http://www.faz.net/-gqz-86zzl

CDU mit Modernisierungsabsicht : Das Problem mit den alten weißen Männern

Zwei junge weiße Männer, eine ältere weiße Dame: Läuft doch mit den Minderheiten in der CDU! Bild: Imago

Jens Spahn und Peter Tauber möchten nicht, dass die Union die Partei der weißen alten Männer ist. Aber Modernisierung bedeutet mehr, als sich nur modisch zu geben.

          Die CDU, so haben das die jungen weißen Männer Jens Spahn und Peter Tauber in diesen Tagen immer wieder gesagt und dabei ernst durch ihre Brillen geschaut, die CDU will nicht länger als die Partei der „alten weißen Männer“ wahrgenommen werden – und als alter weißer Mann, der das, ganz altmodisch, in der Zeitung liest, denkt man, klar, richtig, endlich hat die CDU erkannt, dass sie auch als Partei der jungen schwarzen Frauen wahrgenommen werden muss, als Partei der chinesisch- und koreanischstämmigen Einwanderer, als Partei der Latinos und Hispanics sowie natürlich all jener Menschen, die man früher Indianer nannte, was heute aber nicht mehr zeitgemäß ist.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So soll es also sein, denkt man sich – bis einem auffällt, dass in jenen Gegenden, wo die Macht der alten weißen Männer tatsächlich ein Problem ist, also zum Beispiel in Alabama, Massachussetts oder Oregon, oder, um die Sache in noch größerem Maßstab zu betrachten, im Kanon unserer Geistes-, Literatur- und Kunstgeschichte (wobei es da eher um die toten als um die alten weißen Männer geht), die CDU gar nicht wählbar ist.

          Während im Zuständigkeitsbereich der Christlich Demokratischen Union, in jenem Teil Deutschlands also, der nicht zu Bayern gehört, die meisten jener Leute, denen die Partei sich öffnen möchte, die Menschen also, die türkischer oder kurdischer, jugoslawischer oder albanischer Herkunft sind, nach der amerikanischen Farbenlehre zu den Weißen gehören. Man muss es den Herren Spahn und Tauber vielleicht noch einmal erklären, dass auch der Herr Emre aus Köln, wenn er seinen Gemüseladen einem Nachfolger übergibt und in den Ruhestand geht, ein alter weißer Mann ist. Und seine Tochter, für die die CDU so gern wählbar sein möchte, ist eine junge weiße Frau.

          Mehr, als nur auf Einhaltung der Normen zu beharren

          Was ist dann aber das Problem, das Spahn und Tauber mit alten weißen Männern haben? Womöglich besteht das Problem darin, dass sie, so wie andere Männer ihrer Art sich gern in komplett unverstandenem (und unverständlichem) Englisch ausdrücken und, zum Beispiel, „roundabout“ sagen, wo sie doch „ungefähr“ meinen; dass Spahn und Tauber sich bloß eine unverstandene englische Floskel angeeignet haben, zum Zeichen ihrer Modernität, so wie sie ja auch Brillen tragen, die total auf dem neuesten Stand der Mode von 2004 sind.

          Wäre es nicht besser, fragt sich der alte weiße Leser, wenn die Herren ein bisschen genauer darüber nachdenken würden, was es heute heißen könnte, konservativ zu sein? Und was daraus unter Umständen folgen könnte? Es ist ja nicht unbedingt das einzige Kennzeichen des Konservativen, dass er sich als Letzter von den alten Ressentiments trennt, als Letzter den schon anfahrenden Zug erreicht. Konservativ zu sein, das könnte ja auch heißen, dass man Tradition, Herkunft, Geschichte nicht nur dauernd beschwört, sondern kennt und als Verpflichtung begreift.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

          Mehr erfahren

          Wer sich seiner Herkunft und Geschichte bewusst ist, weiß trotzdem noch nicht ganz genau, wer er ist und wo es langgeht. Aber er hat, wenn er die zurückgelegte Wegstrecke betrachtet, zumindest einen Anhaltspunkt dafür, wo er steht. Und was sich daraus ableiten könnte, das erkennt man, wenn man jene Leute betrachtet, die zum Beispiel am Freitagabend im sächsischen Heidenau vor einer Flüchtlingsunterkunft randalierten. Es sieht so aus, als hätten diese Leute wenig mehr als ihr Ressentiment. Kein Bewusstsein jedenfalls von Herkunft, Geschichte oder gar einer sächsischen Tradition.

          In dieser Lage ist die Herausforderung für Konservative eben nicht, nur unduldsam auf die Einhaltung der Normen zu beharren. Sondern gewissermaßen freundlich die Einladung auszusprechen, unsere Geschichte und Traditionen kennenzulernen (Gastfreundschaft ist eine der ältesten). Dafür brauchte es allerdings Kenntnisse, die weiter reichen als nur bis zur Brillenmode von vor elf Jahren.

          Weitere Themen

          „Kein Grund zu jammern“

          Die Lage der SPD : „Kein Grund zu jammern“

          Die SPD versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Im Interview versucht auch der SPD-Politiker Ralf Stegner, Hoffnung zu verbreiten. Ein Gespräch über Hartz IV, die Gegner seiner Partei und darüber, was passiert, wenn Flügel der Sonne zu nahe kommen.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz bei der CDU-Regionalkonferenz in Lübeck vergangenen Donnerstag.

          Friedrich Merz : „Ich verdiene eine Million Euro“

          Was kaum jemand anzweifelte, bestätigt der Blackrock-Deutschland-Aufsichtsratschef und Kandidat um den CDU-Vorsitz nun selbst: Friedrich Merz gehört zu den Großverdienern im Land. Zur Oberschicht will er sich allerdings nicht zählen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.