09.12.2011 · Auf Zusammenhalt in Europa scheint niemand viel Wert zu legen - der britische Premierminister David Cameron begibt sich lieber in die Isolation. Die Nation reagiert mit Unbehagen.
Von Gina ThomasAuf den Tag genau vor zwanzig Jahren kehrte John Major tief erleichtert aus Maastricht zurück. Am Abend nahm er am Weihnachtsempfang des BBC-Generaldirektors teil und ließ sich einen Buck’s Fizz einschenken. Der Premierminister lachte, als man ihn darauf hinwies, dass der Cocktail aus Orangensaft mit einem Schuss Champagner geradezu sinnbildlich sei für den Kompromiss, den er soeben mit den Ausstiegklauseln bei der Währungsunion und der Sozialpolitik erreicht hatte.
Um dieses Bild fortzuführen, müsste David Cameron jetzt zu einem steifen Whisky greifen, Margaret Thatchers Lieblingsgetränk. Er hat das emphatische „Nein, Nein, Nein“, mit der die Eiserne Lady im Oktober 1990 ihren Sturz beschleunigte, durch sein Veto gegen eine EU-Vertragsveränderung in die Tat umgesetzt und England am Rande Europas positioniert. Wie stets, besinnen sich die Briten auch in der jüngsten Wendung ihres Europa-Dauertheaters, das nach einer kurzen Pause nun wieder läuft, des Zweiten Weltkrieges.
Cameron solle bloß nicht wie Chamberlain damals aus München mit einem wertlosen Stück Papier zurückkommen, warnte einer seiner euroskeptischen Abgeordneten. Andere ermahnten den Premierminister den „Bulldoggen-Geist“ von Churchill zu zeigen. Und die „Sun“ brachte prompt Fotomontagen von Cameron in der Gestalt des Beschwichtigers und des Kriegspremiers mit Victory-Zeichen und Homburg-Hut. Er selbst könnte sich auf die Bildlegende, „Also gut, Allein“ beziehen, die nach dem Sturz von Frankreich unter einer berühmten Karikatur von David Low stand. Sie zeigte einen Soldaten am Rande der Insel, der mit geballter Faust den Sturmwellen trotze.
Nach den Verhandlungen über den Maastrichter Vertrag verkündete John Majors Regierungsprecher: „Spiel, Satz und Sieg“. Derartige Siegesstimmung macht sich jetzt allenfalls unter den erbitterten Euroskeptikern breit, die die Euro-Krise mit einer gewissen „Na, Bitte“ Genugtuung beobachten. Deren Einstellung entspricht jenem imperialen Hochmut, über den sich David Low in einer anderen klassischen Schlagzeile mokierte, als schlechtes Wetter den Schiffsverkehr lahm legte: „Nebel im Ärmelkanal. Kontinent abgeschnitten.“
In London herrscht von diesem harten Kern abgesehen eher Unbehagen über diese historische Zäsur, deren Folgen sich noch nicht ermessen lassen. Wie schon im späten neunzehnten Jahrhundert scheint Britannien mit David Camerons Vorstellung von einem „Europa à la carte“ nun den Weg der Isolation zu beschreiten. Es spricht wenig dafür, dass dieser als „wunderbar“ bezeichnet werden wird.
Bye bye Great Britain...
Frank Seidel (WehrDich)
- 10.12.2011, 20:43 Uhr
Der Starke ist am mächtigsten allein.
Gerhard Rinker (GerdR)
- 10.12.2011, 14:09 Uhr