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Castro geht Das Winken des Dinosauriers

20.02.2008 ·  Gerade westliche Systemkritiker sind seinem karibischen Zauber erlegen, aber die wichtigsten kubanischen Schriftsteller sind vor ihm ins Exil geflohen. Fidel Castro hat sie alle überlebt.

Von Paul Ingendaay, Madrid
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Sechzehn Jahre Helmut Kohl oder achtzehn Jahre Hans-Dietrich Genscher sind nicht annähernd genug, um sich eine Vorstellung von der zeitlichen Tiefendimension zu machen, die Fidel Castro seiner Herrschaft über Kuba gegeben hat; nicht nur, weil sich der Vergleich mit demokratisch gewählten Politikern ohnehin verbietet, sondern auch, weil Castros Herrschaftsbedingungen ihrerseits der Literatur zu entstammen scheinen.

Keine andere Revolution des vergangenen Jahrhunderts hat so viel von ihrer Aura und Ikonographie über die miesesten Zeiten hinweggerettet wie die kubanische - es reicht der Hinweis auf die jesusgleiche Figur Che Guevaras und Millionen verkaufter Che-Guevara-Poster. Keine andere Revolution ist von europäischen und lateinamerikanischen Intellektuellen so enthusiastisch begrüßt worden. Und keine andere hat sich - gegen allen Augenschein, gegen die unwiderlegbaren Zeugnisse von Inhaftierten und ins Exil Getriebenen - so lange mit einem harten Kern von Bewunderern umgeben können wie das Revolutionswerk Fidel Castros, das jetzt, mit der offiziellen Abdankung des Máximo líder, sein formelles Ende findet.

Der Zauber seines karibischen Reiches

Ideell wird sein Erbe noch eine ganze Weile fortdauern. Der große Führer hat nur die Uniform gegen den längst legendären Trainingsanzug des ewigen Rekonvaleszenten eingetauscht, und solange er kann, wird er, wie es so salbungsvoll heißt, „zum Volk sprechen“. In der Parteizeitung „Granma“, benannt nach dem Schiff, das ihn und seine Kämpfer vor fünfzig Jahren nach Kuba brachte, hat er seinen Abschied erklärt. Das passt. Denn hier geht nichts mehr ohne Legende und Mythenbildung.

Das Winken des Dinosauriers

Das liegt einerseits daran, dass manches an Castros Machtergreifung und Machterhalt wie ein reines Wunder wirkt, von den überlebten Attentatsversuchen bis zur eisernen Konstitution, die es Kubas Staatschef bis in dieses Jahrhundert hinein erlaubte, acht Stunden lang öffentlich zu reden, ohne einen Schluck Wasser zu trinken oder die Toilette aufzusuchen - ein „physiologisches Phänomen“ nannte ihn die kubanische Ärztin und Schriftstellerin Adelaida Fernández.

Selbst systemkritische Besucher eingewickelt

Andererseits hat es der Zauber seines karibisches Reiches vermocht, selbst systemkritische Besucher einzuwickeln, zu beruhigen, hier und da sogar zu korrumpieren. In den schwierigsten Jahren, als die kubanische Wirtschaft nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in die Knie ging und die „Spezialperiode in Friedenszeiten“ ausgerufen wurde, konterte Fidel Castro den Hinweis auf die unübersehbare Prostitution in Havannas Straßen mit dem frechen Satz, immerhin habe Kuba die gebildetsten Prostituierten der Welt.

Castro einen Diktator zu nennen und sich deutlich von seiner Tyrannei zu distanzieren, wie es bei der eines Franco oder Salazar immer üblich war, gilt auch heute noch nicht überall als schick. Hat nicht der karibische Sozialismus immer ein viel menschlicheres Gesicht gezeigt als etwa die DDR? Lachen die Menschen nicht, machen sie nicht fröhliche Musik?

Der Nobelpreisträger und „mein Bruder Fidel“

Selbst Kenner räumen ein, dass die kubanische Systemvariante die Dinge im Alltag weniger prinzipiell und mit mehr Schlupflöchern regelt als damals die europäische. Daneben hat die schiere Dauer des Castro-Regimes so viele Lebensläufe geprägt, dass es kaum einen Kubaner gibt, der davon unberührt geblieben wäre. Selbst an einen Despoten, sofern er nur am Ruder bleibt und sich zur Ewigkeitsmaske der Herrschaft selbst erklärt, mag man sich irgendwann gewöhnen. Dass der Übervater tatsächlich geht und seine Kinder alleinlässt, können sich viele Kubaner einfach nicht vorstellen.

Im April ist es genau fünfzig Jahre her, dass ein junger kolumbianischer Schriftsteller einen jungen kubanischen Revolutionsführer in einem Zeitungsartikel mit der Überschrift „Mein Bruder Fidel“ als neuen Heiland für Lateinamerika begrüßte. Gabriel García Márquez weicht auch ein halbes Jahrhundert später nicht von seiner Einschätzung ab. Der Nobelpreisträger und Fidel Castro, fast gleichaltrig, haben das mächtigste literarisch-politische Bündnis der Welt geschmiedet, und vermutlich glauben beide, dabei zu gewinnen.

Viele der wichtigsten Schriftsteller gingen ins Exil

„Ich gehöre zu denen, die sich mit ihren Freunden begraben lassen“, hat der Kolumbianer im Ton seiner großen Romane einmal gesagt und es demütig hingenommen, dass ausgerechnet das erhellendste seiner Bücher, „Der Herbst des Patriarchen“, in Kuba nicht erscheinen durfte. Das Einschreiten des Zensors wird jeder Leser des Romans begreiflich finden: García Márquez ist von der Figur des lateinamerikanischen „Caudillo“ und vom Phänomen der politischen Macht so besessen, dass zu ihrer Aura auch Einsamkeit, Verfolgungswahn und der monströse Verfall des Mächtigen gehören.

Was die Nähe zu Fidel Castro betraf, war „Gabo“ für die meisten seiner Kollegen nie ein Modell. Viele der wichtigsten kubanischen Schriftsteller der älteren Generation sind ins Exil gegangen, Reinaldo Arenas nach New York, Jesús Díaz nach Madrid, Guillermo Cabrera Infante nach London, und alle sind ohne Wiedersehen mit der Heimat gestorben: Castro hat sie überlebt, also auf die einzige Weise besiegt, die der Herrschaft offensteht. Ein Schriftsteller der mittleren Generation, Antonio José Ponte, ist so lange in Kuba geblieben, wie er eben konnte, besteht aber auf der Relativität der autoritären politischen Macht, der er nicht zugesteht, sein Leben vollständig in Beschlag zu nehmen. „Ich will nicht, wenn alles vorbei ist, um der Soziologie willen gelesen werden“, sagt Ponte selbstbewusst. Womit er meint: Ich werde noch da sein, wenn Castro erloschen und endgültig verschwunden ist.

Quelle: F.A.Z., 20.02.2008, Nr. 43 / Seite 33
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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