Wie himmelhoch stehen wir über der Frühzeit unserer Kultur - und wie winzig ist manchmal der Abstand zu ihr. So wundern wir uns oft über den enormen Hochstand der antiken Kunst - und die Kleinkariertheit, mit der damals deren Bedeutung gemessen wurde: Malern, Bildhauern und Architekten kam höchster Rang zu, sofern ihre Werke Unsummen kosteten. Von der seinerzeit als Weltwunder gefeierten Riesenstatue der Athene des Phidias ist überliefert, dass ihr Elfenbein und Gold die Auftraggeber fast in den Ruin trieb. Doch wie sie den Betrachter anblickte, ob sie entrückt oder hellwach, freundlich oder drohend schien, wissen wir nicht. Wir haben längst gänzlich andere Maßstäbe für den Wert von Kunst. Haben wir? Als in der vergangenen Woche die Nachricht kursierte, es seien in Mailand hundert bisher unbekannte Zeichnungen und Gemälde des weltberühmten Caravaggio entdeckt wurden, versäumte keine Agentur den Hinweis, dass das Konvolut siebenhundert Millionen Euro wert sei. Die Zahl wird sich, zusätzlich zum altgedienten Klischee von Caravaggio als schwulem, aber genial malenden Totschläger, der Allgemeinheit einprägen.
Was Caravaggios Genie ausmacht
Was dagegen dessen Genie angeht, flossen die Informationen spärlicher: Es gab nur vage Hinweise auf die Verwandtschaft einzelner Skizzen mit lange bekannten Gemälden. Eine, das Gesicht eines alten Mannes, wurde von den Entdeckern wie eine Vorstudie für Caravaggios „Bekehrung des Saulus“ (siehe F.A.Z. vom 7.Juli) präsentiert, jenes Gemäldes, in dem er, der nicht nur ungeschönt die Bestie Mensch malte, sondern das Gemeinste und Edelste, das Viehische und das Gute in den von ihm Dargestellten eins werden ließ, auf der Höhe seiner Kunst stand. Den fanatischen Christenschlächter Saulus, und Paulus, den Evangelisten des „am größten jedoch ist die Liebe“ als ein und denselben Menschen malen zu können, hob Caravaggio über alle Maler seiner (und vielleicht jeder) Epoche hinaus. Doch was vergangenen Donnerstag der Weltöffentlichkeit mitgeteilt wurde, war, die Werke des Malers zählten zu den teuersten der Welt. Peinlich, dass die Summe hinausposaunt wurde, noch ehe der angebliche Caravaggio-Fund über den Status begründeter Vermutung hinaus war, peinlicher, dass sich nun massive Zweifel mehren. Doch am peinlichsten ist, dass unsere Fixierung auf finanzielle Werte selbst in der Kunst die gleiche kleinkarierte ist wie schon vor zweieinhalb tausend Jahren.