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Die Preisträger von Cannes : Es lebe das Kino der Poesie!

Juliette Binoche gewann die Auszeichung als beste Schauspielerin Bild: REUTERS

Beim 63. Filmfestspielen von Cannes sind die Entscheidungen gefallen: Der Film „Oncle Boonmee“ des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul erhält die Goldene Palme, Juliette Binoche, Javier Bardem und Elio Germano sind die besten Schauspieler.

          Großartig! Darauf hätte niemand gewettet, dass Apichatpong Weerasethakul aus Thailand mit „Onkel Boonmee, der sich an sein früheres Leben erinnern kann“ die Goldene Palme gewinnen würde. Xavier Beauvois, der den Großen Preis der Jury erhielt, war einer der Favoriten, „Copie Conforme“ ein anderer, für den Juliette Binoche mit dem Preis der besten Darstellerin ausgezeichnet wurde, „Poesie“ von Lee Chang-dong wurde ebenfalls hoch gehandelt. Er bekam den Preis für das beste Drehbuch. Nun also endlich Weerasethakul mit dem Hauptpreis des wichtigsten Festivals der Welt. Wird das heißen, wir bekommen seine Filme weitläufig in unseren Kinos zu sehen?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wer weiß. 2004 ging Weerasethakul aus Cannes mit dem Preis der Jury für „Sud pralad“ nach Hause, das war, als Quentin Tarantino den Juryvorsitz hatte. Man kann sagen, dass der Thailänder, dessen Film Teil seiner Trilogie „Primitive“ ist und der an der Schnittschnelle von Kino und bildender Kunst arbeitet, ein Filmemacher für Filmemacher ist - und für Kritiker natürlich. Jetzt ist es an der Zeit, dass das Publikum ihn entdeckt. Hoffen wir, dass die Goldene Palme dabei hilft. Seine traumverlorenen Filme, die einer Logik jenseits der Rationalität folgen und dennoch für jeden, der sehen kann, ihren Zauber entfalten, hätte unbedingt ein großes Publikum verdient.

          Eine mutige Jury

          Jedenfalls hat die Jury unter Tim Burton, die niemand einzuschätzen wusste, wie das bei Jurys so geht, mit all ihren Entscheidungen einen deutlichen Hang mit poetischen Kino bewiesen. Und das ist, angesichts eines mittelmäßigen Wettbewerbs, der durchaus immer wieder politisch war in dem Sinne, dass von Krisen und Aufruhr die Rede war, dann doch unerwartet mutig. Ihre Entscheidung für Weerasetakul war die große Überraschung. Und von den Filmen, die es wert waren, beachtet zu werden, hat sie eigentlich keinen übersehen.

          Der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul bei seiner Dankrede. Sein Film „Lung Boonmee Raluek Chat” (Uncle Boonmee Who Can Recall his Past Lives) erhielt die Goldene Palme
          Der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul bei seiner Dankrede. Sein Film „Lung Boonmee Raluek Chat” (Uncle Boonmee Who Can Recall his Past Lives) erhielt die Goldene Palme : Bild: REUTERS

          Im Gegenteil. „Tournée“ von Matthieu Amalric, der den Regiepreis erhielt, kann man immerhin zugute halten, dass er weder Sujet (die Tournee einer amerikanische Burlesquetanz-Truppe in Frankreich) noch seine Laiendarstellerinnen ausbeutet, sondern liebe- und respektvoll mit ihnen umgeht. Das ist bei diesem Thema gar nicht so einfach, und insofern mag Amalric, der auch noch die Hauprolle spielt, seinen Preis verdient haben.

          Dasselbe gilt natürlich für Javier Bardem, der Alejandro Gonzales Inarritus „Biutiful“ vor dem vollständigen Absturz bewahrt. Was an Elio Germano dran war, der in einem der miesesten Wettbewerbsfilme („La nostra vita“ von Daniele Luchetti) die Hauptrolle hat, erschließt sich allerdings nicht. Vielleicht war die Tatsache, dass beide Männer Rollen spielen, in denen sie sich bemühen, ihren Kindern ein guter Vater zu sein, weil die Mutter entweder tot oder anderweitig abwesend ist, der Jury schon eine Auszeichnung wert war.

          Hommage an den inhaftierten Jafar Panahi

          Und so mag es kein Zufall sein, dass auch in „Un homme qui crie“ aus dem Tschad von Mahamat-Saleh Haroun (er bekam den Jurypreis), ein Vater im Mittelpunkt steht, allerdings einer, der seinen Sohn verraten hat und versucht, das wieder gutzumachen.

          Natürlich wurde gleich nach der Verleihung gefragt, ob die Entscheidung für Weerasethakul eine politische sei, um gleichsam den Aufmerksamkeitsregler für die Zustände in seinem Heimatland hochzuschieben. Dass es dafür andere Wege gibt, bewies Juliette Binoche und hielt bei ihrer Dankesrede ein Schild mit dem Namen Jafar Panahi hoch. Sie holte damit den iranischen Regisseur wenigstens symbolisch in den Festivalpalast.

          Dort hätte er eigentlich als Mitglied der Jury die letzten zwölf Tage verbringen sollen. Stattdessen sitzt er im Evin-Gefängnis in Teheran und ist seit neun Tagen im Hungerstreik. Wir wissen natürlich nicht, ob auch ihm „Onkel Boonmee, der sich an seine früheren Leben erinnern kann“ gefallen hätte. Aber es ist sehr wahrscheinlich.

          Die wichtigsten Preise von Cannes

          GOLDENE PALME: „Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives“ von Apichatpong Weerasethakul (Thailand)

          GROSSER PREIS DER JURY: „Des Hommes Et Des Dieux“ von Xavier Beauvois (Frankreich)

          BESTER SCHAUSPIELER: Javier Bardem (Spanien) in „Biutiful“ und Elio Germano (Italien) in „La Nostra Vita“

          BESTE SCHAUSPIELERIN: Juliette Binoche (Frankreich) in „Copie Conforme“

          BESTES DREHBUCH: „Poetry“ von Lee Chang-dong (Südkorea)

          BESTE REGIE: „Tournée“ von Mathieu Amalric (Frankreich)

          PREIS DER JURY: „A Screaming Man“ von Mahamat-Saleh Haroun (Tschad)

          GOLDENE KAMERA: „Año Bisiesto“ von Michael Rowe (Mexiko)

          Quelle: FAZ.NET, Kasten: dpa

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