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Veröffentlicht: 07.04.2013, 14:32 Uhr

Celebrity-Kultur Der Preis des Ruhms

Die Shitstorm-Mentalität ist längst kein Phänomen des Internets mehr. An Stars tobt sich die Masse ziemlich ungehemmt aus. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

von Malte Welding
© Reuters Bikinifotos auf Twitter? Da kündigt der CEO der Firma für sanfte Hautpflege gleich den Werbevertrag: Die Sängerin Rihanna im März bei der Präsentation einer eigenen Kollektion.

Ein Promimagazin auf RTL. Einige Teenager warten vor einem Hotel auf Britney Spears. Deren Limousine rauscht an den Fans vorbei, für einen viel zu kurzen Moment ist der Star zu sehen in einem fliederfarbenen Umhang. Die Fans sind aufgelöst, eine der Gefassteren schnauft: „Nicht mal geguckt hat die! Ich hass’ die voll in ihrem lila Kleid.“

„Solange die Stars uns geben, was wir wollen, werden wir uns an sie hängen“, schreiben Drew Pinsky und S. Mark Young in „The Mirror Effect: How Celebrity Narcissism is Seducing America“. „Aber sobald sie es mal nicht tun, werden wir sie aufs Bösartigste attackieren.“ Die Menschen und ihre Stars: Da ist bekanntermaßen erstaunlich häufig Hass im Spiel. Ob der Angriff gegen Til Schweigers Haus oder Drohungen auf den Facebookseiten der Berühmtheiten: Der Hass braucht nicht einmal einen Anlass. Dabei gibt es Hass eigentlich gar nicht mehr in der Öffentlichkeit. Jede Minderheit ist heute, Gottseidank, geschützt vor beleidigender Sprache und Geringschätzung.

Als der Rapper Lil’ Wayne mit lebensgefährdenden Krampfanfällen ins Krankenhaus gebracht wurde und kurz darauf verkündete, er sei wieder fit, hagelte es auf tmz.com feindselige Kommentare. Er sei eine menschliche Kakerlake, die Nachricht seiner Genesung sei die schlechteste des Jahres. Die Anonymität der Kommentatoren sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Hass kein Netz-Phänomen ist. In den Redaktionen auflagenstarker Magazine wie InTouch werden „die zehn nervigsten Stars“ zum Abschuss freigegeben, die „Bild“ gibt das Vokabular vor, mit dem auf Fußballer eingedroschen wird: Flaschen, Versager, Trottel.

Der Star im goldenen Käfig

Der Hass wird geschürt, weil er gewollt wird. Hate sales. Warum? Ist er Folge enttäuschter Liebe wie bei den Britney Spears-Fans? Es wäre auch naheliegend, ihn mit Neid zu begründen, wie es Sibylle Berg tut: „Was mehr strahlt und funkelt, (...) das mag er nicht, der Mensch.“ Aber warum gab es dann diesen Hass früher nicht?

Der Hass auf Prominente ist ein gesellschaftliches Gift. Ende des achtzehnten Jahrhunderts schrieb der englische Historiker Edward Gibbon in seiner „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“: „Die Entwicklung eines übermäßigen, obsessiven Interesses an Sport und Berühmtheiten war einer der Faktoren des Kollapses der größten Zivilisation, die die Menschheit je gekannt hat.“ Nichts mehr war übrig geblieben vom römischen Virtus, dem Vierklang aus Besonnenheit, Gerechtigkeit, Selbstkontrolle und Mut. Und hier ist nur von „Interesse“ die Rede, nicht von einem geifernden Dauermob.

Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre explodierte die Celebrity-Kultur, als auf einmal Models Superstars wurden und das Privatfernsehen Futter brauchte. Mit Celebrity-Blogs und Leserreportern ist zur Jahrtausendwende aus dem Interesse eine 24-Stunden-Überwachung geworden. Der Star sitzt im goldenen Käfig, die Wärter sind wir. Der einzige Weg hinaus führt durchs Dschungelcamp. Wo man authentisch ist bis zum Erbrechen. Authentizität ist ein Schlüsselwort der heutigen Zeit. Man muss man selbst sein, das verheißungsvoll klingende „Sei du selbst“ ist schließlich ein Befehl.

Die Celebrity-Blogs sind Mini-Bildzeitungen. Das Motto von „Oh no, they didn’t“, einem Blog, dessen Beiträge im Durchschnitt zwischen 500 und 1000 Mal kommentiert werden, ist: „The celebrities are disposable, the gossip is priceless.“ Für disposable bietet das Wörterbuch als Übersetzungen an: wegwerfbar, verfügbar, austauschbar, verkäuflich, frei verfügbar. So spricht man von Waren. „Stars könnten nicht verkäuflicher sein, wenn sie einen Strichcode auf der Haut hätten“, schreibt Ellis Cashmore von der Staffordshire University in seinem Buch „Celebrity/Culture“. Der Star ist Ware und Hersteller in einem, will jedoch, und das ist sein Verhängnis, zugleich makelloses Produkt sein und um seiner selbst geliebt werden. Also zeigt er sich abgeschminkt, hinter den Kulissen. Mit Drogengeständnissen, Cellulitebeichten, Scheidungsdramen.

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