19.07.2004 · Im Gespräch mit der F.A.Z. kritisiert Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation "Cap Anamur", die Inszenierung seines Nachfolgers Elias Bierdel und wirft ihm mangelhafte Vorbereitung vor.
Vierzehnmal hat die Hilfsorganisation "Cap Anamur", seit sie 1979 gegründet wurde, ein Schiff für ihre Aktionen gechartert: im südchinesischen Meer, als sie vietnamesische boat-people rettete, vor Liberia oder Somalia, Eritrea oder Sierra Leone. Zu Beginn dieses Jahres aber hat "Cap Anamur" erstmals ein Schiff gekauft und dafür 1,8 Millionen Euro ausgegeben. Sollte dieses Gefährt jetzt, wie von den italienischen Behörden angedroht, beschlagnahmt werden, wäre das, so Rupert Neudeck, Mitgründer von "Cap Anamur" und bis 2002 deren Vorsitzender, "eine große Einbuße, die die gesamte Arbeit gefährden würde". Deshalb müssen, so betonte er im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, "alle Anstrengungen unternommen werden, daß es gar nicht erst zur Hauptverhandlung kommt".
"Ich bin zwanzig Jahre lang als Kapitän eingeschätzt worden", sagt Neudeck lachend, "das Schiff ist ein so symbolträchtiges Bild gewesen, daß die Öffentlichkeit meint, wir seien mit einem Schiff unterwegs. Das ist eine anheimelnde Form und zeigt, wie sich eine große Aktion im Bewußtsein der Menschen festsetzt." De facto aber habe sich das "Prinzip ,Cap Anamur'" zu Lande anders durchgesetzt, "gleichermaßen grenzüberschreitend und halb- oder auch illegale Aktionen nicht scheuend, wenn es darum geht, Menschen zu retten: zum Beispiel 1997 im Zentrum des Sudan, wo es eigentlich unmöglich ist, zu arbeiten, weil die Regierung das verboten hat, und wir ein Hospital aufgebaut und camoufliert in einen Felsen gehauen haben, damit die Bomber es nicht entdecken."
„So ein Schiff muß sich - auch humanitär - amortisieren“
Immer sei es ihm wichtig gewesen, keinen großen Besitz - in Form von Schiffen, Liegenschaften oder auch Häusern - zu haben, und das nicht nur aus Gründen der Gemeinnützigkeit. "So ein Schiff schafft einen Druck, immer was damit zu machen, es muß sich - auch humanitär - amortisieren, und das ist, wie wir jetzt sehen, gar nicht so einfach." Was Neudeck an der Aktion seines Nachfolgers Elias Bierdel kritisiert, ist vor allem deren Inszenierung: "Die Medien haben bei uns immer dazugehört, aber nur hilfsweise. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir je das Schiff aufgehalten haben, damit Journalisten an Bord kommen können, Medien sind immer willkommen, aber sie müssen sich einpassen. Deshalb ärgert es mich, wenn ich erfahre, daß die Flüchtlinge schon am 20. Juni aus dem Meer gerettet wurden und erst am 28. Juni zwei Fernsehteams an Bord gehen und das Schiff extra dafür bis vor die tunesische Küste geschickt worden ist. Das kostet ja alles auch Geld. Wir sind immer sehr pfleglich mit Geld umgegangen, das war unser ganzer Stolz, denn wir haben uns bewußtgemacht, daß wir von den zwanzig Euro der Oma leben und daß uns Hunderttausende Geld geben, die es selbst nicht dicke haben."
Das größte Mißverständnis von Cap Anamur
Die Schmähungen seines Vorgängers, der Neudecks Äußerungen zur Inszenierung der Rettung als "bizarren Fall von senilem Zynismus" bezeichnet hat, nimmt der in Troisdorf bei Köln lebende Neudeck gelassen: "Da sage ich kölsch mit Adenauer: ,Der Vorwurf ist hart, aber ich traare ihn.'" Dabei hält er das Unternehmen selbst nicht für falsch: "Daß das Thema jetzt besetzt ist, finde ich sehr gut." Doch hätte er es - "solange wir noch keine europäische Jurisdiktion haben" - für besser erachtet, die Menschen auf dem unter deutscher Flagge fahrenden Schiff nach Deutschland zu bringen, wo sie ein asylrechtliches Verfahren erwartet und die Besatzung keine Inhaftierung riskiert hätte.
Kritisch sieht Neudeck auch die mangelnde Vorbereitung: "Man muß, wenn man vorhat, in Italien zu landen, nicht nur mit der eigenen, sondern auch mit der dortigen Regierung reden, zumindest mit Teilen von ihr. Es ist immer wichtig, daß die Leute informiert sind, und Verbündete gewonnen werden." Das versäumt zu haben, hält Neudeck nicht nur für einen psychologischen Fehler: "Humanitäre Arbeit, heißt es, sei unpolitisch. Das aber ist das größte Mißverständnis, das die Arbeit von ,Cap Anamur' von Anfang an begleitet hat."