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Montag, 13. Februar 2012
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Carolin Emcke über die RAF Absenderin einer Flaschenpost

31.05.2008 ·  Carolin Emcke hat mit „Stumme Gewalt“ ein Buch geschrieben, das zum Gespräch zwischen der RAF, deren Opfern und den Ermittlern aufruft. Was hat sie darauf gebracht? Und für wen spricht sie? Andreas Platthaus hat sie auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee getroffen.

Von Andreas Platthaus
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Wir treffen uns auf dem Friedhof ihrer Wahl. Im Angebot waren auch das liebste Café, die liebste Buchhandlung, die liebste Bar, aber ich wollte den Friedhof. „Wir sollten danach aber unbedingt noch ein Café oder eine Bar dranhängen - sonst denken Sie, ich sei komplett morbid und spaßfrei (und das ist bei Kriegsreportern immer das gängige Klischee).“ Wer das denkt, hat Carolin Emcke noch nicht gelesen. Ihre Reportagen sind Beobachtungen, die weit mehr enthalten als die üblichen Berichte aus den Krisengebieten der Welt, aus Pakistan, Iran, dem Balkan oder zuletzt dem Gazastreifen. Sie hat die Augen weit offen, und der Blick fürs Skurrile zeichnet sie nicht weniger aus als der fürs Schreckliche. Ihre Texte sind - mit einem alten deutschen Wort gesprochen - gewitzt.

Für einen allerdings todernsten hat sie gerade den Theodor-Wolff-Preis zugesprochen bekommen. Im September 2007 erschien im „Zeitmagazin Leben“ ihr Artikel „Stumme Gewalt“, eine Erinnerung an das Attentat auf Alfred Herrhausen, der ein enger Freund ihrer Eltern war und für Carolin Emcke wie ein Patenonkel. Er war es nicht, das haben die Rezensenten einfach überlesen, aber der Sprecher der Deutschen Bank war jemand, der die junge Frau beeindruckt hat. Als er am 30. November 1989 von der RAF ermordet wurde, studierte die damals Zweiundzwanzigjährige in London und flog noch am selben Tag nach Frankfurt, um Herrhausens Familie in Bad Homburg beizustehen.

Ein Friedhof als Kulturzeugnis

Später, so erzählt sie, als sie dann selbst in Frankfurt lebte, fuhr sie nach dem nächtlichen Schreiben an ihrer Abschlussarbeit am frühen Morgen regelmäßig hinaus auf den Friedhof und besuchte dort das Grab von Alfred Herrhausen. Mittlerweile wohnt sie seit einigen Jahren in Berlin, und ihr hiesiger Lieblingsfriedhof ist der jüdische in Weißensee, der größte seiner Art in ganz Europa. „Ich war verblüfft“, meint sie, als wir auf den langen Wegen zwischen den alten Bäumen und den in Violett explodierten Rhododendronbüschen entlangspazieren, „dass Sie diesen Friedhof kannten. Normalerweise kann ich damit überraschen. Ich nehme Besucher gern mit hierher, gerade ausländische, weil hier sichtbar wird, was für eine Bedeutung das jüdische Leben einmal für Deutschland hatte.“

Angelegt wurde der Jüdische Friedhof Weißensee 1880; mehr als 115 000 Menschen haben dort ihre letzte Ruhestätte gefunden, der Großteil natürlich vor der Nazizeit. Hier liegen Mosses und Fischers, Mendelssohns und Panofskys, Lewandowskys und Tietz - nicht immer die berühmtesten Vertreter dieser Familien, aber allein die Namen lassen Erinnerungen auferstehen an eine Epoche, in der deutsche Kultur entscheidend durch Juden geprägt wurde. Hier liegt auch der Namensgeber des Preises, den Carolin Emcke im September erhalten wird: Theodor Wolff, der legendäre Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“. Seinetwegen kannte ich diesen Friedhof.

Täter sind interessanter als Opfer

„Das Grab von Theodor Wolff habe ich noch nie gefunden“, hatte sie mir bei unserer Verabredung geschrieben. Deshalb war ich etwas früher eingetroffen, um es wiederaufzuspüren; es ist unscheinbar, ein kleiner weißer Stein gleich an einem der Wege am Rand der ersten Abteilung, aber abgewandt vom Eingang und somit nur schwer zu entdecken. Als ich aus dem Schatten der Gräberreihen zurückkehre, steht Carolin Emcke in der Sonne, in dunkler Jeanskombination, hochaufgeschossen, hager, die scharf konturierten Brauen wie Sinuskurven über den gelbgrauen Augen. Ihr Gesicht ist, wie ich bald merke, in permanent schneller Bewegung und deshalb ein Gesprächsindikator. Sie lacht viel, und sollte ich den Verdacht gehegt haben, doch eine etwas morbide Person zu treffen, wäre er nach fünf Minuten zerstreut gewesen.

Kaum jemand außer uns ist an diesem Nachmittag auf dem Friedhof. Carolin Emcke führt durch den alten Teil hindurch in die hinteren Abteilungen. Geht sie oft hierher? Ja, aber immer noch hat sie sich die Anlage in ihrem ganzen Ausmaß nicht erschlossen. Wir erreichen ein junges Gräberfeld: „Hier werden die russischen Juden beerdigt, die durch die Vereinbarung zwischen Helmut Kohl und Michail Gorbatschow 1991 nach Deutschland ausreisen durften. Mich beeindruckt diese Wiederkehr jüdischen Lebens und zugleich die Vorstellung, was diese Leute, die nun in Berlin begraben sind, alles erlebt haben.“ Manche Steine sind russisch beschriftet, die ersten stammen vom Herbst 1991; die Menschen, die hier liegen, haben ihre neue Heimat kaum gesehen. „Schade, dass auf den Steinen meistens nicht die Geburtsorte genannt werden. Solche Ortsangaben erzählen bereits ganze Geschichten.“ Und plötzlich, als wir gerade durch die Reihen abkürzen, dreht sie sich um: „Ich frage mich, ob Helmut Kohl jemals hier war.“

Ins Zentrum der Erinnerung

Die Frage führt zusammen mit der Faszination für die in Weißensee dokumentierte Erinnerung an eine Gemeinschaft, die über den Versuch, sie auzulöschen, triumphiert hat, ins Zentrum von Carolin Emckes publizistischem Selbstverständnis. Im Gazastreifen, so erzählt sie, habe sie das Trauerhaus einer Familie besucht, deren Tochter bei einem israelischen Angriff getötet worden war. Als sie dort ankam, war der Schmerz tief - und privat. Dann fuhr die Hamas mit einem Lautsprecherwagen vor und machte ihn öffentlich: derart aggressiv, dass die Familie nicht an der Beerdigung teilnahm. Tote dienen vielen auch zur politischen Legitimation, aber niemand von diesen Nutznießern kümmert sich um das, was über den Symbolgehalt hinausgeht: um die individuellen Persönlichkeiten der Verstorbenen, um deren Angehörige. Täter aber sind stets interessanter als Opfer.

Nicht für Carolin Emcke. Im Artikel „Stumme Gewalt“, der mittlerweile zu einem Buch erweitert worden ist, das gerade Furore macht, erzählt sie vom Tag des Attentats in Bad Homburg, von der Gemeinschaft, die sich danach um Traudl Herrhausen sammelte. Es ist der Respekt für die Toten und die Sorge um die Hinterbliebenen, die daraus spricht - Menschlichkeit zeigt sich daran, dass man über den Tod hinaus die Treue hält. Im „Zeitmagazin“ setzte sich Carolin Emcke allerdings noch dem Risiko aus, diese Treue zu kompromittieren. Sie nannte den Bankier dort kumpelhaft „Alfred“; im Buch ist nun „Alfred Herrhausen“ daraus geworden, und auch der im Artikel hervorgehobene Satz, dass sie mit den Terroristen die Unwilligkeit gemein habe, gegenüber anderen über die Bedeutung des Herrhausen-Mordes für ihr Leben zu reden, ist glücklicherweise gestrichen worden.

Eindenken statt Einverständnis

Damit ist eine kapriziöse Formulierung entfallen, die ein Verständnis suggerieren könnte, das Carolin Emcke gar nicht meint, wenn sie diesen Begriff im Hinblick auf die RAF gebraucht: Sie will nicht Einverständnis suggerieren, sondern Eindenken. Gewiss ist das noch heikel genug für viele Angehörige von Terroropfern. Aber es wird gemildert, wenn man merkt, dass Carolin Emcke es für die Pflicht derjenigen, die das Schicksal anderer in die eigene Hand nehmen, hält, Rechenschaft über die Folgen ihrer Taten abzulegen - sei es als General, als Politiker, als Terrorist.

In „Stumme Gewalt“ erfahren wir von einem Bekenneranruf der RAF kurz nach dem Mord bei Traudl Herrhausen, von dem bisher noch nie etwas bekannt geworden war. Eine Indiskretion? „Den Text des Artikels hatte ich vorher Traudl Herrhausen und ihrer Tochter Anna zugeschickt, damit sie wussten, was ich erzählen würde.“ Aus den Floskeln dieses Anrufs, den sie damals mithörte, schließt Carolin Emcke in ihren Ausführungen auf die Kommunikationsunfähigkeit der Terroristen. Deshalb mündet ihre Erinnerung an den 30. November 1989 in das Plädoyer für ein Gespräch zwischen Tätern, Opfern und Ermittlern ein, mit dem die Mauer des durch Kumpanei, Leid oder Staatsräson erzwungenen Schweigens durchbrochen werden soll.

Kommunikation ist Verfriedlichung

„Ich komme in meinen Überzeugungen von Habermas her und von Hannah Arendt. Deshalb glaube ich daran, dass nur das Reden über tiefe Verletzungen weiterhilft. Wir sind eben kommunikative Wesen“, gibt Carolin Emcke eine Stunde später zu bedenken, als wir verabredungsgemäß ein Café nahe des Savignyplatzes aufgesucht haben. Hier gibt es eine große Auswahl für die passionierte Teetrinkerin, die niemals ohne eigenen Vorrat und vor allem nicht ohne Tee-Ei zum Aufbrühen auf ihre Reisen geht. „Teekultur gibt es außerhalb Englands kaum irgendwo, wo ich hinkomme.“ Besonders schlimm war es gerade in den Vereinigten Staaten, wo sie für eine Reportage den Mississippi von der Mündung bis nach St. Louis hinaufgefahren ist. „Was mir vor allem auffiel, war, dass es keine Orte gab, nichts, wo Menschen sich zusammengefunden hatten. Dort waren die Vereinigten Staaten ein fremderes Land als Pakistan.“

Kein Platz fürs Gespräch, also keine Zivilisation im Sinne von Verfriedlichung. Was Carolin Emcke dagegen in all den Krisengebieten, die sie besucht hat, fand, waren Erfahrungen mit Einrichtungen wie Wahrheitskommissionen, Aussprachen zwischen Tätern und Opfern, Runden Tischen und Aussöhnungsverfahren. Hat die Arbeit als Kriegsreporterin also das in „Stumme Gewalt“ dokumentierte Nachdenken über die Bedingungen und Folgen eines Gesprächs mit Terroristen erleichtert? „Erleichtert nicht, aber ermöglicht.“ Der Theodor-Wolff-Preis zeichnet also nur scheinbar einen untypischen Artikel von Carolin Emcke aus. Wer außer ihr hätte ihn mit solcher Überzeugung schreiben können? Mit einer Kompetenz, die viel mehr in ihrer Persönlichkeit als Beobachterin denn als Bekannte von Alfred Herrhausen begründet ist.

Überzeugt vom Nutzen des Gesprächs

Das ist wichtig, um das Buch zu verstehen, das eine viel dichtere Verschränkung der persönlichen Reminiszenzen mit den thetischen Passagen bietet als der Artikel. Als dieser erschien, reagierten viele irritiert. Carolin Emcke legte darin noch das Schwergewicht auf ihre eigene Selbstbefragung als „Angehörige“ eines durch die RAF Ermordeten (immerhin vermeidet sie für sich bewusst die Bezeichnung „Hinterbliebene“). Damit aber erklärte sie sich auch selbst zum Opfer, sie zählt sich zur Gruppe der durch das Verbrechen Traumatisierten, und aus dieser Position allein heraus legitimierte sie im „Zeitmagazin“ ihren provokanten Vorschlag: Amnestie als Voraussetzung für offenes Sprechen, damit niemand von den Tätern Sorge haben muss, Namen von Terroristen preiszugeben, die bislang noch nicht für ihre Taten belangt wurden.

Es ist ein hartes Zugeständnis, das Carolin Emcke dem Rechtsstaat damit abverlangt, aber nur so sieht sie eine Möglichkeit, den Angehörigen der Opfer das zu verschaffen, wonach es sie am meisten verlangt: Klarheit über die Gründe für den Tod ihrer Männer, Väter und Freunde. Rache, das weiß Carolin Emcke, und das bestätigen auch Gespräche mit Hinterbliebenen, spielt demgegenüber keine Rolle. Doch genügt die Bekanntschaft mit einem Mordopfer, die Bewunderung für ihn, schon, um sich zur Fürsprecherin der Angehörigen zu machen? Mancher empfand Carolin Emckes Position als anmaßend, doch schon im „Zeitmagazin“ war jenes Buch angekündigt, das vor wenigen Wochen gleichfalls unter dem Titel „Stumme Gewalt“ erschien und doch so ganz anders ist als der Artikel. Dramaturgisch viel ausgefeilter, selbstkritischer, formal wagemutiger.

Für wen spricht sie?

Ausgefeilter - weil die lange persönliche Erinnerung an die Tage in Bad Homburg unterbrochen wird durch die nicht minder persönliche Argumentation für ihre Aussprache zwischen den erzwungen Verschwiegenen. Selbstkritischer - weil hier mit Winfried Hassemer und Wolfgang Kraushaar auch weitere Meinungen zu Wort kommen. Und formal wagemutiger - weil der Text kein abgeschlossenes Denken in Szene setzt, sondern in seiner Zerrissenheit, die nach fast jedem Satz in einen neuen Absatz mündet, den assoziativen Charakter dieser Überlegungen offenlegt. Hatte sie das so geplant? „Nein“, räumt Carolin Emcke ein, „das hat sich so ergeben. Es war ein subjektiver Rhythmus. Wie in der Musik bei einer Fuge. Die Bezeichnung kommt aus dem Lateinischen, von der Hetzjagd. So war es auch beim Schreiben.“ Im „Zeitmagazin“ war dieser gehetzte Rhythmus, dieser Beleg einer Flucht vor der Unsicherheit, die man angesichts der Provokation des Gesprächsangebots und der Amnestieforderung so gern gespürt hätte, redaktionell geglättet worden.

Spricht sie für die Opfer? „Ich spreche für mich. Es ist meine Überzeugung vom Nutzen eines offenen Gesprächs, die in dem Buch vertreten wird.“ Ist das nicht eine Utopie? Würden denn auch tatsächlich die Ermittler sprechen wollen, Menschen also, die weder unter Schuld noch Verlust leiden? „Ganz sicher, die sogar am dringlichsten. Sie waren ja gezwungen, über alles zu schweigen, und das war nicht ihre Entscheidung.“ Und dann? Was ist, wenn sie schließlich alle zusammensitzen, Terroristen, Angehörige, Fahnder, Gefängnispersonal? „Da ist mein Text vielleicht doch utopisch.“ Aber Carolin Emcke erhebt gar keinen Anspruch auf objektive Wahrheit oder praktische Umsetzbarkeit ihres Aufrufs zum Gespräch: „Das war nie mein Ziel. Alexander Kluge hat mein Buch dafür als ,kontrafaktisch‘ gelobt. Ich verstehe es als Flaschenpost. Womöglich liest es jemand in ein paar Jahren oder Jahrzehnten und kann mit der Botschaft etwas anfangen.“

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Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr