25.09.2003 · „Sacred Love“ heißt das neueste Werk des britischen Musikers Sting. Akkustische Gitarren, indische Instrumente und melancholische Melodien - Sting zeigt sich darauf so gefühlvoll und facettenreich wie selten.
Von Martin Benninghoff„No one can read in the book of my life“ (Keiner vermag es, das Buch meines Lebens zu lesen“). Mit diesen Worten endet der neunte Song „The Book Of My Life“ auf Stings neuestem Album „Sacred Love“. Und tatsächlich wird es immer schwieriger, das Buch des Gordon Matthew Sumner, wie der britische Künstler mit bürgerlichem Namen heißt, von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen und sich dabei nicht zu fragen: Ist Sting eigentlich ein und dieselbe Person? Oder erfindet der britische Musiker aus Newcastle seine Musik immer wieder neu, ohne sich selbst zu verkleiden?
Von den rockigen Anfängen seiner Amateurband „Last Exit“ über die phänomenalen Erfolge mit „The Police“, jener Reggae-Punk-Band, die Stings Weltruhm gemeinsam mit Schlagzeuger Steve Copeland und Gitarrist Andy Summers begründete. Über seine poppigen Solo-Ausflüge in den achtziger Jahren, sein Duett mit Rapper Puff Daddy zum alten Police-Hit „Roxanne“ im Jahr 1997 erzählten die bisherigen Kapitel in Stings Buch des Lebens. Und nun kommt „Sacred Love“ hinzu, das in seinem Mix aus eindringlich-melancholischen Akkustikstücken wahrlich nichts Aufgewärmtes präsentiert, sondern frisch klingt, als sei jener Sting ein gerade entdecktes Songschreiber-Talent. Zur Zeit arbeitet der 51jährige Mann aus Newcastle an seiner ersten Autobiographie. Und „Sacred Love“ ist so etwas wie das Hörbuch zu seinen Lebenserinnerungen.
Zehn Songs sowie zwei Zugaben aus einer Remix-Version von „Send Your Love“ und einer Live-Version von „Shape Of My Heart“ sind auf dem Longplayer zu hören. „Inside“ eröffnet den Reigen mit einer einfachen, aber schön gezupften Akkustik-Gitarre, einem groovigen Schlagzeug und einem sphärischen Chor der fünf Sänger im Hintergrund, der Stings gewohnt hoher, aber rauher als sonst klingenden Stimme einen gehörigen Unterbau gibt.
Nichts für den schnellen Hörgenuß
„Sacred Love“ ist kein Album für den schnellen Hörgenuß. Keine Hits wie „Every Breath You Take“ oder „Roxanne“ drängen sich dem Hörer auf. Man muß sich schon Zeit nehmen und sich einlassen auf die Musik. Und das geht am besten, wenn man das dazugehörige Booklet dazunimmt.
Auf 22 (!) Seiten sind die Texte abgedruckt, auf die der studierte Englisch- und Sportlehrer wie gewohnt höchsten Wert legt. Sting ist ein wahrer Meister darin, mit Worten Musik zu machen. Mit seiner rauhen Stimme folgt er in „The Book Of My Life“ der Melodie des Cello (gespielt von Jaqueline Thomas) und erzeugt eine eigentümliche melancholische Stimmung. Überhaupt klingt er am besten, wenn er tiefer als gewohnt singt. In dem Stück gibt die indische Musikerin Anoushka Shankar, die Tochter des legendären Sitar-Spielers Ravi Shankar, ein Gastspiel. Gegen Ende legt sie ein filigranes Sitar-Solo hin. In Indien ist die junge Frau mittlerweile eine echte Berühmtheit.
„Mit Musik erreiche ich Transzendenz“
Indisch geht es auch weiter im Intro von „Sacred Love“, dem Titelsong des Albums. Der Song ist mit Abstand am Sting-typischsten, hat einen vergleichsweise poppigen Refrain, in dem Sting auch mal wieder seine Stimme wie zu „Police“-Zeiten in ungeahnte Höhen erhebt. Durch den breiten Chorus („Sacred Love“) erinnert der Song stark an einen Gospel, vor allem wenn Sting James Brown gleich „I`ve been thinking 'bout religion / I've been thinking 'bout the bible“ (Ich habe über Religion nachgedacht / Ich habe über die Bibel nachgedacht) intoniert. Man könnte sich lebhaft vorstellen, wie Sting bei den Aufnahmen dieses Songs eigens einen Altar vors Mikrofon gerollt hat.
Also nachgedacht hat er, über Religion und die Bibel. Und was kam dabei heraus? „Ich hänge keinem Glauben an“, sagte Sting kürzlich in einem Interview. Eigentlich gehe es in dem Text auch überhaupt nicht um Religion, sondern um Sex. „Denn Sex ist was Heiliges“, erklärt er. Musik sei jedoch die beste Methode, „Freude, Ekstase und Transzendenz zu erreichen“: „There's no religion but sex and music“ (Es gibt keine Religion außer Sex und Musik) heißt es dann auch in „Sacred Love“ - ein Song, den Sting unter den Eindrücken der Terroranschläge vom 11. September 2001 geschrieben hat. „Fehlende Liebe führt zu Selbstbetrug, irrationaler Angst und katastrophaler Gewalt“, sagte er einmal. Sting verarbeitet in seinen Liedern das Erlebte und hat im zweiten Song des Albums auch gleich die Lösung parat: „Send Your Love Into the Future“ (Sende deine Liebe in die Zukunft).
Duett mit Mary J. Blige
Die Vielzahl der Einflüsse auf „Sacred Love“ ist wahrscheinlich das stilprägendste Element auf dem Album. Sting ist zwar ein Multiinstrumentalist - er sang, spielte Gitarre, Keyboard, eine Türkische Klarinette und natürlich Baß - weiß aber zu verhindern, daß er sich nach 25jähriger Karriere musikalisch im Kreis dreht. Also holte er weitere Gastmusiker ins Studio. Die amerikanische R&B-Sängerin Mary J. Blige, in Amerika ein Superstar, in Europa noch am Anfang ihrer Karriere, singt mit Sting in „Whenever I Say Your Name“ ein wirklich gelungenes Duett.
Und in „Send Your Love“ legt der Flamenco-Gitarrist Vicente Amigo ein filigranes Kabinettstückchen auf der Flamenco-Gitarre hin. Da dürfen die Kastagnetten natürlich nicht fehlen. Der Song driftet jedoch nicht in ein Flamenco-Stück ab, sondern wartet mit programmiertem Schlagzeug und Synthesizer-Klängen auf. Vielleicht das beste Beispiel dafür, daß es Sting auf diesem Album immer schafft, die Beiträge seiner Gastmusiker in seinen persönlichen Stil zu integrieren - so daß es keinen „Song im Song“ gibt.
Bach-Noten-Therapie
Stings Album „Sacred Love“ klingt unheimlich entspannt, obwohl es mitunter sehr komplex in den Songarrangements ist, und entspricht weniger dem Mainstream als vorhergehende Alben. Aber warum sollte ein Mann, der über 40 Millionen Platten verkauft hat, noch einem kommerziellen Hit hinterherlaufen? Die Songs sind mit Liebe zum Detail arrangiert und überraschen durch die instrumentelle Vielfalt (Gitarren, Baß, Keyboards, Schlagzeug, Klavier, Samples, Flamenco-Gitarre, Sitar, Trompete, Trombone, Cello, Kastagnetten, Tablas - indische Trommeln und vieles mehr). Außerdem überzeugen die Einflüsse spanischer und indischer Musik, ohne zu dominieren oder gar unecht zu klingen.
Zur Zeit beschäftigt sich Sting im übrigen mit deutscher, vornehmlich Bachscher Barockmusik. Man darf also gespannt sein, was er daraus nun wiederum macht. Vielleicht schreibt er ja demnächst indisch-brandenburgische Konzerte auf der Sitar und wird damit Thomaskantor in Neu-Delhi? Bis es soweit ist, kann man sich erst einmal „Sacred Love“ anhören.