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Catherine Millet über #MeToo : Nicht alle sind Opfer

  • -Aktualisiert am

Die französische Autorin Catherine Millet in Paris Bild: Stephanie Fuessenich/laif

Ein Gespräch mit der französischen Schriftstellerin Catherine Millet über das Recht, „lästig zu sein“, die #MeToo-Bewegung und die Zumutungen der sexuellen Freiheit.

          Frau Millet, der offene Brief, den Sie am Dienstag dieser Woche gemeinsam mit vier Ko-Autorinnen und rund hundert Unterzeichnerinnen in „Le Monde“ veröffentlicht haben, sorgt seit Tagen für Aufregung. Hatten Sie mit dieser Reaktion gerechnet?

          Überhaupt nicht. Es ist ziemlich beeindruckend, was da gerade passiert. Wir waren ja schon erstaunt darüber, dass wir innerhalb von zwei Tagen über hundert Unterschriften hatten. Und es werden immer mehr. Aber dass unser Brief über Brasilien bis in die Vereinigten Staaten aufgegriffen und kommentiert werden würde, das hatten wir nicht erwartet.

          Sie haben nicht geahnt, dass ein Text mit dem Titel „Wir verteidigen die Freiheit, lästig zu sein“ provoziert?

          Doch, schon, aber nicht so. Nicht weltweit. Zumal unser Titel ein anderer war, „Le Monde“ hat ihn geändert.

          Wie ging Ihrer?

          Unsere Überschrift war: „Für eine andere Stimme“.

          War die Debatte bisher zu einseitig?

          Ich glaube schon. Das Interessante ist doch, dass eines der Leitmotive der #MeeToo-Bewegung ist, den Frauen eine Stimme zu geben. Allerdings ist es eine seltsame Annahme, dass sich alle Frauen nur einstimmig äußern dürfen. Dagegen wollten wir angehen. Ich glaube, dass die Einseitigkeit der Darstellung angesichts der Ausmaße, die sie angenommen hat, sehr einschüchternd sein kann. Dass gerade junge Frauen sich bisher nicht getraut haben, zu sagen, dass sie es vielleicht nicht so dramatisch finden, wenn ein Mann sie blöd anmacht.

          Sie wissen, dass es nicht um blödes Anmachen geht, aber lassen wir das mal so stehen. Sie wollten also eine Diskussion öffnen?

          Wenn Sie so wollen, ja. Wobei es ja bisher überhaupt keine Debatte war. Bisher war man entweder dafür, oder man hielt seinen Mund. Ich erzähle Ihnen kurz etwas: Heute Morgen rief mich ein Freund, ein Kunstlehrer an einer Provinzhochschule, an. Er erzählte mir, er habe in seinem Kurs mit seinen Schülern über unseren Text und die Reaktionen darauf gesprochen. Und wissen Sie was passierte?

          Nein. Was?

          Viele seiner Schülerinnen, junge Frauen um die zwanzig, meinten, sie seien wirklich erleichtert. Sie sagten, jetzt hätten sie endlich einen Text, auf den sie sich berufen können, wenn ihnen vorgeworfen wird, sie seien in ihrem Feminismus nicht radikal genug. Vielleicht ist es ja so: So wie die Schauspielerinnen, die ihr Schweigen gebrochen haben, viele weniger bekannte Frauen dazu ermutigt haben zu sprechen, was ich sehr begrüße, haben wir vielleicht einigen Frauen den Mut gegeben, eine andere, eine nuanciertere Meinung zu haben.

          Viele Feministinnen werfen Ihnen eher vor, Sie seien alte Schachteln, die das Verschwinden ihrer alten Welt fürchten und deswegen sexuelle Gewalt banalisieren.

          Alte Welt, pfff, also wirklich. Allein unter uns fünf Autorinnen sind alle Generationen vertreten, von Mitte dreißig bis über achtzig. Die Unterzeichnerinnen sind ebenfalls jeden Alters. Das Generationsargument zieht also nicht. Und wir banalisieren gar nichts. Wie gesagt: Wir nuancieren.

          Gut, dann sprechen wir doch von den Nuancen. Am Anfang Ihres Textes schreiben Sie: „Die Vergewaltigung ist ein Verbrechen, aber eine plumpe Anmache ist kein Delikt.“ Sind Sie wirklich der Ansicht, man mache da keinen Unterschied?

          Ehrlich gesagt, ja. Vor ein paar Tagen hörte ich im Radio eine Feministin, die gegen unseren Text argumentierte. Und sie erklärte genau das: Man dürfe nicht mehr unterscheiden, man müsse einen Mann, der einem irgendwie lästig wird, sofort anzeigen. Ich finde das verrückt. Es gibt doch wohl sehr viele sehr unterschiedliche Formen des Lästig-Seins. Manche davon sind schlimm, viele sind es nicht. Die zu unterscheiden, die graduellen Nuancen nicht einfach zu verwischen, das scheint mir essentiell.

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