Home
http://www.faz.net/-gqz-7451l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.11.2012, 11:28 Uhr

Neuer F.A.Z.-Fortsetzungscomic Alice, wie sie keiner kennt

Im neuen Fortsetzungscomic greift der österreichische Zeichner Nicolas Mahler eine Figur der Weltliteratur auf: Alice von Lewis Carroll. Allerdings mit dem Blick von Mahlers legendärem Landsmann H.C. Artmann - und natürlich mit Witz.

© Nicolas Mahler Nicolas Mahler: „Alice in Sussex“

Nachdem uns Katja Klengel mit ihrem Comic „Als ich so alt war“ ein halbes Jahr lang aus der deutschen Gegenwart erzählt hat, führt Nicolas Mahler uns nun für vier Monate so weit davon weg wie nur möglich. Sein neuer Fortsetzungscomic, der nun dienstags bis freitags im Feuilleton veröffentlicht wird, heißt „Alice in Sussex“.

Andreas Platthaus Folgen:

Jedem, der sich auch nur ein bisschen für Literatur interessiert, wird klar sein, wo Mahlers Alice-Figur herkommt, wenn sie gleich zu Beginn auf ein weißes Kaninchen stößt und ihm in ein Erdloch folgt – das nimmt natürlich seinen Ausgang bei Lewis Carroll und dessen berühmtem Buch „Alice im Wunderland“ aus dem Jahr 1865.

Doch man muss schon einiges über die literarischen Vorlieben des 1969 in Wien geborenen und dort bis heute lebendem Mahler wissen, wenn man nach dem zweiten Paten für diese Comicserie sucht. Es handelt sich um den österreichischen Schriftsteller H. C. Artmann (1921 bis 2000) und dessen 1969 erschienenem Erzählband „Frankenstein in Sussex / Fleiß und Industrie“.

Kreative Respektlosigkeit

Wer gesehen hat, wie kongenial Nicolas Mahler im vergangenen Jahr mit seinem Landsmann Thomas Bernhard umgegangen ist, dessen Roman „Alte Meister“ er in einen Comic verwandelt hat, der wird sich gar nicht erst fragen, was den Zeichner an Artmann interessiert.

22019528 © Suhrkamp Verlag Vergrößern Nicolas Mahler

Es ist die Freude am Sprachspiel und die kreative Respektlosigkeit gegenüber großer Kunst, denn „Frankenstein in Sussex“ ist tatsächlich eine Variation auf Carrolls „Alice im Wunderland“, eine Fortschreibung, die das kleine Mädchen in die gierigen Fänge von Mary Wollstonecrafts Monster geraten lässt, ein literarisches Gipfeltreffen der Phantastik des neunzehnten Jahrhunderts also, aber mit den ästhetischen Mitteln – und der Dreistigkeit – des zwanzigsten.

Nun fügt Mahler noch die Ironie des einundzwanzigsten hinzu und mengt der ohnehin schon wilden Carrollschen und Artmannschen Melange weitere Ingredienzien bei: Voltaire zum Beispiel. Oder Cioran. So wird aus „Alice in Sussex“ keine Adaption, sondern eine Addition.
Mahler wählt dazu seinen unnachahmlichen cartoonesken Stil, der ihm auf dem Comicsalon in Erlangen schon diverse „Max und Moritz“-Preise (die wichtigste deutsche Auszeichnung auf diesem Feld) eingebracht und ihn zu einem der international bekanntesten deutschsprachigen Comiczeichner gemacht hat.

Mehr zum Thema

Besonders populär ist er in Frankreich, wo man im existenzialistischen Aussehen seiner Bilder und dem surrealen Geschehen der Geschichten, die etwa von einem Muttersöhnchen in der Heizdecke („Flaschko“; nicht autobiographisch) oder einem am Alltag verzweifelnden Zeichner („Kunsttheorie versus Frau Goldgruber“; durchaus autobiographisch) erzählen, eine Apotheose des Wiener Weltschmerzes ins Urkomische erkannt hat. Zu Recht: Witziger als Nicolas Mahler sie gestaltet, können Comics kaum sein. Unverwechselbar in der grafischen Reduktion wie im inhaltlichen Reichtum sind sie sowieso.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Repression in Ägypten Comic-Zeichner verhört, Wissenschaftler abgeschoben

Ein berühmter Cartoonist wird in Kairo verhaftet, erst nach einer Nacht kommt er frei. Auch ein Wissenschaftler aus Deutschland hat unlängst seine Erfahrungen mit den kafkaesken Behörden des Landes machen müssen. Mehr Von Christoph Borgans

02.02.2016, 10:46 Uhr | Politik
Virtuelle Reise Street-View im Miniatur-Wunderland

Das Miniatur-Wunderland Hamburg ist nun auch virtuell zu erleben - mit Google-Street-View-Aufnahmen, für die spezielle Kameras durch die Modelllandschaft fuhren, zum Beispiel auf Modellzügen. Der Betrachter kann so virtuell durch die Mini-Nachbauten der Hansestadt, der Schweiz oder von Amerika reisen. Mehr

14.01.2016, 17:08 Uhr | Gesellschaft
Museum Angewandte Kunst Wo einst der Urzeitbüffel rastete

Stets dieselbe Ecke: Richard McGuire hat mit Here einen Comic der philosophischen Art geschaffen - und das Frankfurter Museum Angewandte Kunst zimmerte für die Schau ZeitRaum nach den Bildern begehbare Räume. Mehr Von Michael Hierholzer

29.01.2016, 16:04 Uhr | Rhein-Main
Frankfurter Anthologie Jan Wagner: requiem für einen friseur

Requiem für einen Friseur von Jan Wagner, gelesen von Thomas Huber. Mehr

05.02.2016, 16:50 Uhr | Feuilleton
Banknoten SPD will 500-Euro-Scheine abschaffen

Die Sozialdemokraten fordern eine Obergrenze von 5000 Euro für Barzahlungen. Das soll die Kriminalität und Geldwäsche eindämmen. Kritiker sehen dagegen eine Einschränkung der Freiheit der Bürger und einen drohenden Überwachungsstaat. Mehr Von Philip Plickert und Manfred Schäfers

26.01.2016, 16:56 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Hochhackig

Von Kerstin Holm

Ob man damit ein neues Publikum anzieht? Zumindest bringt man das Publikum dazu, sich hohe Schuhe anzuziehen: In Moskau gewährt eine Galerie freien Eintritt für Absätze über zehn Zentimetern. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“