http://www.faz.net/-gqz-6xfok

Camila Vallejo : Das Gesicht des Kommunismus

  • Aktualisiert am

Camila Vallejo Bild: AFP

Ein Interview mit der chilenischen Studentenführerin Camila Vallejo, die wie eine Erlöserin gefeiert wird: Was will die Bewegung? Und wer ist der Gegner?

          Dass eine chilenische Studentenführerin im Ausland wie ein Popstar gefeiert wird, hat man noch nie erlebt. Camila Vallejo, 23, Geographiestudentin aus Santiago de Chile, ist gerade auf Deutschland-Tour: Berlin, Würzburg, Braunschweig, Bremen, Hamburg, überall volle Hörsäle. Sie führte im vergangenen Jahr eine Bewegung an, die als studentischer Protest für ein gerechteres Bildungswesen begann und sich rasch ausweitete zum Protest gegen die Hegemonie des Kapitals. Als dann die chilenische Polizei mit schwerem Geschütz gegen die friedlichen, meist jungen Demonstranten vorging, liefen diese Bilder um die Welt, und Camila Vallejo wurde zu einer Ikone für alle möglichen internationalen Protestbewegungen, vom Arabischen Frühling bis zum Wall-Street-Camp. (F.A.S.)

          Frau Vallejo, um mit der brennendsten Frage der Menschheit anzufangen: Sind Sie die Erlöserin?

          Quatsch. Ich bin Studentin.

          Zurzeit werden Sie in Medienberichten weltweit gefeiert als eine Mischung aus Che Guevara, Jeanne d’Arc, Salvador Allende, Dolores Ibárruri ...

          Ja, ich bin für viele Menschen zu einer Projektionsfläche geworden. Da geht manchmal mit den Journalisten die Phantasie durch.

          Immerhin haben die Leser des britischen „Guardian“ Sie jüngst zur „Person des Jahres 2011“ gewählt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

          Sie gilt nicht mir persönlich. Ich bin nur das Gesicht, das diese Bewegung personifiziert. Wenn man mir also diese Auszeichnung verleiht, dann ist das eine Wertschätzung für die globalen Umwälzungen, die durch viele Bewegungen angestoßen worden sind. Ich verstehe diese Ehrung deshalb als eine Anerkennung für den Mut der Jugend im Allgemeinen.

          Warum wurde ausgerechnet eine chilenische Studentenführerin zum Symbol der weltweiten Protestbewegung?

          Die Menschen fühlen sich hilflos in Anbetracht der Machtverhältnisse und der entfesselten Märkte. Bei uns in Chile ist es die Bildung, in anderen Ländern sind es andere Dinge. Aber im Kern eint alle ein globales Phänomen, das Gefühl einer globalen sozialen Ungerechtigkeit, in der einige wenige sehr viel haben und sehr viele ganz wenig. Diese Bewegung packt die Wurzel unserer neoliberalen Weltordnung an. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet ich zum Symbol wurde. Vielleicht, weil die chilenischen Proteste international Beachtung finden.

          Was ist der Kern des Konflikts zurzeit in Chile?

          Das ist ein langer Prozess, der in die Zeit der Diktatur zurückreicht. Chile ist schon seit dieser Zeit das Versuchslabor des Neoliberalismus schlechthin, der schlimmsten entfesselten Form des Kapitalismus. Chile hat 17 Millionen Einwohner, aber der Großteil des Kapitals befindet sich in den Händen von nur etwa hundert Familien. Sie sind im Besitz der Medienkonzerne, der Krankenhäuser, der Bildungseinrichtungen. Und sie bestimmen auch die Politik und damit die Gesetze des Landes.

          Wie kam es dazu, dass eine Studentenbewegung in Chile diese enorme landesweite Protestwelle auslösen konnte?

          Zunächst ging es uns nur um Stipendien und zinsgünstige Kredite. Das war 2005. Je weiter wir uns aber in die Thematik einarbeiteten, desto klarer wurde es, dass unsere Forderungen auch die Verfassung und die Grundrechte berühren. Es brauchte Zeit, um das so formulieren zu können. 2011 machte die Bewegung einen qualitativen und quantitativen Sprung. Wir taten uns mit den Schülern zusammen und formulierten gemeinsame Forderungen. Von da an war die Bewegung plötzlich politisch. Wir haben die Ungerechtigkeiten des Bildungssystems aufgezeigt, die schlechte Qualität der öffentlichen Einrichtungen angeprangert, das Problem der privaten Verschuldung. Denn Bildung geht nicht nur die Studenten etwas an, es ist auch ein Problem ihrer Familien. Großeltern und Eltern verschulden sich in Chile für die Bildung ihrer Kinder, und plötzlich betraf das Thema also die gesamte Gesellschaft, alle Generationen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach der Acosta-Affäre : Trumps Verständnis von Anstand

          CNN-Reporter Jim Acosta ist zurück im Weißen Haus. Sein kurzzeitiger Rauswurf hat Konsequenzen für alle. Donald Trump setzt nun nämlich Regeln für die Presse auf. Manche Zeitung fragt, ob Acosta den Medien nicht einen Bärendienst erwies.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.