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Sous le ciel de Paris  : Juliette Gréco wird 90 

Wer ihr dumm kommt, der kann was erleben: Juliette Gréco im Jahr 1960. Bild: Imago

Noch immer steht sie auf der Bühne, spielt und formt ihre Lieder nach Herzenslust: Die Chanson-Legende Juliette Gréco feiert heute ihren neunzigsten Geburtstag.

          Wer Jean-Paul Sartre gekannt hat, Boris Vian, Miles Davis, Jacques Brel und viele, viele andere Künstler der Fünfziger und Sechziger, wer ihre Lieder gesungen hat, mit ihnen lebte und dabei zum Zeuge ihres Aufstiegs geworden ist, der war auch immer in Gefahr, dabei auf der Strecke zu bleiben: als nettes Anhängsel, als Applausspenderin für die Genies, als hübsches Gesicht der Szene von Saint-Germain-des-Prés.

          Wenn diese Gefahr für Juliette Gréco je bestand, dann hat die Schauspielerin und Sängerin sie mit einem Fingerschnipsen in Schach gehalten, und wer sich ihre frühen Aufnahmen anhört, der wird darin noch in den gefälligsten Melodien und dem einschmeichelndsten Arrangement immer noch so viel an Widerborstigkeit in Grécos Ausdruck wahrnehmen, dass der Gedanke, sie könne sich unter Wert verkaufen, ganz abwegig erscheint. Und es bräuchte gar nicht ihre Version einiger Brecht/Weill-Lieder, um das Seeräuberjennyhafte in ihrer Stimme herauszukitzeln, das ihren Platten jenes Gran an Stolz und Abgeklärtheit verleiht, das sie über das Gros der zeitgenössischen Produktionen heraushebt.

          „Ich stelle mich in den Dienst der Texte“

          Juliette Gréco, geboren am 7. Februar 1927 als zweite Tochter eines exilierten korsischen Polizisten, der die Familie bald verlassen wird, und einer viel jüngeren Südfranzösin, die bald nach Paris gehen und die Kinder in die Obhut der Großeltern geben wird, wuchs im Krieg heran und erlebte die Deportation ihrer Mutter und ihrer Schwester, die beide das Konzentrationslager Ravensbrück überlebten. Nach dem Krieg trat sie als Sängerin auf, später auch als Schauspielerin, und bewies ein großes Gespür für diejenigen Werke ihrer kreativen Freunde, die zu ihr passten – als Edith Piaf Charles Aznavours Komposition „Je hais les dimanches“ ablehnte, griff Gréco zu und machte das Lied ungemein populär.

          „Einen Text auszusuchen, ihn zu singen ist ein Akt des Engagements“, schreibt Gréco in ihrer Autobiographie: „Ich stelle mich in den Dienst der Texte, ich singe und interpretiere sie, damit man sie besser versteht.“ Was so selbstverständlich klingt, lebt doch von zwei Vorbedingungen: Erstens geht dem Singen das Aussuchen voraus, Gréco wählt gemäß ihres eigenen Zugangs, und dieser ist es dann zweitens, der ihre Interpretation bestimmt und damit auch das angestrebte bessere Verständnis durch das Publikum. Der Dienst am Text ist nicht zuletzt ein Anverwandeln, bis viele wohlbekannte Lieder anderer Autoren plötzlich ganz unbekannte Facetten aufweisen.

          Solange man sich nur dem Versteinern widersetzt

          Wenn sie etwa Préverts Lied „Embrasse-moi“ singt, macht sie mit jeder Phrase, mit jeder Modulation, mit jedem Registerwechsel klar, dass sie es ist, die in dieser Liebesbeziehung die Kontrolle fordert, besitzt und behält. Jacques Brels Unterwerfungsgesang „Ne me quitte pas“, den sein Autor eine „Hymne an die Feigheit“ nannte, wird ihr, ganz allein durch den Ausdruck, zur Provokation des wankelmütigen Geliebten. Und die wehmütigen Lieder, die im Vergehen der Zeit immer nur den Verfall beschreiben, singt sie so, als wäre es längst nicht ausgemacht, ob der Verlust nicht auch sein Gutes hat, solange man sich nur dem Versteinern widersetzt.

          Beim letzten Konzert ihrer Abschiedtournee steht sie im Jahr 2015 in Frankfurt auf der Bühne der Alten Oper.

          Und auch als Schauspielerin irritiert sie mit dieser Bereitschaft, scheinbar Selbstverständliches in Frage zu stellen, auf das schönste. Sie ist es, die der kruden Fernsehproduktion „Belphegor“ von 1965 eine solche Würde und Raffinesse verlieh, dass man sich den Mehrteiler auch heute noch mit dem größten Vergnügen ansehen wird. Gréco gibt darin den mysteriösen Vamp, der alles Mögliche mit Leichtigkeit verkraftet, nur nicht die jähe Erkenntnis, immer wieder die Kontrolle verloren und es nicht einmal bemerkt zu haben.

          Juliette Gréco steht immer noch auf der Bühne, spielt und formt ihre Lieder nach Herzenslust, sie unternimmt nichts, um das Publikum ihr Alter vergessen zu lassen. Warum auch, wenn man so altert wie sie? Heute feiert sie ihren neunzigsten Geburtstag.

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