wenn man sie mit wenig Aufwand und Budget nachbauen kann, umso besser. Die Künstlergruppe Telekommunisten hatte auf der letzten Transmediale eine Rohrpostanlage quer durchs Berliner Haus der Kulturen der Welt verlegt, nun sieht das Hamburger Congress-Centrum die erweiterte Form dieses Systems. Die Basisidee bleibt die gleiche, nämlich die Verwendung von gelben Drainagerohren aus dem Baumarkt, Industriestaubsaugern sowie PET-Flaschen als Kapseln. Diese etwas provisorisch anmutende Angelegenheit, die sich innen und außen durch sämtliche Schlitze quetscht, schnurstracks durch Säle verläuft und an Säulen entlangwindet, trägt den schönen Namen „Seidenstraße“. Es ist ein klassisches Do-it-yourself-Projekt. „Bausteln“ nennt man das heute, eine Kombination aus basteln und bauen. Und dass dem Selbermachen immer Konsumverweigerung und also stiller Protest innewohnt, weiß man spätestens seit der Erfindung industrieller Fertigung. Wer selber macht, nimmt nicht einfach das, was man ihm vorsetzt zu den Bedingungen, die der Hersteller ihm aufzwingt. Wer selber macht, denkt über Alternativen nach, und seien sie auch noch so abseitig wie ein staubsaugerbetriebenes Rohrpostsystem es nun einmal ist.

Die Seidenstraße ist nicht nur eine spaßige Bastelei, sie ist auch eine Denkübung. „Wir bauen sozusagen das alte Internet nach“, sagt *m, gesprochen Mae, eine der Initiatorinnen der Hamburger Seidenstraße zwei punkt null beta. Die ursprüngliche, namensgebende Seidenstraße sei auch ein Netzwerk von Handelsrouten mit vielen Zwischenhändlern gewesen, niemals habe ein Händler die gesamte Strecke allein absolviert. Und auch die neue Hamburger Seidenstraße ist wegen der zahlreichen Brandschutztüren im Congress Centrum, die geschlossen bleiben müssen, auf menschliche Hilfe durch manuelle Überbrückung angewiesen. „Wir haben leider noch keine automatischen Router“, bedauert Frank Rieger, also müsse man auf manuelles Routing zurückgreifen. Damit sind die Besucher gemeint, die die Rohrpostkapseln zur nächsten Station tragen und ihrem Bestimmungsort näherbringen sollen. Und bei engen Biegegraden müsse man mitunter ein bisschen dagegentreten. Das sei das Debugging.

Tischstrickmaschine offenbart Open-Source-Gedanken

Ziemlich viel Raum im Erdgeschoss des Congress Centrums steht als sogenannter Hackerspace einzelnen Clubs und Projekten zur Verfügung. Hunderte sitzen hier vor Bildschirmen, andere löten an Platinen herum, bauen Leuchtobjekte mit LED-Lämpchen oder lümmeln im Bällebad. Chris und Andy sitzen vor einer ziemlich antiquiert anmutenden Tischstrickmaschine, die mit einem Rechner verbunden ist und der wiederum an einem Laptop hängt. Die Brother KH 910 des Baujahres 1975 haben sie für 280 Euro gebraucht über Kleinanzeigen erstanden. Das gute, etwas angegilbte Stück kommt nicht nur mit einer simplen Gebrauchsanweisung, sondern mit einem umfangreichen Service-Manual daher, anhand dessen man diese Maschine nicht nur verstehen, sondern im Notfall auch selbst reparieren kann. „Das war ja eine große Anschaffung, so eine Maschine wirft man nicht einfach weg, wenn sie kaputt ist“, sagt Chris.

Die Offenlegung des Innenlebens, wie sie die Firma Brother einst lobenswerterweise praktizierte, ist die Urform des Open-Source-Gedankens, der Funktionsweisen nicht geheimniskrämerisch vor dem Endkunden zu verbergen sucht und im Falle eines Defektes zum Neukauf zwingt. Anscheinend gab es Zeiten, in denen es Firmen durchaus erstrebenswert schien, wenn ihre Produkte als besonders langlebig und leicht reparierbar galten. Doch vermutlich ist es gerade der gegenwärtige Trend, der Kunden in geschlossene Systeme zwingt und den Austausch von defekten Teilen so schwer wie möglich macht, der den Gegentrend zum Hacken dieser Systeme provoziert.

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