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Ceausescus Sturz vor 20 Jahren Der kurze Weg von der Anklage bis zur Hinrichtung

25.12.2009 ·  Ganz entwirren lassen sich die Ereignisse in Rumänien im Dezember 1989 immer noch nicht. Und auch zwanzig Jahre nach dem Ende der Ceausescu-Diktatur bleibt Rumänien ein unberechenbares, nicht einzuschätzendes Land am Rande Europas.

Von Ernest Wichner
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Kurz nach Bekanntgabe des Nobelpreises für Herta Müller meldete sich in Temeswar der bis Dezember 1989 zweitmächtigste Mann der dortigen Securitate, Radu Tinu, zu Wort und teilte in zwei Zeitungsartikeln mit, dass er seinerzeit die Abhörwanzen in Herta Müllers Wohnung montiert habe, dass die Autorin eine Psychopathin sei und schlechter schreibe als etwa Amos Oz oder Mario Vargas Llosa. Der Nobelpreis sei allein aufgrund politischer Erwägungen an sie vergeben worden. Der ehemalige Securitate-Oberst, nunmehr Direktor der Versicherungsgesellschaft Asirom (einer Tochter der Wiener Städtischen), gebärdete sich als Literaturkritiker: Alle Einzelheiten, die Herta Müller über die Zersetzungs- und Unterdrückungsmethoden der Securitate in ihren Büchern mitteile, beruhten auf freier Erfindung. Man habe ihr nichts getan, sie sei lediglich beobachtet worden, weil sie mit einem deutschen Spion in Kontakt gestanden habe. Von dem Mord an dem jungen Autor Roland Kirsch - er wurde am Morgen des 2. Mai 1989 erhängt in seiner Wohnung aufgefunden - weiß er nichts, ja, er hat noch nicht einmal dessen Namen gehört. Aber er kennt den Polizisten, der diesen Tod untersucht hat. Deutlicher kann ein Versprecher nicht sein.

Der Mann, der öffentlich derart sein neues Selbstbewusstsein ausstellt, galt den Temeswarer Demonstranten und Revolutionären im Dezember 1989 als einer der brutalsten Securitate-Offiziere. Er wurde verhaftet, zwei Jahre in Untersuchungshaft gesteckt und anschließend mit eingestelltem Verfahren entlassen: Mangel an Beweisen. Bald darauf sah man ihn als privatwirtschaftlichen Unternehmer, der in den neunziger Jahren kräftig an der Boykottumgehung im Geschäft mit dem serbischen Restjugoslawien verdiente. Abgesichert in einem österreichischen Unternehmen, repräsentiert er nun die rumänische Variante der Kontinuität.

Unklare Fronten

Was zwischen dem 15. Dezember 1989, als in Temeswar die ersten Demonstrationen zum Schutz des ungarischen reformierten Pfarrers László Tökés begannen, und dem 25. Dezember, als das Diktatorenehepaar in Târgoviste erschossen wurde, wirklich geschehen ist, weiß heute niemand mit Sicherheit zu sagen. Nach wie vor ist ungeklärt, wer wann und warum welchen Schießbefehl erteilt hat, ob es sich in Bukarest um eine Palastrevolte mit anschließend herbeigeschossener Legitimation handelte oder um eine Revolution, deren Entfaltung von den Putschisten aus der zweiten Riege der herrschenden Partei in einem Scheingefecht zwischen angeblichen Ceausescu-Anhängern und -Gegnern im Militär und in der Securitate ein vorzeitiges Ende bereitet wurde. Dass das Militär auf die von Terroristen unbekannter Herkunft unterstützte Securitate geschossen habe, ist jedenfalls eine Mär.

Andrei Plesu, 1990 zeitweilig Kulturminister und später einmal Außenminister Rumäniens, ein Antikommunist, Philosoph und Kulturhistoriker, spricht von der "lovilutie", eine im Rumänischen mögliche Verbindung von Staatsstreich und Revolution. Für diese Sicht der Dinge spricht auch die Tatsache, dass die gerichtlichen Untersuchungen und Verfahren gegen die Generäle Chitac, Stanculescu und Gusa, die für den Schießbefehl in Temeswar verantwortlich waren, immer wieder verschleppt wurden. Ende Dezember 1989 noch mit neuen Regierungsämtern betraut, wurden zwei der Generäle im Juni 1990, nachdem der amtierende Präsident Ion Iliescu prügelnde und marodierende Bergarbeiter aus der Provinz nach Bukarest geholt hatte, um den Universitätsplatz von demonstrierenden Studenten zu räumen, unehrenhaft entlassen. 2008 schließlich wurden Stanculescu und Chitac wegen der Verbrechen in Temeswar zu je fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Gusa war bereits 1994 gestorben.

Die Flucht mit dem Hubschrauber

Für die Schießereien in Bukarest ist bis heute kein Verantwortlicher benannt worden. Aus seinem Gefängnis in Jilava heraus erklärt nun der einundachtzigjährige Stanculescu, dazu werde man erst nach dem Tod Iliescus etwas erfahren. In der Boulevardzeitung "Adevarul" vom 12. November 2009 erfährt man jedoch einiges über die Flucht des Ehepaars Ceausescu und die Zeit bis zu seiner Hinrichtung.

Nachdem der Hubschrauber vom Dach des Zentralkomitees abgeflogen war, landete er nach einem Zwischenstopp bei Snagov auf einem Gerstenfeld. Begleitet wurden Nicolae und Elena Ceausescu von einem Major und einem Hauptmann der Securitate. Der Kapitän flog sofort, als die vier ausgestiegen waren, wieder zurück. Er hatte über Funk gehört, dass man seinen Hubschrauber abschießen werde, wenn er weiterflöge. Nun standen die Flüchtenden am Straßenrand und versuchten, per Anhalter weiterzukommen. Da verabschiedete sich auch der Hauptmann und fuhr nach Bukarest zurück. Der Major kam schließlich mit dem Diktatorenehepaar in einem privaten Pkw unter und begleitete dieses über mehrere Stationen bis zu jener Militäranlage, wo man sie festsetzte und nach einem grotesken Prozess am ersten Weihnachtstag hinrichtete.

Das Ende in der Kaserne

In einem Rekrutierungsraum der Militäranlage UM 01417 von Târgoviste fand am 25. Dezember von 13.40 bis 14.47 Uhr der Prozess gegen die Ceausescus statt. Die Anklage lautete auf Genozid, Untergrabung der Staatsgewalt, Diversion und Untergrabung der Ökonomie des Staates. Die Ankläger sprachen bei dem Vorwurf des Genozids von gut sechzigtausend Opfern im Laufe der letzten Tage. Auch sollten die Ceausescus eine Milliarde Dollar außer Landes geschafft haben. Tatsächlich hat es zwischen 1200 und 1500 Opfer bei den Schießereien im ganzen Land gegeben, und von dem sagenhaften Reichtum der Diktatorenfamilie auf ausländischen Bankkonten hat man nach ihrer Hinrichtung nichts mehr gehört.

Im Internet kann man einen Film sehen, der die letzten zehn Minuten im Leben der Ceausescus zeigt. Darin wird zwar auch gesprochen, das Urteil verkündet, eine Erwiderung des Diktators ist zu sehen, aber ebenso wenig zu verstehen wie zuvor das Urteil. Alleingelassen mit der Ankündigung, sogleich erschossen zu werden, erheben sich die beiden hilflosen Alten und nähern sich dem einzigen Soldaten, der sie mit umgehängtem automatischem Gewehr bewacht. Dieser schubst sie mit dem Gewehrkolben weg. Zwei alte Menschen betteln um Würde. Und ein junger Mann mit Waffe ist überfordert. Dann betreten ein paar Soldaten den Raum; einer hält ein Knäuel verworrener Bindfäden. Kein Seil, keine Handschellen. Bindfäden. Damit werden der abgesetzte Staatspräsident und das Regierungsmitglied, die Präsidentin der Rumänischen Akademie der Wissenschaften, gefesselt. Dann werden sie abgeführt, hinausgeschubst.

Nicolae Ceausescu soll auf dem kurzen Weg vor eine Wand des Kasernenhofs vier Worte aus der Internationalen immer wieder vor sich hin gesagt haben. Welche, wissen wir nicht. Dann wurde geschossen. 14.51 Uhr, vier Minuten nach der Urteilsverkündung. Um 15.05 Uhr flog der Hubschrauber mit den in weiße Tücher gehüllten Leichen des bislang "geliebtesten Sohnes des rumänischen Volkes, des Genius der Karpaten", und seiner "Gefährtin" ab nach Bukarest.

Iliescus Machtkalkül

Die Bilder von diesem Geschehen gingen um die Welt. In Rumänien lösten sie Euphorie aus, Hoffnung auf baldige Besserung, Freiheitsrausch. Der größenwahnsinnige Diktator hatte sein Volk gnadenlos ausgebeutet, schier verhungern und erfrieren lassen, um die Auslandsschulden abzuzahlen. Schon Monate vor seiner Hinrichtung war Rumänien schuldenfrei. Und der Usurpator der Revolution, der Kopf der Putschistenclique, ein in Ungnade gefallener Mann des Apparats, verkündete die Auflösung und das Verbot der kommunistischen Partei. Das Volk aber war verzweifelt, erniedrigt, schwer traumatisiert.

Die lange Übergangszeit unter dem postkommunistischen Präsidenten Iliescu hat diese Traumata nicht etwa aufgelöst, sondern unter scheindemokratischen Verhältnissen noch verstärkt: Zweimal hat er aus reinem Machtkalkül einen Teil der Bevölkerung auf den anderen gehetzt, die Bergarbeiter aus dem Schil-Tal gegen die demokratische Opposition eingesetzt. Im Juni 1990, bei ihrem ersten Einsatz, zogen sie durch die Straßen Bukarests und verprügelten jeden, der nach ihren Vorstellungen nicht proletarisch aussah. Wer etwas besser gekleidet war oder eine Brille trug, war ein Volksfeind. Dieser ehemalige Präsident, gemäß europäischen Rechtsstandards ein Schwerverbrecher, genießt zurzeit den Ruhestand. Kein Gericht des Landes hat ihm je einen Vorwurf gemacht.

Die Ehemaligen beherrschen die Szene

Zwanzig Jahre nach dem Ende der kommunistischen Diktatur, einige Jahre nach dem Beitritt zur Europäischen Union ist und bleibt Rumänien wegen der nicht aufgearbeiteten faschistischen und kommunistischen Geschichte ein unberechenbares, nicht einzuschätzendes Land am Rande Europas. Korruption, Vetternwirtschaft und Kleinkriminalität prägen den Alltag. Die staatlichen Institutionen funktionieren nicht. Wer auf den Staat und seine Dienststellen angewiesen ist, braucht jemanden, der einen kennt, welcher wieder einen kennt. So konnte man auch in der finstersten Zeit des Kommunismus überleben.

Bis zum Sturz der Diktatur waren mehrere Generationen sogenannter Leistungsträger aus dem Land geflohen. Seither hat sich dieser Prozess noch beschleunigt. Zurück blieben die "Spezialisten" vom Schlage eines Radu Tinu, die Privatisierungsgewinnler aus Partei und Geheimdienst. Sie stellen ihren neuen Reichtum aus, beherrschen Wirtschaft, Politik und Medien und haben wie der ehemalige Temeswarer Securitate-Offizier irgendwo ein Foto des faschistischen Marschalls Ion Antonescu stehen, den sie dafür bewundern, dass er Ordnung geschaffen hatte im Land.

Der Schriftsteller Ernest Wichner, geboren 1952 in Guttenbrunn, war Gründungsmitglied der Aktionsgruppe Banat. Seit 1975 lebt er in Berlin, wo er seit 2003 das Literaturhaus leitet.

Quelle: F.A.Z.
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