14.05.2010 · Das neue Centre Pompidou in Metz vereint die aktuellen Leitideen und Traumata der westlichen Welt - das „Zurück zur Natur“ des Ökologismus und den Wunderglauben des Computerzeitalters.
Von Dieter BartetzkoAnkunft Bahnhof Metz. Den Reisenden empfängt ein Zyklopenzwitter aus Völkerschlachtdenkmal und Meistersingerburg. Ehrenhallen, kraftstrotzende Rundpfeiler, dröhnende Tonnengewölbe. Auf einem gigantischen blaurot glimmenden Glasgemälde bebrütet Karl der Große das Schicksal. 1908 wurde der Bau vom Architekten Jürgen Kröger und Kaiser Wilhelm II. hierher gewuchtet, eine Riesenfaust, die jedem einbleuen sollte, dass Metz seit 1871 für immer eine deutsche Stadt sei.
Dem bombastischen Bahnhofsturm, einem Liebling Wilhelms II., antwortet seit kurzem ein weißes Gestänge, auf dem die französische Flagge weht. Es sticht, zwei Gehminuten vom Bahnhof, aus einem kristallin flirrenden Baldachingebilde. Ein Riesentuch, das ein Alien mit leichter Hand aus dem All hat fallen lassen und das eine Sekunde vor dem Kontakt mit der Erde erstarrte, so schwebt das neue Centre Pompidou-Metz wie ein Gegenbild zur geballten Bahnhofsfaust im Weichbild der Stadt.
Achttausend Quadratmeter weiße Textilmembran aus Glasfaser und Teflon
Schon Jahre vor der jetzigen Einweihung des „CP Metz“ (Bauzeit von 2003 bis 2010) kannte alle Welt dieses Dach, dessen Struktur und Form sein japanischer Architekt Shigeru Ban dem geschwungenen Strohhut eines Reisbauern nachempfunden hat. Schon beim ersten Kontakt verblasst diese Assoziation so wie der notorische Origami-Vergleich, den Bans Vorliebe für Karton als Baustoff nahelegt: Achttausend Quadratmeter weiße Textilmembran aus Glasfaser und Teflon, gespannt in 37 Meter Höhe auf einen Metallring, dazu bis zu zwanzig Meter Dachüberstand – man nähert sich, Schritt für Schritt winziger werdend, einem Giganten des 21. Jahrhunderts, einem surreal flirrenden Doppelwesen aus Computersimulation und Hightech.
Wären da nicht die titanisch-geschmeidigen hölzernen Träger. Honiggelb schimmernd, in sanften Kurven, Windungen und Verschlingungen Dachwerk und Boden verbindend, lassen sie das CP plötzlich wie ein Prunkzelt wirken, an dem lothringische Bildschnitzer der Spätgotik gemeinsam mit traditionsentbundenen japanischen Tempelbaumeistern gearbeitet zu haben scheinen, um die Elbenpaläste aus Tolkiens „Herr der Ringe“ nachzubauen. Doch technoide weiße Beton-Guckkästen mit riesigen Panoramafenstern, die das Gewoge der Membran in alle Himmelsrichtungen durchstoßen, reißen gleich darauf das Ganze vom Rand des Kitschabgrunds zurück.
So erringt man eine zentrale symbolische Bedeutung
Sie sind die Außenposten des mehrfach auskeilenden Zentralbaus, der unter dem Baldachin betont rüde konstruktivistische Metallgestänge, Glasflächen, Rampen und Rolltreppen ausbreitet, die in drei Ebenen einen verglasten Lift umkreisen, dessen stählernes Tragwerk das Dach durchstößt, in eine dreibeinige Konstruktion übergeht und als Mast in siebenundsiebzig Meter Höhe endet – Hightech wie in Schanghai oder London; an einer Stelle zitiert der Bau mit unverkleideten brachialen Klimatisierungsröhren den Mutterbau, Renzo/Pianos legendäre „Kunstmaschine“ in Paris.
Wer den größten Anteil daran und wer den größten am ökologisch-romantischen Flair hat, ob Shigeru Ban, sein französischer Partner Jean de Gestines oder der anfangs beteiligte Philip Gumuchdjian, ist unerheblich. Den Ausschlag gibt, dass der Neubau die aktuellen Leitideen und Traumata der westlichen Welt, das „Zurück zur Natur“ des Ökologismus und den Wunderglauben des Computerzeitalters verschmilzt. So erringt das CP Metz dieselbe zentrale symbolische Bedeutung, die das Pariser Centre Pompidou 1977 für die Fortschrittseuphorie des späten zwanzigsten Jahrhunderts hatte.
Die Eröffnungsausstellung geizt nicht mit Meisterwerken
Überhaupt hieße es zu untertreiben, wollte man Metz eine Filiation des Pariser Giganten nennen. Fünftausend Quadratmeter Ausstellungsfläche (Gesamtnutzfläche 10 700 Quadratmeter), Studios, Auditorium, Buchhandlung, Restaurant, Café, Lager, Andienerzonen und jede Menge Büros sprechen für sich. „Wir wollten ein Gebäude von menschlichen Dimensionen, keine Maschine“, sagt Jean de Gastine. Gleichwohl haben er und sein Partner die Ausstellungsebenen als Montagehallen (rechteckige Chaissons, jeweils 84 Meter lang, vierzehn Meter breit und fünf Meter hoch) gestapelt, die bedarfsweise inszeniert werden.
Genau das ist zur Einweihung erfolgt. Unter dem selbstgefällig fragenden Titel „Meisterwerke?“ ist versammelt, was in der Kunst der klassischen Moderne und der Gegenwart Rang hat: Picasso, De Chirico, Brancusi, Duchamp, Pollock, Klein, Prouvé, Bourgeoise, Gursky, Richter, um nur einige zu nennen, hängen und drängen in atemberaubender Fülle.
Frauenakte neben gehäuteten Hühnern
Riesen- und Kleinstformate, Installationen, verdunkelte und blendend helle Räume, dazu schluchtartige Durchblicke nach oben, wo sie auf Spiegel treffen, die, das Gewusel verdoppelnd, die Kunstwelt auf den Kopf stellen – bald überwiegt das Gefühl, sich in einem heillos zersplitterten Kaleidoskop wie Alice in Lewis Carrolls Wunderland zu bewegen. Was bleibt bei so viel Reizen außer flüchtigen Eindrücken? Das leicht angewiderte Amüsement zum Beispiel, wenn an einer Wand räkelnde Frauenakte kombiniert sind mit Stillleben gehäuteter Hühner, die das gleiche fahle Rosa zeigen. Oder der vibrierende Wahn des Fanatismus, den Francis Picabias „Anbetung des Kalbes“ 1942 trotz diskreter Farben und Formen ausstrahlt.
Ein mal charmantes, mal arrogantes Labyrinth, tappt diese Versammlung von Meisterwerken manchmal in Fallen, die ihr der Neubau mit seinen Panoramafenstern stellt. Denn sie öffnen den Blick auf die umgebende Stadtlandschaft. Es überwiegt die Schäbigkeit der typischen zerfransten Stadtränder, verrottende Gleisgelände, fragmentierte Häuserzeilen, unerklärliche Betoncontainer, Krüppelgehölz, Rost, ausgemergelter Asphalt. Dagegen kommen weder die zwei elegisch gewellten neuen Gärten samt festlich beschwingtem Vorplatz des Landschaftsarchitekten Paso Doble an, noch das Wissen, dass sich hier einst das Amphitheater des römisch antiken Metz erhob, in dem 25 000 Zuschauer Platz fanden. Die Tristesse unserer auf den Nutzen des Moments fixierten Gegenwart führt Regie – und drängt sich ordinär in die allseitig offene Kunstwelt des CP.
Die riesige Kathedrale reckt ihr gotisches Strebewerk kühn in den Himmel
Oft trifft sie dabei auf Verwandtes, denn ein Hauptmotiv der modernen und der zeitgenössischen Kunst ist die Entzauberung der Welt. Aber diese partielle Verdoppelung stärkt die Kunstwerke nicht, sondern degradiert sie, holt sie aus der Erhabenheit und Provokation in die Gleichmacherei unserer Wegwerfzivilisation.
Doch dann, in letzter Sekunde, hebt der Neubau die deprimierenden Erfahrungen auf: Nachdem schon der Ausblick auf den Bahnhof, vor allem aber das elegant zivile sogenannte „deutsche Viertel“ entspannt hat, steht man zuletzt vor dem Panorama der Altstadt. Auch bei grauem Himmel scheint ihr „Pierre de Jaumont“, der sonnenfarbene Sandstein, zu glühen. Die riesige Kathedrale reckt ihr gotisches Strebewerk so kühn in den Himmel wie das neue CP Metz seinen Konstruktivismus, das Gewimmel der Altstadthäuser scheint von fern so kubistisch wie der Innenbau des neuen Kulturzentrums. Wie dessen biomorphe, technoide und ökologische Züge einander abwechseln, wechselt auch die alte Stadt von Blickwinkel zu Blickwinkel ihre Gestalt, ist mal römisch, mal gotisch, zeigt sich eben noch barock und gleich darauf gründerzeitlich oder modern – eine Chimäre, der das 21. Jahrhundert mit dem neuen CP ihr Weiterleben sichert.