21.07.2008 · Lange hatte die französische Nation auf Carla Brunis Platte hingefiebert, doch als sie erschien, wurden an den ersten zwei Verkaufstagen müde 14.000 Exemplare verlangt. Lag es am übertriebenen Werbeaufwand, dass sich letztlich nur noch so wenige für das tatsächliche Produkt interessierten?
Von Andreas PlatthausAnderthalb Monate lang, so mochte man meinen, lebte Frankreich auf ein einziges Datum hin: den 11. Juli, einen zweiten Nationalfeiertag; denn an jenem Freitag erschien die neue Platte von Madame le Président, vulgo Carla Bruni. Es gab zahllose Vorabberichte, in einem Pariser Büro der Plattenfirma Naïve konnte man sich auf Anmeldung die vierzehn Lieder von „Comme si de rien n'était“ schon vor der Veröffentlichung anhören, einige davon wurden dann fürs Internet freigegeben, und die ehedem linke Tageszeitung „Libération“ vergrätzte ihr immer noch linkes Publikum mit einem devoten Interview über drei ganze Seiten, aus dem zwölf gefilmte Minuten ins Netz gestellt wurden, pikanterweise anfangs durchs offene Fenster begleitet von Protestsprechchören auf der Straße vor dem Redaktionsgebäude, aber die Stimme des Volkes wurde rasch zugunsten der Stimme der Präsidentinnengattin ausgeschlossen (und seien wir ehrlich: Sie hat wirklich eine sehr schöne).
Dann wurde der Verkaufsbeginn von „Comme si de rien n'était“ vorgezogen - und nun, zehn Tage nach diesem Datum, gab Naïve bekannt, dass all das Ballyhoo und Getrommele dazu geführt haben, dass Carla Brunis Platte auf - Tusch! - Platz drei in der französischen Alben-Hitparade eingestiegen sei, mit einer - Doppeltusch! - Verkaufszahl von 14.000 Exemplaren an den ersten beiden Verkaufstagen. Und das - Dreifachtusch! - entspreche den Erwartungen.
Überworbenes Produkt
Wie bitte? Mehr sollte da nicht gewesen sein? Wenn man bedenkt, dass nach dem 11. und 12. Juli mit Sonn- und wirklichem Nationalfeiertag sofort eine erzwungene Verkaufspause folgte, darf man wohl sagen, dass sich die Fans der Sängerin nicht als übermäßig neugierig erwiesen haben. Trotz angeblich zweideutiger Textstellen wie „Deine Liebe ist gefährlicher als kolumbianisches Kokain“. Aber nicht einmal mehr Sex sells. Platz drei in der Hitparade, das heißt weniger Erfolg als Coldplay (das könnte man ja noch akzeptieren) und Laurent Voulzy, der mit Sarkozy weder verwandt noch verschwägert ist und also die Werbung für seine neue Platte „Recollection“ ganz allein bestreiten musste.
Was um alles in der Welt hat dieser Chansonnier, was Carla Bruni nicht hat? Seine Lieder sind alt (es handelt sich zum Teil um unveröffentlichte Kompositionen von 1977, als die Bruni gerade einmal der Volksschule entwachsen war), und er selbst ist auch nicht mehr taufrisch (Jahrgang 1948). Aber eine Sache ist bei ihm ganz neu: die Platte selbst, über die man nicht schon alles vorher gehört hatte.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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