Im Fußball kann auch etwas wirklich Falsches und zutiefst Trauriges richtig schön und gerecht sein, also selbst der Sieg des AC Mailand gegen den FC Arsenal am Mittwochabend im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League. Wer außer den Fans, die sogar Milan hat, konnte diesen Sieg wollen, als das Spiel begann? „Die Mannschaft mit den grauen Schläfen“: So spottete der Sat.1-Reporter Wolff-Christoph Fuss angesichts der vielen Anfang-, Mitt- und Enddreißiger im Spielerkader auch sofort. Nicht verkneifen wollte er sich im Fortgang die Formel vom „Bunga-Bunga-Fußball“ - und er konnte ob solch abwertender Sticheleien unserer Sympathie gewiss sein.
Seit 1986 gehört der Klub Silvio Berlusconi. Ihn hatte eigentlich niemand vermisst in den vergangenen drei Monaten, in denen ihm nach dem Rücktritt als Ministerpräsident die Schlagzeilen endlich nicht mehr gehörten. Als Fuss überdies berichtete, Berlusconi habe dem weitgehend unbekannten Trainer Allegri die Mannschaftsaufstellung mehr oder weniger diktiert, glaubte man endgültig Bescheid zu wissen - das sollte und musste schiefgehen. Nach den wahrhaft hinreißenden neunzig Minuten des AC Mailand war indes klar: Hätte Berlusconi je auch nur annähernd so diszipliniert und geistvoll regiert, wie seine Mannschaft am Mittwoch spielte - Italien wäre ein umfassend blühendes Land.
Boateng erreicht neue Höhen
Aus einem völlig überzeugenden Team ragten drei Spieler heraus, deren Beliebtheitswerte jenseits des AC Mailand gegen null tendieren. Der Stürmer Zlatan Ibrahimović galt seit seinem Scheitern beim FC Barcelona in der vorvergangenen Saison als total überschätzter und überbezahlter Söldner. Aber lange bevor er nun mit seinem späten Elfmeter aus der bereits feststehenden Niederlage ein veritables Debakel für Arsenal machte, hatte er sowohl spielerisch als auch kämpferisch brilliert. Im Brasilianer Robinho musste man bisher einen launischen Abzocker vermuten, der trotz seines unzweifelhaften Talents zweifellos unreif geblieben war. Nun explodierte seine Leistung, er spielte gleichermaßen mit Leidenschaft und Verstand.
Und dann auch noch der Albtraum-Berliner Kevin-Prince Boateng, in dem sich aktuell die ganze Unfairness und Ungerechtigkeit des Fußballs verkörpern. Da trat er, weiland in Diensten des FC Portsmouth, am 15.Mai 2010 beim englischen Pokalfinale gegen Chelsea Michael Ballack derart brutal, dass nicht nur dessen WM-Teilnahme obsolet wurde, sondern, wie man inzwischen leider weiß, auch gleich die späte Karriere und darüber hinaus viel vom öffentlichen Ansehen perdu gingen. Seit dieser bösen Schicksalssekunde aber strebt just die Karriere Boatengs in immer neue Höhen - auch sein Einsatz und das Tor gegen Arsenal waren schlicht phänomenal.
Eine Hommage an die Verlierer
Der geschlagene, der gedemütigte FC Arsenal ist weltweit eine der geachtetsten Adressen, seit gut anderthalb Jahrzehnten repräsentiert durch den Trainer-Intellektuellen Arsène Wenger und literarisch zumindest für mittlere Ewigkeiten geadelt durch Nick Hornbys bekenntnisgroßes Prosaepos „Ballfieber“ von 1992. Welcher Dichter käme je auf die Idee, den AC Mailand zu besingen?
Es spricht mithin sehr für die „ran“-Redaktion von Sat.1, dass man für das Abschlussgespräch zwischen dem Moderator Johannes B. Kerner und dem fußballewigen Franz Beckenbauer eine Schautafel einblendete, auf der ebenfalls eine literarische Assoziation aufleuchtete: „Der englische Patient“ lautete sie und war, den Romantitel von Michael Ondaatje zitierend, nicht weniger als eine Hommage an die Verlierer. Beckenbauer übrigens sah in Arsenals Niederlage nur ein weiteres Symptom für den schleichenden Niedergang des englischen Vereinsfußballs. Dem widerspricht allein schon die blitzartige Wandelbarkeit jedweder fußballerischen Gewissheit.
Noch mehr aber hätte Beckenbauers Erinnerung der eigenen Analyse entgegenstehen müssen. Anfang März 1973 trat er als Kapitän und Libero des FC Bayern zum Viertelfinal-Hinspiel des damaligen Landesmeisterpokals in Amsterdam gegen den AFC Ajax an. Nach dem, notabene, Null-zu-vier-Debakel gab es sofort Abgesänge auf den deutschen Fußball. Im Jahr danach holte der FC Bayern den Pokal, Deutschland wurde Weltmeister.