Es gibt Sätze, die man im Alltag viel zu selten hört. „Hinterm Mond müssen wir dann abbremsen“ ist einer davon, und der Satz ist nicht nur deshalb gut, weil der Mann, der da im Schlabber-T-Shirt auf dem Campingstuhl sitzt, ihn völlig ernst meint. Er zeugt auch von einer Geisteshaltung, von der die Welt gerade eine ordentliche Dosis gebrauchen könnte: von der Gewissheit, dass niemand die engen Grenzen dessen, was auf den ersten Blick möglich erscheint, akzeptieren muss, und auch davon, dass jeder selbst entscheiden kann, ob er im Sessel „Star Wars“ guckt oder zum Mond fliegt. Arne Reiners hat sich für den Mond entschieden.
Kurz vor dem Mond kommt für Reiners das „Chaos Communication Camp“, eine Art Sommerfrische für Nerds – „non emotionally responding dudes“ –, zu dem sich alle vier Jahre rund dreitausend von ihnen im brandenburgischen Niemandsland versammeln. „Wald“, ist denn auch die erschöpfende Antwort des Taxifahrers auf die Frage, was die Gegend zu bieten habe. Und früher? „Russen im Wald.“ Sie waren am Militärflugplatz Finowfurt stationiert, bis die Wende kam. Seitdem bleiben die Landebahnen leer, abgesehen von Treffen freundlicher Minderheiten wie Feuerwehrleuten, Bikerclubs, Autoteilehändlern oder eben den Hackern, die von Mittwoch bis Sonntag ihre Zelte dort aufschlugen.
„Hacken“ im Wald
Der Mensch, der so seinen Urlaub verbringt, besteht zu neunzig Prozent aus Mate-Tee, einem wachhaltenden Kaltgetränk, an dessen Geschmack man sich erst „gewöhnen“ müsse, wie es hier diplomatisch heißt. Die Camper sind aber Profis, also längst alles Wachhaltende gewöhnt, das sie brauchen, um noch ein paar Stunden länger als von der Natur gewollt störende Grenzen wegprogrammieren zu können. Denn natürlich geht es in jedem Igluzelt und in jeder bunten Hängematte zwischen den Bäumen ums „Hacken“. Schließlich ist es der Chaos Computer Club (CCC), die weltweit größte Hackerorganisation, der zu dem internationalen Treffen geladen hat; Jugendzimmerzocker und Menschen, die, statt hochfahren, mal abschalten wollen, sind gar nicht erst angereist.
Tatsächlich wird im Camp an einem Tag mehr gedacht als in den meisten Büros in einem ganzen Monat. In zwei alten Hangars reiht sich Vortrag an Vortrag. Daniel Domscheit-Berg hat dort am Mittwoch sein WikiLeaks-Nachfolge-Projekt OpenLeaks vorgestellt und die anwesenden Hacker aufgefordert, das System zu knacken, womit er die Sicherheit der Seite prüfen lassen wollte. Die Idee kam im Vorstand des CCC allerdings nicht gut an: Prompt strich er Domscheit-Berg gestern von der Mitgliederliste, weil er den Eindruck erweckt habe, dass der CCC eine Sicherheitsüberprüfung für OpenLeaks übernommen habe, und damit den Ruf des Vereins ausnutze. Außerdem sei das Projekt intransparent, hieß es in der Ausschlussbegründung, was, da es ja Whistleblower anlocken soll, nicht so gut wäre.
Surfertypen mit Angst vor Sonnenbrand
Inzwischen hat der Konflikt zu heftigen Kontroversen geführt. Beide Seiten deuten an, dass zum Streit auch die Umstände von Domscheit-Bergs Bruch mit der Enthüllungsplattform WikiLeaks führten, deren Sprecher er war. Dabei wurden im vergangenen Jahr auch Kopien brisanter Informationen mitgenommen – laut Domscheit-Berg aus Sorge um den Schutz der Whistleblower, die diese Daten WikiLeaks übergeben hatten.
Im Camp ist Domscheit-Berg zunächst noch guter Dinge und erzählt den Journalisten von seinen Plänen. OpenLeaks ist aber nur eins von rund siebzig Villages, wie hier die Zelte heißen, in denen Hacker ihre Projekte vorstellen oder weiter daran arbeiten. Anders als der CCC-Kongress, auf dem jedes Jahr zwischen Weihnachten und Silvester in Berlin die großen Themen der Szene verhandelt werden, ist der Flugplatz in Finowfurt vor allem ein Abenteuerspielplatz, auf dem man Freunde trifft und mit ihnen alle paar Minuten einen neuen Trick findet, um noch höher zu schaukeln als bisher, noch weiter abzuspringen und vielleicht auf einem Trampolin statt im Sand zu landen. Surfertypen fallen hier eher durch Browserkenntnisse als Bräune auf, und in der Schlange vorm Kaffeestand befürchten drei blasse Ostfriesen „Instant-Sonnenbrand“, wenn sie nicht bald das schattenspendende Vordach erreichten. Gut gelaunt sind sie aber doch, denn endlich können sie so lange über Software reden, bis keiner mehr kann oder einer auf die Idee kommt, man könnte ja auch mal etwas löten.
Warum denken? Weil es geht!
Da viele Hacker „faszinierenderweise Angst vor Hardware haben“, wie es CCC-Sprecher Frank Rieger ausdrückt, der mit Strohhut auf einem alten Postfahrrad über die Landebahnen gondelt, können sie in einem großen Zelt lernen, einen Geigerzähler zu bauen, wobei die Faszination die Angst besiegt, oder sich mit der Universalfernbedienung „TV-B-Gone“ vertraut machen, mit der man angeblich jeden Fernseher ausschalten kann. Die Hardwareprofis sind sehr freundlich zu den Softwareprofis, und selbst wer den Lötkolbenhalter für einen Tauchsieder hält, kann Glück haben: zum Beispiel im Zelt des Bochumer Hackerspaces Das Labor, wo sich einer des ahnungslosen Gastes erbarmt und mit ihm zusammen eine Menge Dioden auf einer Platine festlötet, und weil auch noch ein Computerchip und ein Kabel dabei sind, darf man am Ende eine bunt blinkende Lampe mit nach Hause nehmen, mit deren Licht man einen ganzen Rummelplatz beleuchten könnte.
Neben solchen Diensten am Nächsten verfolgt das Labor im Camp aber noch ein anspruchsvolleres Ziel: Es soll ein Wetterballon gebaut und programmiert werden, der dreißig Kilometer hoch in die Luft steigt, dort bei minus fünfundfünfzig Grad Kameraaufnahmen macht und nach der Rückkehr auf die Erde, Signale aussendend, von der Gruppe wieder eingesammelt wird. Material für 500 Euro wird verbaut, da ist es nur sinnvoll, dass Projektleiter Ralph im Zelt testet, ob die vorgesehene Schnur für den Ballon auch fest genug ist. Er greift eine Bierflasche, „die hat genau das Gewicht der Mission“, bindet sie fest und lässt sie mehrmals vom Zeltdach fallen, bevor sie mit leisem Knall und Rauchwölkchen von der Schnur gesprengt wird und auf die Erde fällt, wie es auch mit der Messstation geschehen soll.
Im Hackerspace der Bochumer hänge ein Schild, erzählen sie, mit der Aufschrift „Weil es geht“. Das ist die Antwort auf fast alle Fragen, die man den Hackern im Camp zu ihrer Motivation stellen kann. Sie denken, weil sie es können, und sehen in Grenzen kein Hindernis, sondern die Herausforderung zu deren Überwindung. Wie sich jemand nicht dafür interessieren kann, wie sein Smartphone funktioniert („Das kommt einem doch sonst vor wie etwas aus dem Weltall“), begreifen sie nicht, und dann ist man natürlich schon mittendrin in einem Gespräch über all das, was die Hacker über die Gegenwart wissen und für die Zukunft befürchten, und das ist eine Menge.
Keine Angst vorm Fliegen
Manche Hacker wie derjenige, der sich Xarkas nennt, vertrauen vor allem sich selbst und Regierungen wie Unternehmen kein bisschen. Xarkas hat „vier bis fünf“ Handys, alle mit Prepaid-Karten. Ein schlichtes Nokia zieht der schwarzgekleidete Mann aus der Tasche, das sei ausschließlich für Telefonate mit einer einzigen Person; und er weiß auch, wie man an Geräte kommt, mit denen man es abhören könnte. Xarkas kann den Sony-Nutzerdatenhack erklären und wo die Mitgliederlisten der CDU-Ortsvereine herkommen, die unter den Campteilnehmern schon seit einigen Tagen kursieren; wie man eine Festplatte in eine Straßenlaterne baut („wo Strom ist, kann auch eine Festplatte sein“) und im Übrigen auch, wie man eine Tür in fünf Sekunden mit einer Büroklammer öffnet. „Security“ sei sein Thema, sagt er, die Arbeiten der Raketenfreunde wie Arne Reiners, der mit dem Projekt „Part Time Scientists“ wirklich 2013 einen Roboter zum Mond schicken will, und der Amateurfunker im Camp interessieren ihn nicht.
Xarkas ist wie viele andere hier, um Leute zu treffen, die er kennt oder kennenlernen will. Was dabei herauskommt, weiß er vielleicht erst in ein paar Monaten: ein Projekt, ein Hack oder auch nur eine Telefonnummer. Vielleicht bleibt es auch bei ein paar schönen Tagen in der brandenburgischen Provinz, in der nachts die Blinklichter und Laserstrahlen angehen und sich eine Diskokugel zwischen Baumkronen dreht. Die Hacker trinken dann Mate mit Rum, erkunden die russischen Bunker, deren Türen plötzlich offen sind, und liefern sich nachts um halb fünf Trockennebelschlachten zwischen den Zelten, über die auf wehenden Flaggen der Linux-Pinguin wacht und tags die Antonow AN 2, Baujahr 1967, ratternde Runden fliegt.
Und wenn man Glück hat, unterhält man sich gerade mit einem Camper, wenn ihn ein Freund anruft und zum Flug einlädt, zwei Plätze seien noch frei. Dann sitzt man wenig später mit acht anderen in dem roten Doppeldecker, der von der alten russischen Startbahn in den blauen Himmel abhebt, und alle lachen und fotografieren und filmen das Camp, das immer kleiner wird, und wissen, dass Menschen fliegen können, weil es einmal ein paar von ihnen gab, die nicht akzeptieren wollten, dass der Mensch am Boden bleibt.