Home
http://www.faz.net/-gqz-787jq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Celebrity-Kultur Der Preis des Ruhms

Die Shitstorm-Mentalität ist längst kein Phänomen des Internets mehr. An Stars tobt sich die Masse ziemlich ungehemmt aus. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

© Reuters Bikinifotos auf Twitter? Da kündigt der CEO der Firma für sanfte Hautpflege gleich den Werbevertrag: Die Sängerin Rihanna im März bei der Präsentation einer eigenen Kollektion.

Ein Promimagazin auf RTL. Einige Teenager warten vor einem Hotel auf Britney Spears. Deren Limousine rauscht an den Fans vorbei, für einen viel zu kurzen Moment ist der Star zu sehen in einem fliederfarbenen Umhang. Die Fans sind aufgelöst, eine der Gefassteren schnauft: „Nicht mal geguckt hat die! Ich hass’ die voll in ihrem lila Kleid.“

„Solange die Stars uns geben, was wir wollen, werden wir uns an sie hängen“, schreiben Drew Pinsky und S. Mark Young in „The Mirror Effect: How Celebrity Narcissism is Seducing America“. „Aber sobald sie es mal nicht tun, werden wir sie aufs Bösartigste attackieren.“ Die Menschen und ihre Stars: Da ist bekanntermaßen erstaunlich häufig Hass im Spiel. Ob der Angriff gegen Til Schweigers Haus oder Drohungen auf den Facebookseiten der Berühmtheiten: Der Hass braucht nicht einmal einen Anlass. Dabei gibt es Hass eigentlich gar nicht mehr in der Öffentlichkeit. Jede Minderheit ist heute, Gottseidank, geschützt vor beleidigender Sprache und Geringschätzung.

Als der Rapper Lil’ Wayne mit lebensgefährdenden Krampfanfällen ins Krankenhaus gebracht wurde und kurz darauf verkündete, er sei wieder fit, hagelte es auf tmz.com feindselige Kommentare. Er sei eine menschliche Kakerlake, die Nachricht seiner Genesung sei die schlechteste des Jahres. Die Anonymität der Kommentatoren sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Hass kein Netz-Phänomen ist. In den Redaktionen auflagenstarker Magazine wie InTouch werden „die zehn nervigsten Stars“ zum Abschuss freigegeben, die „Bild“ gibt das Vokabular vor, mit dem auf Fußballer eingedroschen wird: Flaschen, Versager, Trottel.

Der Star im goldenen Käfig

Der Hass wird geschürt, weil er gewollt wird. Hate sales. Warum? Ist er Folge enttäuschter Liebe wie bei den Britney Spears-Fans? Es wäre auch naheliegend, ihn mit Neid zu begründen, wie es Sibylle Berg tut: „Was mehr strahlt und funkelt, (...) das mag er nicht, der Mensch.“ Aber warum gab es dann diesen Hass früher nicht?

Der Hass auf Prominente ist ein gesellschaftliches Gift. Ende des achtzehnten Jahrhunderts schrieb der englische Historiker Edward Gibbon in seiner „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“: „Die Entwicklung eines übermäßigen, obsessiven Interesses an Sport und Berühmtheiten war einer der Faktoren des Kollapses der größten Zivilisation, die die Menschheit je gekannt hat.“ Nichts mehr war übrig geblieben vom römischen Virtus, dem Vierklang aus Besonnenheit, Gerechtigkeit, Selbstkontrolle und Mut. Und hier ist nur von „Interesse“ die Rede, nicht von einem geifernden Dauermob.

Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre explodierte die Celebrity-Kultur, als auf einmal Models Superstars wurden und das Privatfernsehen Futter brauchte. Mit Celebrity-Blogs und Leserreportern ist zur Jahrtausendwende aus dem Interesse eine 24-Stunden-Überwachung geworden. Der Star sitzt im goldenen Käfig, die Wärter sind wir. Der einzige Weg hinaus führt durchs Dschungelcamp. Wo man authentisch ist bis zum Erbrechen. Authentizität ist ein Schlüsselwort der heutigen Zeit. Man muss man selbst sein, das verheißungsvoll klingende „Sei du selbst“ ist schließlich ein Befehl.

Die Celebrity-Blogs sind Mini-Bildzeitungen. Das Motto von „Oh no, they didn’t“, einem Blog, dessen Beiträge im Durchschnitt zwischen 500 und 1000 Mal kommentiert werden, ist: „The celebrities are disposable, the gossip is priceless.“ Für disposable bietet das Wörterbuch als Übersetzungen an: wegwerfbar, verfügbar, austauschbar, verkäuflich, frei verfügbar. So spricht man von Waren. „Stars könnten nicht verkäuflicher sein, wenn sie einen Strichcode auf der Haut hätten“, schreibt Ellis Cashmore von der Staffordshire University in seinem Buch „Celebrity/Culture“. Der Star ist Ware und Hersteller in einem, will jedoch, und das ist sein Verhängnis, zugleich makelloses Produkt sein und um seiner selbst geliebt werden. Also zeigt er sich abgeschminkt, hinter den Kulissen. Mit Drogengeständnissen, Cellulitebeichten, Scheidungsdramen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ashley Madison Die Geheimnisse der anderen

Die Hacker, die das Seitensprungportal Ashley Madison geknackt haben, spielen moralische Richter. Dabei gehören sie selbst angeklagt. Ihr kriminelles Handeln hat fatale Folgen. Mehr Von Ursula Scheer

25.08.2015, 12:14 Uhr | Feuilleton
Neues Blog What’s Left?

Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz - und wer mit 40 noch links ist, hat keinen Verstand: So heißt es oft. F.A.S.-Ressortleiter Rainer Hank hat den weg von links nach liberal hinter sich. In einem neuen Blog fragt er: SInd diese Weltanschauungen heute noch modern? Mehr

09.03.2015, 15:09 Uhr | Wirtschaft
Verändertes Einkaufsverhalten Hautnah dabei

Erst zu Zara, dann im Netz stöbern: Wir kaufen längst anders ein als noch vor zehn Jahren. Die kleinen Boutiquen möchte aber auch niemand missen. Nur: Wie können sie der Konkurrenz auf Augenhöhe begegnen? Mehr Von Isabelle Braun

25.08.2015, 11:36 Uhr | Stil
Familienfilm Rihanna und Jennifer Lopez leihen ihre Stimmen

Die beiden Popstars Rihanna und Jennifer Lopez singen Songs für den Animationsfilm Home - Ein smektakulärer Trip und leihen in der Originalversion auch zwei Charakteren ihre Stimme. Zum Kinostart in Amerika gaben sich die beiden Diven in Los Angeles die Ehre. Ab Donnerstag läuft der Film auch in Deutschland. Mehr

23.03.2015, 12:42 Uhr | Feuilleton
Gabriel-Besuch in Heidenau SPD von Hass-Mails überflutet

Mit dem Besuch von Sigmar Gabriel in der Flüchtlingsunterkunft in Heidenau hat die SPD den Hass von Rassisten auf sich gezogen. Das Willy-Brandt-Haus spricht von einem rechtsradikalen Mob, der die Parteizentrale mit Anrufen und E-Mails überschwemme. Mehr

25.08.2015, 15:53 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 07.04.2013, 14:32 Uhr

Glosse

Wie weiland Helmut Kohl

Von Edo Reents

Vor ihrem Auftritt bei der Sommerpressekonferenz sprach sich die Kanzlerin gegen Fremdenhass aus. Aber – haben wir das nicht alles schon einmal gehört? Mehr 7 5