13.05.2001 · Bekannte Namen garantieren keine spannenden Filme. Das haben die Brüder Coen und Coppola Junior in Cannes gezeigt.
Von Gunter GöckenjanDer Friseur fährt mit seiner Gefährtin hinaus aufs Land, um dort ein Familienfest zu begehen. Dort reitet man auf Schweinen und frisst Blueberry-Pie um die Wette. Billy Bob Thornton und Frances McDormand spielen das Paar im mit Spannung erwarteten neuen Film von Ethan und Joel Coen, der jetzt in Cannes zu sehen war.
Eine solche Familienversammlung ist ein hübscher Anlass zur Ironie - niemand möchte dazugehören. Die Brüder Coen könnten sich zudem damit auch selbst meinen, schließlich sind sie ein Familienunternehmen: Die Brüder schreiben zusammen die Drehbücher. Und die Ehefrau des einen ist ihre Hauptdarstellerin. Der Charme ihrer witzigen Filme entsteht oft dadurch, dass sie auf Erzählsituationen in Situationen reiten, in denen man sie noch nicht gesehen hat.
Die Coen-Brüder und die Distanz zum Vorbild
„The Man Who Wasn't There“, der neunte Wurf der Coens, eine sorgfältige Film Noir-Etüde, investiert ein großes Maß an Kunstfertigkeit in das delikate Schattenspiel und die erzählerische Rekonstruktion seines Genres. Selbst die kleinsten Details bei Kostüm und Ambiente sind von erlesener Genauigkeit. Zudem scheinen die Darsteller in ihren Rollen aufzugehen: Thornton macht eine gute Figur als Bogart-Ersatz, und McDormand spielt gekonnt mit dem Bild der zweifelhaften 40er-Jahre Dame.
Trotz seiner Eleganz wirkt dieser Film, ein Puzzle der Morde, jedoch wie eine gutgemachte Fälschung: leblos. Es fehlt die Spannung, und die witzigen Einfälle tröpfeln zu zaghaft. Immer schon waren die Coens vom Film Noir fasziniert, haben ihn aber aus ihrer eigenartig schrägen Perspektive betrachtet. Jetzt haben sie die Distanz zu ihren kreativen Vorfahren auf gefährliche Weise überwunden. Und langweilen ihr Publikum.
Der Coppola-Junior und der Schlaumeier-Trash
Alle amerikanischen Filme, die bis jetzt im offiziellen Programm des Filmfestivals von Cannes zu sehen waren, reflektieren ihre Arbeitsbedingungen und zitieren sich in einen Genre-Zusammenhang. So belächelt „CQ“ von Roman Coppola die Bestrebungen eines Regisseurs, der Ende der 60er-Jahre in Paris einen „Barbarella“- und „Mission Impossible“-Verschnitt dreht und der zur gleichen Zeit seine Gedanken vor einer Kamera dokumentiert - auf der Suche nach dem verlorenen Selbst.
Roman, der Sohn von „Apocalypse Now“-Regisseur Francis Ford Coppola (der hier auch Executiv Producer für seinen Nachwuchs spielt), zitiert dabei allerlei erinnerungsträchtigen Trash wie z. B. „Vampiros Lesbos“, der zu unerwartetem, späten Ruhm fand, weil Quentin Tarantino seine Filmmusik zitierte. Roman C. lässt Giancarlo Giannini eine witzige Dino Di Laurentis-Persiflage geben, und Gérard Depardieu einen Autorenfilmer, er tändelt mit Versatzstücken und Dekorationselementen der 60er-Jahre: Er zitiert und ironisiert.
Während jedoch die Coens mit ihrem Meta-Noir-Film zeigen, dass sie das Handwerk mindestens so gut beherrschen wie die Vorbilder, produziert Roman C. mit seinem Meta-Trash nur Mega-Trash. Das macht er schlechter als seine Vorbilder, weil er statt frischer Frechheit nur die Überheblichkeit des Schlaumeiers anbietet. Bei den Coppolas kostete das 10 Millionen Dollars, in den 60ern hat man das mit ein paar Tausendern gemacht.
Todd Solondz und die kreative Willkür
Todd Solondz betrachtet in seinem Beitrag „Storytelling“ ebenfalls das eigene Gewerbe des Geschichtenerzählens. Im ersten Teil, „fiction“, hat der Lehrer eines Schreibseminars Sex mit einer Schülerin, die durch diese unerfreuliche Erfahrung zu einer Erzählweise findet. In „nonfiction“ dann sucht ein Dokumentarfilmer nach seinem Weg durch die Wirklichkeit, die Solondz zuweilen wie eine Comic-Strip-Version von „American Beauty“ gestaltet.
Die Qualität dieses Film liegt in der kreativen Willkür, mit der sein Autor sich beim Erzählen von einer überspannten Wendung zur nächsten treiben lässt. Offenbar freut er sich dabei über die vielen Tabus, zu denen ihn das Erkunden der Erzählmechanismen führen. Das ist grob, unverschämt und interessant.