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Cannes : Redet nicht über das Unsichtbare

Reitet für Frankreich: Mélanie Thierry als „La Princesse de Montpensier” bei Bertrand Tavernier Bild: Festival

Es waren die Tage der alten Meister in Cannes: Jean-Luc Godard hat den Sozialismus verfilmt, Bertrand Tavernier zeigt einen Historienfilm aus weiblicher Perspektive, Takeshi Kitano stellt einen Yakuza-Film vor und Abbas Kiarostami hat es in die Toskana verschlagen.

          No comment, so steht es auf dem letzten Bild in Jean-Luc Godards „Film Socialism“. Und so hielt es der Regisseur über den Film hinaus. Seine Pressekonferenz wurde abgesagt. Wir blieben also allein mit diesem Film, der uns auf ein Schiff führt, das übers Mittelmeer kreuzt. An Bord jede Menge vergnügungswilliger und gefräßiger Passagiere, die alles fotografieren, was ihnen vor Augen kommt, dazu ein Fotograf mit einer analogen Kamera, eine Frau mit ihrem älteren Begleiter, dem Philosophen Alain Badiou, die sich mit der russischen Revolution beschäftigt, und eine Reihe anderer Figuren.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          An Land treffen wir ein Lama und einen Esel, ein Kind, das offenbar musikalisch ist und das den Begleiter der Russin einmal mit „Obersturmbannführer Goldberg“ anspricht, eine Fernseh-Kamerafrau und eine Moderatorin. Kurze Szenen werden von typografischen Layouts unterbrochen, die wir als Kapitelüberschriften verstehen können, ohne dass sie uns viel weiterhelfen würden, „Des Choses Comme a“ etwa oder „Hell As“ und Ähnliches. Mit dem Kreuzfahrtschiff kommen wir nach Griechenland und nach Ägypten, sehen Bilder aus Palästina und Odessa, Barcelona ist eine Station, und manchmal wird deutsch gesprochen. Es fallen Sätze wie „Redet nicht über das Unsichtbare, zeigt es“, und eine Schwarze, die vom Deck auf die Schaumkronen der Wellen blickt, sagt: „Ich will nicht sterben, bevor ich Europa nicht glücklich gesehen habe.“ Darum geht es.

          Was hat das Lama mit der Tankstelle zu tun?

          Sind wir es Griechenland, zum Beispiel, nicht schuldig, das Land als etwas anderes zu sehen als nur einen Staat mit sehr hohen Schulden? Das könnte man zumindest denken, wenn man die kurzen Bilder antiker Stätten sieht, die wir lange Zeit als Zeugnisse unserer Kultur betrachtet haben. Haben wir es versäumt, aus der Geschichte oder – wir haben es schließlich mit einem Godard-Film zu tun – aus den Kinobildern über diese Geschichte, etwa der russischen Revolution, etwas zu lernen? Ist es möglich, wenn wir die Welt nur durch Kameraaugen wahrnehmen, etwas anderes zu sehen als nur den technischen Apparat? Das sind so die Fragen, mit denen man aus diesem Film kommt, ohne dass er sie explizit gestellt hätte.

          Brüder, seht die rote Farbe: Wenn Jean-Luc Godard ein Werk „Film Socialism” nennt, dann kann man davon ausgehen, dass nicht nur die Fahnen blutig leuchten, sondern etwa auch der Himmel  ...
          Brüder, seht die rote Farbe: Wenn Jean-Luc Godard ein Werk „Film Socialism” nennt, dann kann man davon ausgehen, dass nicht nur die Fahnen blutig leuchten, sondern etwa auch der Himmel ... : Bild: Festival

          Vielleicht ist es kein Zufall, dass man später, beim Blättern in den eigenen, im Dunkeln hastig geschriebenen Notizen feststellt, dass man sich in den Seiten vertan und nicht nebeneinander, sondern übereinander gekritzelt hat. So lässt sich aus ihnen nach dem ersten Sehen dieses Films nicht mehr feststellen, was das Lama eigentlich mit der Tankstelle zu tun hat und ob uns zum leitmotivischen Rot – von Autos, Zaumzeug, T-Shirts, Schals – etwas anderes als das Offensichtliche, nämlich der Titel „Film Socialism“, eingefallen war.

          Man möchte sie schütteln

          Es waren die Tage der (nach Lebensjahren oder ihrer Zeit im Filmgeschäft) alten Meister in Cannes. Neben den neuen, außerhalb des Wettbewerbs gezeigten Werken von Godard, der in diesem Jahr achtzig wird, und Manoel de Oliveira, der hunderteins ist, liefen dort die jüngsten Arbeiten von Bertrand Tavernier, Takeshi Kitano und Abbas Kiarostami. Mit ihrer Erfahrung machten diese Regisseure jeweils etwas ganz anderes. Tavernier dreht nach langer Zeit wieder einmal einen intelligenten Kostümfilm aus den Jahren der französischen Religionskriege Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, der etwa zur Zeit der Bartholomäusnacht endet.

          Ungewöhnlich für diese Art von Film ist, dass er sich vor allem für seine Frauenfigur interessiert, in deren Leben drei Männer eine Rolle spielen: der, den sie liebt, der, an den sie verheiratet wird, und der, von dem sie schreiben lernt. Tavernier bleibt ganz bei seinem Stoff, ohne ihn für die Gegenwart hinzubiegen, und schafft so ein Frauenporträt (dargestellt von der noch wenig bekannten Mélanie Thierry) am Beginn einer neuen Zeit.

          Kitano wiederum geht mit „Outrage“ zurück zum Yakuza-Film und erzählt eine bedrückende Geschichte von der Selbstzerstörung verschiedener Clans, blutig, explizit, das Genre ausreizend und deshalb auch vorhersehbar. Und Kiarostami? Er hat zum ersten Mal in Italien gedreht, mit Juliette Binoche und William Shimell. „Copie Conforme“ folgt einem Ehepaar, von dem zunächst nicht klar ist, ob es eines ist, auf einem quälenden Ausflug in der Toskana. Was beginnt wie ein Spiel, scheint dann doch der letzte Tag vor der Trennung zu sein. Der Titel deutet an, wir sollten im Unklaren über ihre Beziehung gelassen werden, aber was Kiarostami hier kopiert zu haben scheint, sieht eher aus wie zahlreiche andere Filme, die in der Toskana unglückliche oder zu Ende gegangene Lieben plazieren und an die wir uns zu erinnern meinen.

          Juliette Binoche ist eine wunderbare Schauspielerin. Aber in letzter Zeit und auch hier bekommt sie etwas nach Zuwendung Bettelndes. Die unverstandene, vernachlässigte Frau – das ist eine unschöne Rolle für jede Schauspielerin. Man möchte sie schütteln und ihr zurufen: Lass den Kerl laufen. Der Vorwurf geht dann aber doch eher an den Autor, der sich für eine Frau nach fünfzehn Jahren Ehe nur solche Geschichten vorstellen kann und sie dann verfilmt.

          Quelle: F.A.Z.

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