Home
http://www.faz.net/-gqz-7451l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Neuer F.A.Z.-Fortsetzungscomic Alice, wie sie keiner kennt

Im neuen Fortsetzungscomic greift der österreichische Zeichner Nicolas Mahler eine Figur der Weltliteratur auf: Alice von Lewis Carroll. Allerdings mit dem Blick von Mahlers legendärem Landsmann H.C. Artmann - und natürlich mit Witz.

© Nicolas Mahler Vergrößern Nicolas Mahler: „Alice in Sussex“

Nachdem uns Katja Klengel mit ihrem Comic „Als ich so alt war“ ein halbes Jahr lang aus der deutschen Gegenwart erzählt hat, führt Nicolas Mahler uns nun für vier Monate so weit davon weg wie nur möglich. Sein neuer Fortsetzungscomic, der nun dienstags bis freitags im Feuilleton veröffentlicht wird, heißt „Alice in Sussex“.

Andreas Platthaus Folgen:    

Jedem, der sich auch nur ein bisschen für Literatur interessiert, wird klar sein, wo Mahlers Alice-Figur herkommt, wenn sie gleich zu Beginn auf ein weißes Kaninchen stößt und ihm in ein Erdloch folgt – das nimmt natürlich seinen Ausgang bei Lewis Carroll und dessen berühmtem Buch „Alice im Wunderland“ aus dem Jahr 1865.

Doch man muss schon einiges über die literarischen Vorlieben des 1969 in Wien geborenen und dort bis heute lebendem Mahler wissen, wenn man nach dem zweiten Paten für diese Comicserie sucht. Es handelt sich um den österreichischen Schriftsteller H. C. Artmann (1921 bis 2000) und dessen 1969 erschienenem Erzählband „Frankenstein in Sussex / Fleiß und Industrie“.

Kreative Respektlosigkeit

Wer gesehen hat, wie kongenial Nicolas Mahler im vergangenen Jahr mit seinem Landsmann Thomas Bernhard umgegangen ist, dessen Roman „Alte Meister“ er in einen Comic verwandelt hat, der wird sich gar nicht erst fragen, was den Zeichner an Artmann interessiert.

22019528 © Suhrkamp Verlag Vergrößern Nicolas Mahler

Es ist die Freude am Sprachspiel und die kreative Respektlosigkeit gegenüber großer Kunst, denn „Frankenstein in Sussex“ ist tatsächlich eine Variation auf Carrolls „Alice im Wunderland“, eine Fortschreibung, die das kleine Mädchen in die gierigen Fänge von Mary Wollstonecrafts Monster geraten lässt, ein literarisches Gipfeltreffen der Phantastik des neunzehnten Jahrhunderts also, aber mit den ästhetischen Mitteln – und der Dreistigkeit – des zwanzigsten.

Nun fügt Mahler noch die Ironie des einundzwanzigsten hinzu und mengt der ohnehin schon wilden Carrollschen und Artmannschen Melange weitere Ingredienzien bei: Voltaire zum Beispiel. Oder Cioran. So wird aus „Alice in Sussex“ keine Adaption, sondern eine Addition.
Mahler wählt dazu seinen unnachahmlichen cartoonesken Stil, der ihm auf dem Comicsalon in Erlangen schon diverse „Max und Moritz“-Preise (die wichtigste deutsche Auszeichnung auf diesem Feld) eingebracht und ihn zu einem der international bekanntesten deutschsprachigen Comiczeichner gemacht hat.

Mehr zum Thema

Besonders populär ist er in Frankreich, wo man im existenzialistischen Aussehen seiner Bilder und dem surrealen Geschehen der Geschichten, die etwa von einem Muttersöhnchen in der Heizdecke („Flaschko“; nicht autobiographisch) oder einem am Alltag verzweifelnden Zeichner („Kunsttheorie versus Frau Goldgruber“; durchaus autobiographisch) erzählen, eine Apotheose des Wiener Weltschmerzes ins Urkomische erkannt hat. Zu Recht: Witziger als Nicolas Mahler sie gestaltet, können Comics kaum sein. Unverwechselbar in der grafischen Reduktion wie im inhaltlichen Reichtum sind sie sowieso.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fortsetzungscomic Strizz Auch mit dem Voodoo-Huhn ist zu rechnen

Schon der kleine Vortrag, mit dem Strizz seinen neuen Mitarbeiter Snirk am ersten Arbeitstag begrüßt, ist vielversprechend. Der Auftakt unseres neuen Fortsetzungscomics in wöchentlicher Folge. Mehr

17.03.2015, 13:50 Uhr | Feuilleton
Brasilien Einzigartiger Baum im Regenwald in Gefahr

An Brasiliens Ostküste, der Mata Atlântica, wächst der einzigartige Baum Pau-Brasil. Sein Bestand kann nur mit kreativen Ansätzen, gut koordinierten Programmen und Hilfe der lokalen Bevölkerung erhalten werden. Mehr

11.02.2015, 11:17 Uhr | Wissen
Frankfurter Anthologie Li Tai-Po: Der Pavillon aus Porzellan

In den hingeworfen wirkenden Versen des legendär trunksüchtigen Li Tai-Po nimmt die Dichtkunst selbst den höchsten Rang ein. Der chinesische Poet inspirierte auch Gustav Mahler. Mehr Von Marleen Stoessel

13.03.2015, 21:24 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik Still Alice

Sie hat diese Kraft, die uns hinreißt und tröstet, und wurde für diese Rolle mit dem Oscar ausgezeichnet: Julianne Moore als Alzheimer-Patientin in Still Alice. Mehr

04.03.2015, 16:28 Uhr | Feuilleton
Katja Kipping Familie vor Fraktionsvorsitz

Sie will mehr Zeit für ihre Familie haben: Linke-Parteichefin Katja Kipping lehnt einen Wechsel an die Spitze der Bundestagsfraktion ab. Zuletzt hatte auch Sahra Wagenknecht ihren Verzicht auf diesen Posten erklärt. Mehr

21.03.2015, 15:13 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.11.2012, 11:28 Uhr

Verweigerte Ehre

Von Jürg Altwegg

Frankreich verweigert dem großen Komponisten Henri Dutilleux das Gedenken wegen seiner Nähe zum Vichy-Regime. Nach den Kriterien, die dabei angelegt werden, müssten viele Ehrungen zurückgenommen werden. Mehr