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Burma Zeit aus Glas

 ·  Myat Kywe hat im Leben nichts anderes machen wollen als Glas. Dass er im Dschungel Burmas saß, hätte ihm eigentlich Ruhe verschaffen sollen. Doch dann kamen immer wieder Autos vorbei und die Weltgeschichte klopfte an.

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© Christoph Hein Fast achtzig Jahre lang hat die Familie von Myat Kywe an dieser Stelle Glas produziert, für die Briten, für die Japaner, für die Generäle der Militärjunta. Nun, wo Burma frei ist, bleibt der Schmelzofen kalt.

Myat Kywe beginnt jetzt langsam zu vergessen. Fast achtzig Jahre ist er alt, und das „Wie-heißt-es-doch-gleich“ kommt ihm immer öfter über die Lippen. Er hat ein Leben wie aus dem Geschichtsbuch geführt, aus dem sich nun die Seiten lösen. Myat Kywe hat das Burma der britischen Kolonialherren erlebt, die japanischen Besatzer, den kurzen Frühling der politischen Hoffnung, die Militärdiktatur und nun die unvermittelte Öffnung des verschlossenen Landes. „Ich sollte Ihnen das alles gar nicht erzählen, es könnte uns schaden“, sagt er leise - so als lauschten noch japanische Spitzel oder die Zuträger der Generäle. Dabei ist Myat kein politischer Mann, kein Kämpfer, kein Vordenker, er hat die Geschichte nicht gestaltet. Sie ist ihm zugestoßen, während er sein ganzes Leben lang nur eines gesucht hat: das Geheimnis des perfekten Glases.

Myat setzt sich auf einen Teakholzstuhl in der Baracke, die er „Show-Room“ nennt. Mitten in einem Flecken Dschungel, am Rande der burmesischen Wirtschaftskapitale Rangun. Zuerst fuhr der Fahrer am verrosteten Eisentor des Grundstücks vorbei, bahnte sich später vorsichtig den Weg zwischen Palmen, Mangobäumen und Lianen hindurch. Ein paar Straßenköter dösten auf dem Lehmweg zum „Show-Room“, in dem es Gläser zu sehen gibt. Gläser, geschliffen, zerbrochen, mit Sprung oder ohne, in zartem Grün, in Blau oder Granatrot. Hinter einer Theke parkt der verrostete Vauxhall von 1938, mit dem Myats Vater dessen jüngste Schwester einst von der Schule abholte. „Das gab ein Theater“, sagt Myat und lacht sein zahnloses Lachen.

Ein Ofen unter Mangonbäumen

Die Wand der Hütte zieren verblichene Buddha-Bilder, von Spinnweben überzogene Werbetafeln und Schwarzweißfotos von Vater und Mutter bei einem Ausflug in die burmesischen Berge. Sie schauen frohgemut in die Kamera. Dabei hatte die Mutter Grund zur Sorge. Neun Kinder, und der Vater ein ewig Suchender, ein Phantast vielleicht, kein Geschäftsmann. Mit fünf Freunden kam ihm die Idee, Glas zu blasen. „Glas“, sagt Myat und lässt das kurze Wort lange auf der Zunge schmelzen, „Glas, das gab es damals in den vierziger Jahren nur eingeführt aus England oder Japan. Es war sehr teuer.“ So gründete sein Vater mitten im Dschungel die erste Glasfabrik Burmas.

Die Freunde bauten einen Ofen unter den Mangobäumen, zwangen ihn mit Holzkohle auf Höllentemperaturen. Als aber die in Form gebrachte Masse abkühlte, zeigten sich Blasen und eingeschlossene Steinchen. Das Glas war blind. Die Engländer, die aus der Kühle ihrer Tropenvillen in Rangun die großen Gummikonzerne und Holzsyndikate steuerten und im Strandhotel die Abende wegtanzten, lachten. Das Glas aus der Vorstadt wollten sie nicht. Sie waren besseres gewohnt.

Drei, vier Versuche gaben sie sich, dann hörten die Freunde auf. Der Vater nicht. Er probierte weiter. „Alles Geld, was wir hatten, verlor er in der Bläserei.“ Zum Glück florierte wenigstens der Teehandel, den er nebenher betrieb. Damit konnte er die Familie durchbringen, und allmählich gelang ihm auch das Glas besser. Bis die Weltgeschichte zum ersten Mal ans Glas der Familie klopfte.

Japaner, Briten, Inder, Generäle

1943 besetzten die Japaner Rangun. Sie brauchten Burma, damals das reichste Land der Region, wollten sein Öl und sein Holz, die Edelsteine und den Zugang zum britischen Indien. „Sie haben jedes Haus hier okkupiert, jedes Stück Land“, erinnert sich Myat.

Als die Offiziere das weitläufige Gelände der Familie betraten, trauten sie ihren Augen nicht: eine Glasfabrik, mit Ofen, Sandbergen, Formen. „Es gab keine großen Diskussionen. Die Japaner stellten schnell klar, dass wir für sie arbeiten müssten, wollten wie hier bleiben“, sagt Myat. Was aber konnten sie den Besetzern schon helfen? „Sie brauchten Medizin für die Front. Längst starben hier mehr ihrer Soldaten an Malaria oder Denguefieber als an Kugeln. Um das Chinin an die Front zu bekommen, brauchten sie Flaschen und Tiegel.“ Weil es am Anfang keine Korken gab, schnitzen sie die Kinder zu Hunderten aus den Ästen und der Rinde der Bäume.

In den nächsten Monaten brachten die Japaner sogar neue Maschinen. Eine von ihnen diente dazu, Pillen zu drehen - Myats Vater verlor einen Finger, als er sie bedienen wollte. Zehntausende Fläschchen fertigte die Familie, angelernt von japanischen Fachleuten. Die Qualität wurde besser, vor allem aber war das Überleben gesichert. „Es ging uns gut. Nachts musste mein Vater die Fabrik bewachen, weil es immer wieder kam zu Bombenangriffen der Briten kam“, erinnert sich Myat.

Eines Morgens aber, Myat hatte gerade keine Schule, wurden die Besatzer hektisch, sie sprachen nicht viel, packten alles in Kisten und Säcke und luden es auf Laster. „Sie sagten nur ,Sayonara’, dann fuhren sie los und ließen uns in der ausgeweideten Fabrik zurück“, sagt Myat. Stunden später wurde klar, dass die Japaner vor den zurückkehrenden britischen Truppen flüchteten.

Die Härten des Schmelzens

Was die Japaner zurückgelassen hatten, fand gierige Abnehmer. Nun waren es die Inder in Diensten des britischen Kolonialheeres, die sich bereicherten: „Sie drängten durch unser Tor, schraubten alles ab, was sie kriegen konnten, um es nach Indien zu schaffen.“

Und wieder begann der Vater von vorn. Mit den Gewinnen aus dem Teehandel ließ er einen Ofen bauen, stellte die ersten Arbeiter ein.

Myat ließ der glühende Ofen vor dem Haus nicht mehr los. Weil der Vater ihm verbot, den Arbeitern über die Schulter zu schauen, begann er selbst herumzuexperimentieren. „In der Dämmerung versteckte ich mich im Dschungel und spinkste zu ihnen hinüber, wenn sie ihre Mischungen anlegten.“ So begann er, Sande zu mixen. „In den Ofen konnte ich meine Mischungen ja nicht geben. Also stellte ich sie daneben und schaute, was dabei herauskam.“

Vom Vater erbte er die Beharrlichkeit und mit dem Mittagessen, das seine Mutter ihm für die Schule mitgab, bestach er die älteren Schüler, damit sie ihm aus der Bibliothek Bücher mitbrachten, aus denen er etwas über das Glasschmelzen lernen konnte. „So lernte ich auch Englisch.“

Neue Freiheit, alter Mann

Mitte der fünfziger Jahre hatte er mehr und mehr Erfolg. Die Fabrik lief zu diesem Zeitpunkt endlich auf Hochtouren. „Wir fertigten Glaszylinder für Kerosinlampen. Die gingen an die Fischer und viele Haushalte.“ Anfangs konnten sie auch die kleinen Flaschen gut verkaufen, deren Herstellung sie bei den Japanern gelernt hatten. Dann kamen immer mehr Importe gebrauchter Flaschen aus Japan und Indien. „Damit waren unsere Fläschchen viel zu teuer.“ Dabei zahlte der Vater den Arbeitern nur sechs Kyat am Tag, was heute etwa ein halber Eurocent ist, in der Reismühle bekamen sie zehn. Als der Vater sah, dass Myat sich selbst beigebracht hatte, Glas zu fertigen, stellte er ihn ein. Myat war am Ziel seines Traums.

So hätte es weitergehen können. Dann aber kam es zum Militärputsch. Das Land geriet in die Hände der Junta. Über die Jahre wurde aus der Perle Südostasiens ein Armenhaus, ausgebeutet, abgewirtschaftet. „Es wurde schwierig“, sagt Myat. Dann wird er leiser. Immer wieder bricht er ab, stockt seine Stimme. Er lächelt, schüttelt den Kopf. Dann platzt es doch aus ihm heraus. „Es gab Probleme“, sagt er, als sei das schon ein vernichtendes Urteil über die Mangelwirtschaft, die von Jahr zu Jahr schlimmer wurde. Heute, nachdem die Generäle an der Spitze des Landes ihre Uniformen abgelegt haben, könnte er endlich reden, freier als unter den britischen Kolonialherren, den japanischen Besatzern, der burmesischen Junta. Doch das Zögern ist dem alten Herrn in Fleisch und Blut übergegangen. Unter den Regimen der Vergangenheit hat er sich die Freiheit genommen, die er zum Überleben brauchte. Die neue Freiheit des ganzen Landes aber, die zu mehr reichen soll, als nur das Leben zu retten, ist noch nicht seine. Vielleicht braucht er sie auch gar nicht mehr.

Dennoch bewundert er, wie alle hier, die Gewinnerin des neuen Burma: „Aung San Suu Kyi war auf meiner Schule“, sagt er. Durch die Jahre der Unterdrückung und des Hausarrestes ist die Oppositionsführerin zur Ikone eines neuen, anderen, ehrlichen Burma geworden.

Bestechungsgeld für Sand

Im Rangun der frühen Tage kannten sich die guten Familien untereinander. Myats Mutter arbeitete mit der Mutter von Aung San Suu Kyi beim burmesischen Roten Kreuz. „Wenn es wahr ist, was die Leute sagen, und wenn die Lady bleibt, ist es gut für unser Land“, sagt der alte Mann. „Schon ihr Vater tat, was er sagte“, fügt er mit Blick auf den berühmten Freiheitskämpfer an, General Aung San. „So verhalten sich nicht viele.“ Dann schüttelt er den Kopf. „Wie heißt es doch gleich?“ Er lächelt. „Ach ja, das sind ehrliche, anständige Leute.“

Natürlich klebt das Bild von Aung San Suu Kyi in der Baracke des alten Mannes. Mit seinem leuchtend gelb-roten Hintergrund hebt sich ab von den verblichenen Fotos anderer Mystiker und heiliger Männer an der Holzwand. All die Ikonen gewähren Schutz. Aber sie geben ihm seinen Lebensinhalt nicht zurück. „Wenn ich könnte“, sagt Myat, „würde ich einfach wieder Glas blasen. Ich habe alle Rezepte noch im Kopf.“

Bis in die sechziger Jahre hatte die Fabrik Chemikalien vom britischen Hersteller Imperial Chemical Industries bekommen. Nach der Machtübernahme im März 1962 nationalisierten die Generäle das Geschäft der Briten in Burma. Von da an ließ die Qualität der Zutaten nach. Den feinen weißen Sand bekamen sie nun aus einem Flussdelta weit im Norden des Landes. „Wenn wir nur genug zahlen konnten, kamen die Laster mit dem Sand verlässlich“, sagt Myat. Aber mehr und mehr Leute wollten daran mitverdienen. Bald nach dem Staatsstreich fanden sich die ersten Offiziere, welche die Lieferungen nur noch gegen hohe Bestechungszahlungen, getarnt als Lizenzabgaben, freistempeln wollten.

Ein Rezept wird gesucht

Eines Tages rollten alte britische Wagen auf das Gelände, gefolgt von einem Lastwagen mit Soldaten. Burmesische Offiziere sprangen heraus. Sie erklärten der verängstigten Familie, Fabrik und Grund und Boden beschlagnahmen zu wollen. Angeblich sollte hier eine Baumwollspinnerei gebaut werden. „Es hat meinen Vater unendlich viel gekostet, bleiben zu dürfen“, sagt Myat, und er meint damit nicht nur Kraft.

Die Glasbläserei lieferte damals Lampenzylinder für die vielen Fabriken, die es rund um Rangun noch gab. Weil in der Not aber immer mehr rationiert wurde, stellte sie lange schon nicht mehr so viel her, wie sie könnte. Von Kohle war der Ofen auf Brennöl umgestellt worden. Das aber bekam man nicht mehr auf legalem Wege. Die Keksfabrik in der Nachbarschaft war die Rettung. Wie jeder in Burma unter der Knute der Generäle bestellte die Fabrik mehr Öl, als sie verbrauchte. „Man orderte drei Kanister. Einen brauchte man wirklich, zwei verkaufte man weiter“, sagte Myat. Der blühende Schwarzhandel aber verlangte einen hohen Preis. „Unsere Produktion war nun viel zu teuer.“

Einmal kamen drei Wissenschaftler, geschickt von der Regierung. Sie wollten die Rezeptur für das Glas aus dem Dschungel. „Die haben alles versucht, um dahinter zu kommen, aber ich habe mich dumm gestellt“, sagt Myat und lacht. Er legte ein Stück Eisen, ein paar Hölzer in die Waagschale, stellte dann noch eine Tasse Wasser dazu und behauptete: „So wiege ich die Zutaten ab. Keine Ahnung, wie viel das in Kilo oder Gramm ist.“ Die Schnüffler hielten den Glasbläser für übergeschnappt und zogen ab.

Am Ende der Sturm

Als in den neunziger Jahren ein alter Toyota auf das abgelegene Gelände rollte, ahnte die Familie schon nichts Gutes. Diesmal war es nur ein Mann, aber sein Fahrer machte mit wenigen Handbewegungen klar, wie wichtig der war. „Er erklärte uns, die Regierung wolle unser Glas, damit es den Menschen in Burma besser gehe.“ Er schaute sich in der Fabrik um, sah sich besonders den Ofen an. „Dann sagte er, wir müssten unseren Ofen auf Gas umstellen. Das Brennöl werde gebraucht, Gas aber gebe es vor der Küste im Überfluss.“ Nur ein paar Tage dauerte es, dann war eine Leitung gelegt. „Wir waren die einzigen, die das zuließen - keiner unserer Nachbarn wollte einen Anschluss, denn dann hätten sie den Verdienst aus dem Schwarzhandel verloren.“ Für das Gas aber hätte Myat beinahe noch bitter zahlen müssen.

In einer schwülen Nacht, lange bevor die Monsunzeit anbrach, hielt ein Taxi vor dem Tor der Fabrik. Myat kannte den Fahrer, der ihn aufgeregt heranwinkte. „Er rief mir zu, er habe im Radio gehört, ein großer Sturm werde aufziehen. Wir sollten alles wetterfest machen.“ Es war Ende April 2008, am Abend, bevor der Zyklon Nargis über das Land hereinbrach und fast hunderttausend Menschenleben forderte. „Wir haben ihm geglaubt. Wir haben das Gas abgedreht“, sagt Myat. Es war eine schwere Entscheidung, denn wenn der Ofen erst einmal abkühlt, ist er kaum wieder in Gang zu setzen. Dann peitschten schon die Böen über den Dschungel, rissen riesige Löcher in die Bambuswände, fegten die Wellblechplatten vom Dach, zerschlugen Fenster, Bäume stürzten auf die Hallen. „Alles war kaputt. Aber es hat nicht gebrannt. Uns war nichts geschehen“, sagt Myat.

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Seine Geschwister und er leben noch immer auf dem Gelände. So wie auch einige der Arbeiter. „Wir haben ihnen die Häuser überlassen“, sagt Myat. Das aber scheint ihnen nicht genug zu sein. Nach der Öffnung des Landes für ausländische Investoren haben sich allein im vergangenen Jahr die Preise für Grund und Boden verdoppelt. „Jetzt wollen die Arbeiter auch noch die Grundstücke überschrieben haben“, sagt Myat. Dafür haben sie sich einen Anwalt genommen, der alle Bücher hat beschlagnahmen lassen. Als der Monsun auf den Dschungel niederschlug, hat er die Geschäftsberichte dann einfach aus dem Haus geworfen. „Der Regen hat alles aufgelöst, alles zerstört. Die Schrift ist verwischt. Wir können nicht mehr nachweisen, was uns gehört, was wir bezahlt haben. Jeder Stempel ist weggewaschen“, sagt Myat. „Die einzigen, die heute gewinnen, sind die Anwälte.“

Inzwischen steht die Zeit still in der Nagar Glasfabrik. Der Ofen konnte nicht wieder angefahren werden und bleibt kalt. Der Sandhaufen ist lange verweht. Bäume wuchern aus den Bauten, bald haben sie die Höhe des Ziegelschornsteins erreicht. Moskito-Schwaden ziehen durch die feuchten Gemäuer. Glas gibt es immer noch im Überfluss - es sind wohl Millionen von Bechern und Krügen, Platten und Vasen. Sie liegen unter Laub verborgen, aufgeschichtet im Gras, entlang jeden Weges. „Das ist unser Schatz“, sagt Myat. „Wir verkaufen es Stück für Stück.“ Früher belieferte er die Hotels in der Stadt. Heute kommen manchmal Touristen. Dann schieben sie mit einem Stock in der Hand das Laub von den Gläsern am Boden, suchen sich ein Teil aus. Myat geht meist mit in die Ruine, und warnt die Gäste vor Schlangen. Finden die Touristen ein Glas, das heil ist, schleift es Myats Schwester und poliert es in einem großen Wasserbottich. So, wie sie es vor fünfzig Jahren schon gemacht hat.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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