http://www.faz.net/-gqz-6zwoc

Carlos Fuentes : Mexikos Universalschriftsteller ist tot

Carlos Fuentes gehörte zu den wichtigsten Erzählern der mexikanischen Literatur Bild: dpa

Die spanischsprachige Welt trauert um den größten Vertreter der zeitgenössischen mexikanischen Literatur: Carlos Fuentes ist im Alter von 83 Jahren in Mexiko-Stadt gestorben.

          Der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes ist am Dienstag in Mexiko-Stadt im Alter von 83 Jahren gestorben. Fuentes, ein in Panama geborener Diplomatensohn, der Mexiko zum erstenmal mit sechzehn Jahren betrat, gehört zur Generation des „Booms“ der lateinamerikanischen Literatur, mit der eine Autorengruppe dieses Kontinents erstmals ins internationale Rampenlicht trat und gleichsam zum künstlerischen Markenartikel wurde.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Fotos der sechziger Jahre zeigen die Mitglieder dieser inoffiziellen Bewegung als Freunde vereint: Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa, Julio Cortázar und viele andere. Später entzweiten sich manche von ihnen, etwa Vargas Llosa mit García Márquez, und meist ging es dabei um die Frage, welcher politische Weg für Lateinamerika der richtige sei und wie man es als Intellektueller mit Fidel Castros Kuba halten müsse.

          Auf vielen Podien der Welt

          Anders als manche seiner literarischen Generationsgenossen erhielt Carlos Fuentes eine hochprivilegierte Schulbildung. Die Stationen hießen Washington, Santiago de Chile, Buenos Aires und Mexiko-Stadt. Ein Weltreisender ist er bis zwei Tage vor seinem Tod geblieben. Fuentes sprach und schrieb ein brillantes Englisch, hatte Wohnungen in London und Mexiko-Stadt, lehrte an amerikanischen Universitäten und war wohl nur zu Hause, wenn er die Kulturen, die mexikanische eingeschlossen, aus der Distanz betrachten konnte.

          Obwohl man seinen Romanen, Essays, Theaterstücken und Vorträgen die europäisch orientierte Bildung manchmal überdeutlich anmerkt – Fuentes hat gern auf seine deutschen Vorfahren verwiesen -, tat dies seiner Bekanntheit als Intellektueller auf vielen Podien der Welt keinen Abbruch. Im Gegenteil. Mehr noch als der mexikanische Nobelpreisträger Octavio Paz, mit dem sich der Sozialist aus politischen Gründen überworfen hatte, wurde Carlos Fuentes zum allzeit verfügbaren Repräsentanten Mexikos. Zweifellos kam ihm dabei sein diplomatisches Training zugute. Mitte der siebziger Jahre ging er als Botschafter nach Paris, gab den Posten zwei Jahre später aber aus Protest wieder auf, weil der ehemalige Präsident Gustavo Díaz Ordaz, der für das Massaker bei den Studentenunruhen in Mexiko-Stadt 1968 verantwortlich war, als Botschafter nach Madrid berufen wurde.

          Von links nach rechts

          Seinen eigentlichen Ruhm erwarb sich Fuentes als fabulierender Chronist, Wiedererzähler und Deuter seines Heimatlandes, dessen indigene Vergangenheit er immer wieder zum Ausgangspunkt seiner Identitätssuche machte, ohne je in Kitsch oder Folklorismus zu verfallen. Nach dem Geschichtenband „Verhüllte Tage“ (1954) und dem ersten Roman „Landschaft in klarem Licht“ (1958) folgte mit „Nichts als das Leben“ ein düsteres, von der Literaturkritik gefeiertes Buch über die mexikanische Revolution. „La muerte de Artemio Cruz“, wie der Roman im spanischen Original heißt, ist bis heute eines der populärsten Werke des Autors geblieben und zeigte früh, wie geschickt Fuentes Geschichtsreflexion und Erzählen zu verschmelzen vermochte.
          Auch seine beiden umfangreichsten Epen, der tausendseitige Roman „Terra nostra“ (1975) und das verspielt-sprachschöpferische Werk „Christoph, ungeborn“ (1987) sind Interpretationen mexikanischer Geschichte.

          Spätere Bücher des Autors haben selten wieder diese Strahlkraft erreicht, und in den letzten Jahren war in Fuentes’ Produktion neben der erwartbaren Routine eine gewisse Ermattung zu spüren.
          In der Fiktion erlaubte sich Fuentes Ironie, Witz und Doppelbödigkeit. (Die meisten seiner Bücher hat die zuverlässige Maria Bamberg ins Deutsche gebracht.) Als politischer Kopf dagegen war er von großer Klarheit und ungebremstem Mitteilungsdrang. Vom Instinkt her ein linker Sozialdemokrat mit anfänglichen Sympathien für Kubas Revolutionsprojekt, wanderte er im Lauf der Jahre nach rechts hinüber. Allerdings nicht genug, um der Beschimpfung als „Salonmarxist“ völlig zu entgehen. Sein Nachdenken über die Beziehungen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten war differenziert, offen und von eigener Erfahrung geprägt. Unversöhnlich war Fuentes nur gegenüber George W. Bush, eine Haltung, die er mit vielen amerikanischen Intellektuellen teilte.

          In seiner langen Karriere, die ihm den Cervantes-Preis, den Prinz-von-Asturien-Preis und zahlreiche andere Auszeichnungen eintrug, hat Carlos Fuentes mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks gearbeitet, jedoch nur früh am Morgen. Die zweite Tageshälfte sollte für die Welt, das Vergnügen, die Freunde da sein. Stets makellos gekleidet, ob im Maßanzug oder in sportlichem Weiß, mischte Fuentes in seinem Auftreten den Schriftsteller und Diplomaten mit dem Dandy. Von seinen drei Kindern sind zwei bereits gestorben. Wenige Tage vor seinem Tod signierte er in Buenos Aires zwei Stunden lang im Stehen seine Bücher. Kurz nach der Rückkehr in die Heimat versagte sein Herz.

          Die spanischsprachige Welt trauert um den größten Vertreter der zeitgenössischen mexikanischen Literatur. Schriftstellerkollegen wie Mario Vargas Llosa, Jorge Volpi und Martín Caparrós würdigten die Bedeutung von Fuentes’ Werk. Mexikos Staatspräsident Felipe Calderón fuhr zum Haus des Schriftstellers, um der Witwe das Beileid des ganzen Landes auszusprechen. Mexikos Außenministerin Patricia Espinoza schrieb: „Er hinterlässt uns ein großes literarisches und intellektuelles Erbe.“ Fuentes’ Freund und Kollege Juan Goytisolo sagte, der Roman „Terra nostra“ sei eines der größten Werke in spanischer Sprache überhaupt.
           

          Quelle: DPA

          Weitere Themen

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Vom Karrieristen zum Politiker

          Sebastian Kurz gilt als Wunderknabe der europäischen Politik. Sandra Maischberger will die Gründe für den Erfolg des österreichischen Bundeskanzlers offenlegen. Vergeblich. Denn allein an seinem Alter liegt es nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.