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Neuer F.A.Z.-Fortsetzungscomic Alice, wie sie keiner kennt

 ·  Im neuen Fortsetzungscomic greift der österreichische Zeichner Nicolas Mahler eine Figur der Weltliteratur auf: Alice von Lewis Carroll. Allerdings mit dem Blick von Mahlers legendärem Landsmann H.C. Artmann - und natürlich mit Witz.

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© Nicolas Mahler Vergrößern Nicolas Mahler: „Alice in Sussex“

Nachdem uns Katja Klengel mit ihrem Comic „Als ich so alt war“ ein halbes Jahr lang aus der deutschen Gegenwart erzählt hat, führt Nicolas Mahler uns nun für vier Monate so weit davon weg wie nur möglich. Sein neuer Fortsetzungscomic, der nun dienstags bis freitags im Feuilleton veröffentlicht wird, heißt „Alice in Sussex“.

Jedem, der sich auch nur ein bisschen für Literatur interessiert, wird klar sein, wo Mahlers Alice-Figur herkommt, wenn sie gleich zu Beginn auf ein weißes Kaninchen stößt und ihm in ein Erdloch folgt – das nimmt natürlich seinen Ausgang bei Lewis Carroll und dessen berühmtem Buch „Alice im Wunderland“ aus dem Jahr 1865.

Doch man muss schon einiges über die literarischen Vorlieben des 1969 in Wien geborenen und dort bis heute lebendem Mahler wissen, wenn man nach dem zweiten Paten für diese Comicserie sucht. Es handelt sich um den österreichischen Schriftsteller H. C. Artmann (1921 bis 2000) und dessen 1969 erschienenem Erzählband „Frankenstein in Sussex / Fleiß und Industrie“.

Kreative Respektlosigkeit

Wer gesehen hat, wie kongenial Nicolas Mahler im vergangenen Jahr mit seinem Landsmann Thomas Bernhard umgegangen ist, dessen Roman „Alte Meister“ er in einen Comic verwandelt hat, der wird sich gar nicht erst fragen, was den Zeichner an Artmann interessiert.

Es ist die Freude am Sprachspiel und die kreative Respektlosigkeit gegenüber großer Kunst, denn „Frankenstein in Sussex“ ist tatsächlich eine Variation auf Carrolls „Alice im Wunderland“, eine Fortschreibung, die das kleine Mädchen in die gierigen Fänge von Mary Wollstonecrafts Monster geraten lässt, ein literarisches Gipfeltreffen der Phantastik des neunzehnten Jahrhunderts also, aber mit den ästhetischen Mitteln – und der Dreistigkeit – des zwanzigsten.

Nun fügt Mahler noch die Ironie des einundzwanzigsten hinzu und mengt der ohnehin schon wilden Carrollschen und Artmannschen Melange weitere Ingredienzien bei: Voltaire zum Beispiel. Oder Cioran. So wird aus „Alice in Sussex“ keine Adaption, sondern eine Addition.
Mahler wählt dazu seinen unnachahmlichen cartoonesken Stil, der ihm auf dem Comicsalon in Erlangen schon diverse „Max und Moritz“-Preise (die wichtigste deutsche Auszeichnung auf diesem Feld) eingebracht und ihn zu einem der international bekanntesten deutschsprachigen Comiczeichner gemacht hat.

Besonders populär ist er in Frankreich, wo man im existenzialistischen Aussehen seiner Bilder und dem surrealen Geschehen der Geschichten, die etwa von einem Muttersöhnchen in der Heizdecke („Flaschko“; nicht autobiographisch) oder einem am Alltag verzweifelnden Zeichner („Kunsttheorie versus Frau Goldgruber“; durchaus autobiographisch) erzählen, eine Apotheose des Wiener Weltschmerzes ins Urkomische erkannt hat. Zu Recht: Witziger als Nicolas Mahler sie gestaltet, können Comics kaum sein. Unverwechselbar in der grafischen Reduktion wie im inhaltlichen Reichtum sind sie sowieso.

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06.11.2012, 11:28 Uhr

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Von Dirk Schümer

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