Wenn Comicfans sich zusammenrotten, kommen sie verkleidet. Sie zwängen ihre aus dem Leim gehenden Leiber in knallbunte Gummianzüge oder streifen wenigstens ein T-Shirt mit dem Wappen ihres Lieblingshelden über den Bierbauch. In San Diego fand vor ein paar Wochen die jährliche Comic-Con statt, das größte Comicfantreffen der Welt: eine gigantische Freakshow, deren Teilnehmer vom Willen zur Selbststigmatisierung besessen scheinen.
An diesem Abend im Oakland-Museum wird man wohl nicht auf solche kostümierten Zwetschgen treffen. Das kalifornische Landesmuseum ehrt den Comiczeichner Daniel Clowes, der seit zwölf Jahren in Oakland lebt, mit einer Ausstellung seiner Originalzeichnungen. Für ein Werkstattgespräch kurz vor Toresschluss, moderiert von den Kuratoren René de Guzman und Susan Miller, ist aus Chicago, der Geburtsstadt von Clowes, sein Kollege Chris Ware angereist.
Fans inkognito
Chris Ware und Daniel Clowes haben sehr viele Fans. Aber es sind solche, die darauf bedacht sein dürften, nicht als Fans in Erscheinung zu treten. Schließlich haben beide Zeichner dem Infantilismus des Comicfanwesens, der Symbiose der Zukurzgekommenen, satirische Serien gewidmet, mit einem Zeichner („Pussey“ von Clowes) und einem Sammler (Wares „Rusty Brown“) als verkorksten Helden. Hier sind wir in der Bay Area; auf dem Hügel liegt der Campus von Berkeley. Die hiesigen Liebhaber gezeichneter Literatur fühlen sich bestimmt wohl in ihrer Haut.
Doch was ist mit der jungen Dame mit schwarzem Mittelscheitel, dicker Hornbrille über der Stupsnase und altmodischem Kleid, schwarz mit weißen Blümchen? Soll das nicht doch ein Enid-Kostüm sein? Man kann sich gut vorstellen, dass der Weg ins Freie, den die Protagonistin von „Ghost World“ auf der letzten Seite des Comicromans von Clowes einschlägt, sie nach Berkeley geführt hat, wo sie ihre Lebensform der fatalistischen Ironikerin auf den ironischen Begriff bringt.
Und sitzt, wenn man erst einmal darauf achtet, nicht in mindestens jeder zweiten Reihe des Vortragssaals ein Doppelgänger von Wilson? Dieser Romanheld von Clowes ist ein unterbeschäftigter Akademiker, etwa Mitte vierzig, mit schütterem Haar, dicker Brille und ungepflegtem Bart, der ziellos durch die Straßen zieht und ein Überangebot starker Meinungen mit sich herumträgt. Nachher im Hotel schaue ich lieber nicht zu genau in den Spiegel!
Terry Zwigoffs Film nach „Ghost World“ machte Clowes einem Publikum jenseits der Comicfans bekannt. Der Oscarpreisträger Alexander Payne, Regisseur von „Election“ und „The Descendants“, wird nun „Wilson“ verfilmen. Aus dem Publikum wird vorgeschlagen, die Hauptrolle mit Philip Seymour Hoffman zu besetzen. Er sei Wilson wie aus dem Gesicht geschnitten. Das ist wahr, und Clowes stimmt sofort zu. Ware berichtet, dass ihm einmal eine Verfilmung seines Romans „Jimmy Corrigan, the Smartest Kid on Earth“ angetragen worden sei. Er wünschte sich auch Philip Seymour Hoffman als Hauptdarsteller, doch der Produzent belehrte ihn, das sei kleinmütig gedacht, er müsse von vornherein höher einsteigen: mit Adam Sandler.
Ausschließlich in Oakland!
Ein Lokalpatriot will von Clowes wissen, ob „Wilson“ in Oakland gedreht werde. Antwort: ausschließlich in Oakland! Am Tag zuvor, erzählt Clowes, habe er Ware die Stadt gezeigt. Ware, der Baumeister unter den Comiczeichnern, dessen Werk eine Sammlung von Musterbüchern ist, war fasziniert davon, dass in Oakland jeder Baustil, von der französischen Hochgotik bis zum Brutalismus der achtziger Jahre, mit genau einem Gebäude vertreten ist - wie auf einem Filmset. „Das mag ich an der Stadt“, sagt Clowes. „Ich gehe durch eine Straße, an die noch nie jemand einen kohärenten Gedanken verschwendet hat.“ Nun sieht man, warum der unstete Wilson in Oakland daheim ist: Der Roman setzt sich zusammen aus einer Folge von Einseitern.
In abgeschlossenen Miniaturgeschichten mit reichlich bemühten Pointen nimmt die verkapselte Existenz des Solipsisten Gestalt an. Der Stil wechselt, zwischen dem statischen Hyperrealismus eines Horrorcomicheftes und der minimalistischen Routine der „Peanuts“- Nachfolge, ist aber jederzeit als formelhaft erkennbar. Das „Wilson“-Drehbuch, erläutert Clowes, werde ein komplett neues Werk sein, wie schon das Drehbuch zu „Ghost World“. Der Film werde aber denselben Rhythmus haben wie der Comic. Vorläufig darf man diesen Rhythmus, sozusagen die Taktkulisse von Oakland, episodisch nennen.
Clowes und Ware haben gelegentlich zusammengearbeitet, aber nur ein einziges Gemeinschaftswerk geschaffen - ausgerechnet für San Diego, ein T-Shirt. Die Einsamkeit ist das große Thema beider Künstler und für beide auch die wichtigste Bedingung ihrer Kunst. Sie produzieren keine Massenzeichenware und beugen sich dem Industriegesetz der Arbeitsteilung nicht. Das Markenzeichen ihres Zeichenhandwerkers ist der Bescheidenheitstopos. Die Angabe, dass von den Souvenirs in San Diego exakt acht Stück an den Fan gebracht wurden, ist als handelsübliche Untertreibung zu nehmen.
Was findet Ware an Chicago? Man erwarte nicht, dass er die Skyline mit Worten nachzeichnet! „Chicago hat einen Minderwertigkeitskomplex. Es geht unprätentiös zu. Die Stadt ist isoliert - und damit ein guter Ort für Comiczeichner.“ Denn Comiczeichner, das ist damit gesagt, können unendlich viel Zeit gebrauchen und gar keine Ablenkung. Tiefstapelei auch in der Körpersprache: Clowes zuckt mit den Schultern, wenn er gelobt wird, und nickt wie ein Musterschüler im Trickfilm, während die beiden Kuratoren über die Veränderung des Kunstbegriffs „von den Rändern her“ philosophieren. Seine langen Finger, die ihn ebenso zum Horrorfilmkomparsen wie zum Klaviervirtuosen prädestiniert hätten, spielen mit der Wasserflasche.
Doppeltes Außenseitertum
Der schlaksige Ware verknotet seine Hände zwischen den Knien - ein Emblem jener Befangenheit, die in seine Definition seines Metiers eingeht. Das Comiczeichnen sei „eine Kunst des seltsamen Schreinerns“. Stunde über Stunde steckt man Dinge ineinander, die am Ende vielleicht nicht zusammenpassen - „an art of awkward carpentry“. „Awkward“ heißt hier „schwierig“ und „umständlich“, bezeichnet aber auch das Gefühl, vom eigenen Tun peinlich berührt zu sein, das Erwachen der Selbsterkenntnis in der Pubertät.
Die Geschichten, die Clowes, geboren 1961, und Ware, sechs Jahre jünger, von ihrer ästhetischen Sozialisation erzählten, stimmen überein. Sie handeln von einem doppelten Außenseitertum. Der Comicladen, den Ware in seiner Jugend besuchte, hieß „The Dungeon“, und alle Hefte ohne Superheldenkram passten dort in eine einzige Kiste. Wer sich für Comicautoren wie Robert Crumb interessierte, wurde von den Comicfans verachtet, weil er die Superhelden verschmähte, und von allen anderen, weil sie nur Superhelden kannten. Comics waren ein Randgruppenphänomen. Kein Gedanke daran, dass Comics einmal den Stoff für die Hollywoodknüller liefern würden.
Comics wollen nicht betrachtet, sondern gelesen werden
„Wenn mir jemand verraten hätte“, sagt Clowes, „dass es einmal einen Avengers-Film geben würde, hätte ich gefragt: Was kann ich tun, um die Zeit zu beschleunigen? Ich hätte nie geglaubt, dass der normale amerikanische Mann irgendwann Comics lesen würde.“ Mittlerweile, so behauptet Clowes, habe er jede Verbindung zur Marvel-Welt verloren. Er bringt keine Comichefte mehr heraus, sondern Bücher. Die letzte Nummer seines Magazins „Eightball“ erschien 2004. Für das Buch spricht laut Ware, dass es eine geschlossene Einheit ist. Er produziert seine Bücher eigenhändig und lässt sie durch den Verlag nur noch drucken.
Dadurch wird eine „direkte Kommunikation mit dem Leser“ möglich, die nach Wares Überzeugung den Comic von allen älteren Erzählweisen unterscheidet. Comics wollen nicht betrachtet, sondern gelesen werden, aber ohne Verständnishilfen: „Sie sind eine demokratische Kunstform, die Schmerzhaftes über das Leben mitzuteilen hat.“ Dank des modernen Grafikdesigns ist Ware in den Stand seiner Anfängerjahre zurückgekehrt, als er sein erster Verleger war. Auf den Fantreffen, erzählte Clowes, habe Ware am Fotokopierer gestanden und Nachauflagen seiner Heftchen hergestellt. Ein herrlicher Moment, wie Clowes die Geste imitiert, mit der ihm Ware damals, als müsste es ihm peinlich sein, seine Ware in die Hand drückte: „Das ist für dich.“
Die beiden Kuratoren sind ersichtlich stolz auf ihren Anteil an der Nobilitierung des Comics. Gelegentlich schlägt ein gönnerhafter Ton durch. Als Clowes sich sagen lassen muss, er sei ein richtiger Zeichner dank seines Studiums an der Kunsthochschule, hält er die Schultern still und lächelt. So fügt das Leben des Künstlers seiner in der Ausstellung im Original gezeigten vierseitigen Satire „Art School Confidential“ über die akademischen Vorurteile des avantgardistischen Betriebs ein neues Blatt hinzu.
Ware gibt an, er sei während seines Studiums zu dem Schluss gekommen, dass die Malerei tot sei. Clowes bekennt, er komme sich wie ein Eindringling vor, weil er so viele gute Maler kenne, die keine Chance auf eine Museumsausstellung hätten. Das Museum hat sich die Comics ins Haus geholt. Und merkt gar nicht, wie radikal diese den Kunstbegriff wirklich in Frage stellen.