Home
http://www.faz.net/-gqz-6yrc1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Buy my face“ Wangenwerbung

 ·  Jung, smart und verschuldet: Die Engländer Ed Moyse und Ross Harper sind typische Hochschulabsolventen. Und zweibeinige Werbeflächen. Für Geld pinseln sie sich Firmenlogos ins Gesicht.

Artikel Lesermeinungen (1)

Hager, hungrig, hoffnungslos. So beschrieb der Reiseschriftsteller Rudolf Cronau die seltsamen Gestalten, denen er auf den Straßen amerikanischer Großstädte begegnet war: dürre, schattenhafte Männer, die zwischen zwei Pappscheiben steckten. Die meisten waren Greise oder Invaliden, die für ein lausiges Entgelt als Sandwichmänner durch die Straßen liefen, eingeklemmt zwischen ihren Werbebotschaften wie das Würstchen zwischen zwei Semmelhälften. Für alle, die ihre Brötchen mit ehrlicher Hände Arbeit verdienen wollten, war dieser Job damals, im späten neunzehnten Jahrhundert, die letzte Chance.

Im digitalen Zeitalter sind die Nachfolger der Sandwichmänner das genaue Gegenteil ihrer Vorläufer, nämlich jung, smart und optimistisch. Geld haben sie zwar auch nicht, dafür aber Schulden in Höhe ihrer kreditfinanzierten Studiengebühren. In Cambridge etwa, wo Ed Moyse und Ross Harper studiert haben, kommen da schnell mal umgerechnet 30.000 Euro pro Nase zusammen. Deshalb sind die beiden Absolventen der englischen Elite-Hochschule auf die clevere Geschäftsidee verfallen, ihre faltenfreien jungen Gesichter als Werbefläche zu vermieten. Der Name ihres Unternehmens lautet „Buy my face“ und bringt die Sache auf den Punkt: Gegen Gebühr pinseln sich die beiden Jungunternehmer jede erdenkliche Vorlage ins Gesicht, vom Firmenlogo bis zum Namen der Liebsten, die erobert werden soll, und laufen dann als zweibeinige Werbefläche an jeden gewünschten Ort.

38.000 Euro in sechs Monaten

Technologisch gesehen, steht das Unternehmen mit einer Backe im Internetzeitalter, denn die Kunden werden online gesucht und gefunden, mit der anderen Backe jedoch in jener grauen Vorzeit, als die Menschen anfingen, sich die Gesichter anzumalen, um böse Geister abzuwehren. Der Preis einer solchen Kleinanzeige berechnet sich nicht nach Quadratzentimetern, da wären Pfannkuchengesichter endlich einmal im Vorteil, sondern nach Zeit. Am Anfang lag der Tarif bei einem Pfund am Tag, mittlerweile ist er infolge großer Nachfrage kräftig gestiegen.

Das Geschäftsmodell ruiniert auf Dauer zwar die Pfirsichhaut, soll aber in knapp sechs Monaten schon mehr als 38.000 Euro eingebracht haben. Davon abgesehen, dass der Begriff Generation Facebook hier um eine hübsche Nuance erweitert wird, könnte die Wangenwerbung den Ehrgeiz so manches Werbestrategen wecken. Die Kosmetikindustrie zum Beispiel dürfte nun keine Ruhe mehr geben, bevor nicht jeder Mensch den Markennamen seiner Pflegemittel gut sichtbar mitten in der Visage trägt. Dass man dann nicht einmal mehr in Gesichtern wird lesen wollen, steht auf einem anderen Blatt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge