http://www.faz.net/-gqz-7kv51
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 29.12.2013, 17:07 Uhr

Chaos Communication Congress Adressierung ist Herrschaft

Das amerikanische Streben nach digitaler Hegemonie hat eine Vorgeschichte. Das zeigt der Medienwissenschaftler Christoph Engemann mit seinem Vortrag auf dem Chaos Communication Congress.

von Stefan Schulz, Hamburg
© dpa Der elektronische Kern des „neuen Personalausweises“: Auf dem Chipmodul sind ein digitales Passfoto und weitere persönliche Daten gespeichert

Nach seinem Vortrag musste sich der Lüneburger Medienwissenschaftler Christoph Engemann in den dunklen Gängen des Congress Centrums Hamburg eine ebenso dunkle Nachfrage gefallen lassen: Ist das nicht eher eine große Verschwörungstheorie? Soll es tatsächlich einen Zusammenhang geben zwischen dem politischen Scheitern Amerikas, nie ein digitales Identifikationssystem aufgebaut zu haben - während gleichzeitig amerikanische Unternehmen damit prahlen, die Daten von Milliarden Menschen zu besitzen, die obendrein dazu motiviert werden konnten, ihre Daten strukturiert und freiwillig preiszugeben?

„Naja“, sagt Engemann, „dass Amerika zum Hegemon im Internet werden wollte, geht sehr wahrscheinlich auf eine politische Entscheidung zurück, die vor zehn oder fünfzehn Jahren tatsächlich getroffen wurde“. Dass dieser, wenn auch in erster Linie privatwirtschaftliche Erfolg heute einhergeht mit der Identifikation der Weltbevölkerung sei eben ein überraschender Nebeneffekt. Die „Möglichkeiten der Adressierung, die in der Entwicklung steckte, wurden früh erkannt.“

Die machtvolle Aufsicht über die Register

Adressierung wirkt hierbei wie ein harmloses Wort. Was es eigentlich bedeutet, stellte Engemann zuvor in seinem Vortrag dar. Denn erst die Möglichkeiten des Adressierens führten zu den Möglichkeiten des Regierens.  Die Entdeckung Amerikas und die Reformation begründeten das ein halbes Jahrtausend alte System der Registrierung.

Die spanische Krone und die Inquisition erfanden das „moderne Betriebssystem der Staatlichkeit, die Bürokratie, die Präsenz auf dem Papier“. Es erlaubte die „Verknüpfung von Körpern und Dokumenten“, und damit die eindeutige Referenzierung auf Menschen. Über Jahrhunderte habe das System nach demselben Modell der Namensliste funktioniert. Die Macht einer Regierung stützte sich auf die Kontrolle der Register, sagte Engemann. Dann geschah die kulturelle Katastrophe der Digitalisierung, die die Staaten in den vergangenen zwanzig Jahren nicht zu beherrschen lernten. 1993 habe die amerikanische Regierung begonnen, die „Informationssuperhighways“, von denen der Vize-Präsident Al Gore damals sprach, kontrollieren zu wollen.

Root-Keys unter staatlicher Kontrolle

Die erste Initiative, der „Clipper Chip“, der in allen Telefonen verbaut werden sollte, um sowohl Authentifizierung sowie Verschlüsselung zu garantieren, war aber ein Misserfolg. Bürgerinitiativen wehrten sich dagegen, dass das kleine Bauteil ebenso eine Abhörschnittstelle für den Staat enthielt.

Zur gleichen Zeit versuchte die deutsche Regierung, mit dem „Signaturgesetz“ die Unterschrift auf Papier zu virtualisieren, um Bankgeschäfte und juristischen Schriftverkehr ins Internet verlagern zu können. Auch dieser Versuch schlug fehl. Es schien nicht akzeptabel zu sein, dass der Staat die Kontrolle über die „Root-Keys“ aller Identitäten behalten wollte. Ein Problem übrigens, wie in anderen Vorträgen wiederholt angemerkt wurde, das den staatlichen Bemühungen bis zur aktuellen De-Mail-Initiative innewohnt.

Eine lange Reihe gescheiterter Projekte

Nach dem Clipper-Chip-Debakel habe Amerika bis 2010 diese Aufgabenstellung nicht wieder aufgegriffen, sagte Engemann. In Deutschland sei die Entwicklung anders verlaufen. Als Teil der „Antiterror-Gesetzgebung“ vom November 2001 habe die rot-grüne Regierung den „elektronischen Personalausweis“ beschlossen, der inzwischen 20 Millionen Mal ausgegeben worden sei und aus Gründen besserer Akzeptanz nun „neuer Personalausweis“ heiße, sagte Engemann.

Zum rot-grüne Regierungsprojekt „Agenda 2010“  gehörten Gesundheitskarte und Jobcard. Mit dem Authentifizierungschip der Gesundheitskarte wurde bis 2011 sogar der Einkommensnachweis von Arbeitnehmern digital bearbeitet. Nun schaue man zurück auf „zwanzig Jahre gescheiterte Projekte“, sagte Engemann. Entweder wurden die Systeme wieder abgeschafft, oder, wie der neue Ausweis, kaum genutzt. Neue Bemühungen gebe es allerdings sehr wohl. NSTIC heiße ein Gesetzesvorhaben, das im ersten Satz den amerikanischen politischen „Willen, Personen und Geräte zu identifizieren“ darstellt. In der Vorlage wird ausdrücklich von „NPEs“ gesprochen, von nicht personellen Entitäten.

Mehr zum Thema

Die Identitäten werden allerdings nicht mehr staatlich organisiert, sondern vom privaten Sektor innerhalb einer Private-Public-Partnership (die „Internet Ecosystem Steering Group“). Die Internetgiganten sollen das Ökosystem schaffen. Im Sommer 2012 nahmen die 500 Mitglieder der Arbeitsgruppe ihre Arbeit auf. Laut Gesetz handelt es sich bei der Identifikation von Personen und Geräten im Internet um einen Eckstein in der Herstellung und Garantie von Sicherheit. Im historischen Kontext handelt es sich um die Einrichtung digitaler Staatlichkeit, also um politische Bemühungen, mit den Entwicklungen der digitalen Gesellschaft mitzuhalten.

Glosse

Mensch, gönn dir was!

Von Melanie Mühl

In Zeiten sparerfeindlicher Zinspolitik müssen alternative Anlagestrategien her. Gierig zu sein, wenn andere ängstlich sind, das empfiehlt der Investor Warren Buffett. Was, wenn man ihn beim Wort nähme? Mehr 8 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage