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Kat Menschik : Das variable Kalendarium

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Die Comiczeichnerin Kat Menschik ist zurück: „Das variable Kalendarium“ entlarvt Tag für Tag die Hybris des Menschen, sich die Zeit aneignen zu wollen.

          „Weltempfänger“ hieß der erste Comic, den Kat Menschik gezeichnet hat. Das war 1999, und er entstand für die Frankfurter Allgemeine. Allerdings kamen nur die wenigsten Leser in den Genuss des Debüts der 1968 geborenen Berlinerin, denn die Geschichte lief exklusiv in den „Berliner Seiten“ der F.A.Z., jener Hauptstadtbeilage, die nach vier Jahren wiedereingestellt wurde, aber längst Legende ist. Und ein Teil der Legende lebt seitdem Woche für Woche neu auf: die Zeichenkunst von Kat Menschik, die nun das grafische Bild des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung prägt. Längst zählt sie auch als Buchillustratorin zu den Größten im Gewerbe. Erst vor wenigen Wochen erschien Haruki Murakamis Erzählung „Schlaf“ mit ihren Bildern.

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          Kat Menschik : Das variable Kalendarium

          Die Comiczeichnerin ist gegenüber der Illustratorin in den Hintergrund getreten, obwohl es ihre zweite Geschichte für die „Berliner Seiten“ bis in Hans Magnus Enzensbergers „Andere Bibliothek“ gebracht hat. Dort erschien im Jahr 2002 „Die Nixen von Estland“, ein Bestimmungsbuch nach der Vorlage von Enn Vetemaas Jugendbuchklassiker, der aber von Kat Menschik in ein illustratives Feuerwerk verwandelt wurde. Da bewies sie erstmals ihre fulminante Fähigkeit, Sachthemen (wenn auch hier ein phantastisches) mit derartig grafischer Virtuosität zu bebildern, dass optisch eine regelrechte Abenteuerhandlung herauskommt.

          Nach sieben Jahren Pause ist die Comiczeichnerin Kat Menschik zurückgekehrt, und zwar wieder für die F.A.Z. und für FAZ.NET. Für ein Jahr jeweils von Dienstag bis Freitag gestaltet sie den täglichen Comicstrip auf der Fernsehprogrammseite der Zeitung und im Internetauftritt. Natürlich konnte nach „Faust“, den Flix Mitte Dezember zu Ende erzählt hat (siehe auch: „Faust” von Flix: Alle Folgen), nicht einfach wieder eine weitere klassische Fortsetzungsgeschichte folgen. Der Comic in der F.A.Z. soll Platz bieten für Erkundungen, was mit dieser Erzählform noch alles möglich ist – wie es Volker Reiche mit „Strizz“ seit mehr als sieben Jahren macht und in seiner Nachfolge als Tagesstreifenzeichner zuletzt Ralf König, Ulf K. und eben Flix getan haben.

          Es ist die Menschheitsgeschichte, die hier zu Wort kommt

          Kat Menschik bindet den Comic an das an, was die Zeitung ausmacht: an tagesaktuelle Ereignisse. Doch sie sucht sie nicht in der Gegenwart, sondern im gemeinsamen Datum. „Das variable Kalendarium“ heißt ihre Serie, und es versammelt in jeder Folge mehrere Geschehen, die am jeweiligen Tage im Verlauf der Geschichte stattgefunden haben. Jedem dieser Ereignisse sind dabei nur ein Bild und ein paar Worte zur Einordnung gewidmet, und doch entsteht aus ihrer Kombination ein Tagesreport, der sich so spannend und überraschend liest, wie es eine fiktionale Handlung nur könnte. Es ist die Menschheitsgeschichte, die hier zu Wort kommt – mit all ihren großartigen, aber auch erschreckenden Wendungen, die, herausgelöst aus dem sequentiellen Fluss der Zeit, als Schlaglichter und gemeinsam als ein neues grafisches Feuerwerk aus der Feder Kat Menschiks erstrahlen.

          Die Auswahl ist dabei eine subjektive, wobei aufmerksamen Lesern nicht entgehen wird, dass Kat Menschik mehr kulturgeschichtliche Ereignisse zeigt als politische, mehr Liebe zur Moderne hegt als zur Antike und auch ihre biographische Prägung als ostdeutsches Kind nicht verleugnet, das einen anderen Erfahrungshintergrund hat als westdeutsche Gleichaltrige. Man wird also einiges erzählt bekommen, was sich aus den Bezugsdaten der sozialistischen Geschichtsschreibung speist, die Kat Menschik im Bildungssystem der DDR lernen musste, und man wird in der Faszination der Zeichnerin für die amerikanische Gesellschaft ein Überbleibsel der damals ungestillten Neugier auf die westliche Leitkultur erkennen können. So entsteht aus dem „Variablen Kalendarium“ auch eine kleine persönliche Erzählung, die dann jeder Leser mit den ihm wichtigen Ereignissen ab- und vergleichen kann.

          Die zufällige Nachbarschaft lässt dabei den Weltgeist oft als großen Tragöden oder Komödianten erscheinen. Und die einzelnen Folgen des „Kalendariums“ entlarven täglich auch die Hybris des Menschen, sich die Zeit aneignen zu wollen – mit der Nennung eines Gegenstands, an den von irgendeiner Institution just am jeweiligen Tag erinnert wird. So erfahren wir, dass am 3. Februar der Truhentag auf den Murmeltiertag vom 2. Februar folgt. Wem man indes diese Bezeichnungen verdankt, das muss man bei Interesse selbst herausbekommen; Kat Menschik liefert mit ihrer Serie nur den Anreiz dazu – und Gesprächsstoff, der über den Tag hinausreichen dürfte.

          Quelle: F.A.Z. Andreas Platthaus

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