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Cannes : Warum denn so ernst, Robin Hood?

Der Eröffnungsfilm: Ob Russell Crowe als Robin Hood in Cannes ins Schwarze trifft? Bild: dpa

Marktplatz der Eitelkeiten: Heute eröffnet das Filmfestival von Cannes mit Ridley Scotts Großproduktion „Robin Hood“, in der Russell Crowe seine Figur ernster nimmt, als ihr wirklich gut tut.

          Ein amerikanisches Online-Magazin hat sich den Scherz erlaubt, nach Bekanntgabe der Wettbewerbsfilme von Cannes ein Quiz unter seinen Lesern zu veranstalten. Punkte konnte gewinnen, wer schon einmal die Namen Sergei Loznitsa, Rachid Bouchareb, Wang Xiaoshuai, Kornél Mundruczo, Lee Chang-dong, Mahamat-Saleh Haroun und all die anderen gehört hatte, deren Filme in diesem Jahr das Hauptprogramm bestreiten. Mehr Punkte gewann, wer schon einmal einen, noch mehr Punkte, wer mehrere Filme dieser Regisseure gesehen hatte. Gut, dass wenigstens auch Namen wie Abbas Kiarostami und Apichatpong Weerasethakul dabei waren – und außer Konkurrenz Ridley Scott, Oliver Stone, Stephen Frears, Olivier Assayas.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der „cinema-snob IQ“, der in dem Quiz vergeben wurde, war natürlich ein Witz, der noch einmal deutlich machte, was das Filmfestival in Cannes eigentlich ist: erst einmal die Hoffnung auf ein funkelndes Ereignis, das Stars braucht, Hysterie, Geschrei. Was sich beim Erscheinen von Sergei Loznitsa möglicherweise nicht sofort einstellt. Und es ist natürlich ein riesiger Marktplatz, auf dem zwei verschiedene Gruppen von Leuten gar nicht so unterschiedliche Dinge suchen: Die Einkäufer wollen Bewährtes, sind aber auch auf Entdeckungen aus, die Cinéasten suchen das Neue und freuen sich übers Genre.

          Politische Schlagzeilen gab's dank Italiens Absage schon vorab

          Ganz unbekannt sind allerdings nicht alle Regisseure, die ihre aktuellen Arbeiten in Cannes zeigen. Woody Allen ist schließlich auch dabei (außer Konkurrenz), Jean-Luc Godard zeigt „Socialism“ (im „Certain Regard“, nicht im Wettbewerb), dessen Trailer im Netz so aussieht, als sei es bereits der gesamte Film, auf zwei Minuten zusammengeschnurrt. Aus England kommen Mike Leigh und Ken Loach mit einem Irak-Film, aus Frankreich Bertrand Tavernier. Für Altmeister und Cannes-Veteranen ist also reichlich gesorgt. Und mit der Absage des italienischen Kulturministers Sandro Bondi aus Protest gegen Sabina Guzzantis „Draquila – L’Italia Che Trema“, in dem Silvio Berlusconis Versäumnisse angesichts des Erdbebens in L’Aquila Thema sind, hat das Festival schon vor Beginn eine politische Schlagzeile gemacht.

          Insgesamt neunzehn Filme laufen im Wettbewerb, dazu neun außer Konkurrenz, das ist ein schlankes Programm, flankiert von noch einmal so vielen im „Certain Regard“, wo neben Filmen von Jia Zhangke, Manoel de Oliveira und Cristi Puiu auch Christoph Hochhäuslers „Unter der Stadt“ zu sehen sein wird.

          Der Jahrgang 2009 wird schwer zu toppen sein

          Natürlich ist es schwer, einem Jahrgang wie dem vergangenen standzuhalten, bei dem nahezu alle Filme, die in den letzten zwölf Monaten irgendeine Rolle spielten, vorgestellt worden waren – darunter „Das weiße Band“, „Inglourious Basterds“, „Der Prophet“, „Antichrist“ und „Bright Star“. Andererseits sind die Auswirkungen des Streiks der amerikanischen Drehbuchautoren vor zwei Jahren und natürlich der Finanzkrise erst jetzt richtig zu spüren, was sich vor allem auf die Filmauswahl aus den Vereinigten Staaten niedergeschlagen hat. Und dann gibt es immer noch die Filme, die einfach nicht fertig wurden, wie Terrence Malicks „Tree of Life“.

          „Robin Hood“ von Ridley Scott ist längst fertig und startet zeitgleich mit seiner Weltpremiere in Cannes auch bei uns. Es ist eine Art Prequel zu all den anderen Robin-Hood-Filmen der Geschichte, ungefähr dreißig an der Zahl, und Scott erzählt darin auf fast schon altmodische Weise – kein 3D, dafür echte Kamerakranfahrten –, wie der Bogenschütze Robin Longstride nach dem Tod von König Richard Löwenherz sich mit seinen Männern aus der brandschatzenden Kreuzzugsarmee absetzt, eine falsche ritterliche Identität annimmt, auf diese Weise Vater und Frau gewinnt, die Franzosen besiegt und daraufhin von Richards kleinem Bruder und neuem König John hintergangen und zum Gesetzlosen erklärt wird. Der Film endet, wo alle anderen Robin-Hood-Filme beginnen, im Wald.

          Robin Hood komplett ironiefrei - das passt zu Cannes

          Natürlich kann man sagen, dass Russell Crowe ein bisschen zu alt ist für die Rolle. Sie macht ihm allerdings sichtlich Spaß, auch wenn seine Schauspielkunst weniger gefordert wird als seine physische Ausdauer. Das gilt leider auch für Cate Blanchett, die, wenn sie die Gelegenheit bekommt, wunderbar bissig die Witwe spielt, als deren Mann Crowe sich ausgibt. Woran sie zunehmend Gefallen findet. Mit knapp 140 Minuten reichlich lang für das, was geschieht, fehlt dem Film vor allem eines, nämlich ein bisschen Selbstironie, ohne die, so sollte man denken, bei einer derart durchkarikierten Legende doch nichts mehr zu holen ist.

          Aber Scott und Crowe nehmen das Ganze so todernst, als hätte die Welt tatsächlich auf eine Geschichtsrevision der Robin-Hood-Figur gewartet. Das ist nicht unsympathisch, aber doch weitgehend überflüssig – und auch dafür ist ein Festival wie Cannes natürlich der richtige Ort.

          Quelle: F.A.Z.

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