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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Comics zu 9/11 Wenn Amerikas Himmel zerbricht

 ·  Ein Comic und sein Gegenstück: Während die Terror-Geschichten von Frank Miller provozieren, zeichnet David B. poetische Bilder der Vorgeschichte von 9/11.

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Im Gegensatz zu seinem Helden, dem „Fixer“, kommt Frank Miller zu spät. „Holy Terror“, der langerwartete neue Comic des populärsten amerikanischen Superheldenzeichners (und des teuersten, seit für eine einzige Batman-Originalseite aus seinem Meisterwerk „The Dark Knight Returns“ von 1986 kürzlich mehr als 400.000 Dollar bezahlt wurden), sollte pünktlich zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September erscheinen. Nun hat es ein paar Wochen länger gedauert, aber an Brisanz hat das Werk dadurch nicht verloren.

Miller macht auf den insgesamt 120 querformatigen Comicseiten das, was er auch schon mit „Sin City“ und „300“, die beide höchst erfolgreich verfilmt wurden, getan hat: Er inszeniert eine Orgie der Gewalt. In Empire City, einer fiktiven amerikanischen Großstadt, deren Hafeneinfahrt von einer Gerechtigkeitsstatue geziert wird, findet eine ganze Kette von Selbstmordanschlägen statt. Es beginnt mit Nagelbomben, geht zu Flugzeugangriffen über und steuert auf ein Giftgasattentat zu, das diejenigen, die den vorherigen Terror überlebt haben, töten soll. In dieses Inferno verirren sich Natalie Stack, eine aufreizend gekleidete Fassadenkletterin, und der Fixer, eine Figur, die Miller wie Batman zeichnet, aber natürlich nicht so nennen darf, weil „Holy Terror“ im neugegründeten Verlag Legendary Comics erscheint. Der gehört zum Filmunternehmen Legendary, das sich derzeit mit Verfilmungen popkultureller Phänomene wie den Computerspielen „World of Warcraft“ und „Mass Effect“ oder einer neuen Kinoversion von „Godzilla“ beschäftigt und dabei mit Regisseuren wie Guillermo del Toro und Alex Proyas zusammenarbeitet. Zu deren Drastik passt Millers Comic wie die Faust des Fixers in die Zahnreihen der Attentäter.

Nie zerbrach der Himmel so fulminant wie bei Miller

Es geht archaisch zu im amerikanischen Abwehrkampf gegen den Islamismus. Der Fixer bekämpft die Infamie der Suizidbomber meist mit bloßen Händen (also als ehrliche Haut); erst am Schluss greift er zum großen Geschütz. Da liegt seine unfreiwillige Mitstreiterin Natalie, von den Angreifern in bester Bondage-Manier verschnürt, zu Füßen der bärbeißigen Kampfmaschine - eine Männerphantasie par excellence, die Miller als Gegenentwurf zur Todessehnsucht seiner Attentäter inszeniert: Der Westen lebt seine Perversionen wenigstens nur in Form von S/M-Spielchen aus.

„Holy Terror“ ist brutal, zynisch und klischeereich. Schon die einleitende Verfolgungsjagd von Natalie und dem Fixer, die das gewaltsame erotische Verhältnis zwischen beiden begründet, ehe die erste Nagelbombenexplosion mit einem alles andere als süßen Schmerz dazwischenfährt, ist diesbezüglich eine Tour de force. Graphisch indes war Miller nie besser. Niemand kann den Himmel zerbrechen lassen wie er, und bei der Arbeit an diesem Buch hat der Perfektionist gar nichts anderen überlassen, nicht einmal jene winzigen Farbeffekte wie die grünen Augen von Natalie oder die roten Sohlen ihrer Sneaker, die im nachtschwarzen Sturm der Handlung oftmals die einzigen Orientierungspunkte darstellen, die eine Identifikation der verschlungenen oder misshandelten Körper erlauben.

Auf der Gegenseite gibt es nur Hassbilder - die Physiognomien seiner Terroristen hat Miller aus einschlägigen Fahndungsfotos entnommen, und in Porträtketten reihen sich als Ideengeber Chomeini, Gaddafi, Kim Jong-il und Ahmadineschad aneinander, eingerahmt von einem noch grinsenden Obama und einer dann fassungslosen Hillary Clinton. Der ästhetische Revolutionär Miller, der vor 25 Jahren das Superheldengenre auf eine neue Grundlage gestellt hat, galt immer schon als der große politische Reaktionär des Comics, und er macht hier ebenso wenig Gefangene, wie es der Fixer tut. „Let’s get us some killing done“, lautet der kategorische Imperativ des Geschehens. Nur dass die amerikanische Seite es aus dem guten Gefühl der Revanche tun kann.

Von der Doppelzüngigkeit der Amerikaner

Wie es der Jahrestag will, ist in Frankreich kurz zuvor - und somit pünktlich - der genaue Gegenentwurf zu „Holy Terror“ erschienen, auch 120 Seiten stark und auch von einem der bedeutendsten Comicschaffenden des Landes gezeichnet: David B. hat zu einem Szenario des Islamwissenschaftlers Jean-Pierre Filiu einen Comic namens „Les meilleurs ennemis“ (Die besten Feinde) publiziert. Er erzählt die Geschichte der amerikanischen Beziehungen zum Nahen Osten, und zwar von 1783, als die gerade entstandene amerikanische Nation gegen muslimische Piraten im Mittelmeer aktiv wurde, bis 1953, als die CIA den iranischen Premierminister Mossadegh stürzte und den Schah wieder an die Macht brachte.

Auch dieser Comic zeigt eine fortwährende Tradition des Terrors: Als Dschihad verherrlichten schon die Paschas in Tripolis oder Algier die Raubzüge ihrer Piratenflotten gegen die Ungläubigen. Aber Filiu und David B. belegen auch die Doppelzüngigkeit der Amerikaner, etwa in den Gesprächen, die John Adams und Thomas Jefferson 1786 mit einem libyschen Gesandten über die Versklavung christlicher Gefangener führten. Jefferson war ja selbst Sklavenhalter.

Der Provokateur geißelt die Unprovozierbaren

David B.s Zeichnungen haben keinerlei Dynamik zu bieten, die mit der von Millers Bildern zu vergleichen wäre, aber er ist der ausgewiesene Meister einer Bildpoesie, die schon immer Anleihen bei orientalischen Motiven genommen hat. Somit ist er der ideale Zeichner für Filius Schilderung der weniger bekannten Kapitel der Vorgeschichte zum 11. September. Provokation liegt den beiden Franzosen fern, während sie genau das ist, was Miller interessiert, der seinen Comic mit einem doppelseitigen Mohammed-Zitat einleitet, dessen zweite Hälfte blutrot gedruckt ist: „Wenn du den Ungläubigen triffst, töte den Ungläubigen.“ Einen Quellennachweis bleibt Miller schuldig.

Aber „Holy Terror“ ist ja im Gegensatz zu „Les meilleurs ennemis“ auch kein Sachcomic; er will jenen Kitzel erzeugen, den die Popkultur eben nicht im ästhetischen Raffinement, sondern im Exzess findet. Anders als exzessiv kann man Millers Comic nicht nennen. Er soll, so pervers das scheinen mag, Vergnügen bereiten und macht deshalb seine Protagonisten zu Schießbudenfiguren. Ernst nehmen darf man das nicht, sonst verträte man dieselbe Bild- und Textexegese wie der Extremismus. Es ist ein Vorzug des Westens, dass er sich nicht so einfach provozieren lässt. Und es ist das teuflische Vergnügen Millers, diese Disposition, von der er selbst profitiert, als Schwäche zu geißeln.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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