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Burma Die grünen Geister

Ein junger Mann entkommt auf unglaubliche Weise einem grausamen Regime: Wer etwas über Burma lernen will, muss die Geschichte von Pascal Khoo Thwe lesen. In seinem Schicksal spiegelt sich die Geschichte seines Landes wider. Von Michael Hanfeld.

© Harper Collins Vergrößern Bewegende Geschichte: Pascal Khoo Thwes Autobiographie

Wer etwas über Burma lernen will, muss die Geschichte von Pascal Khoo Thwe lesen. In seinem Schicksal, das wundersamere Wendungen genommen hat, als ein Romancier sie hätte entwerfen können, widerspiegelt sich die Geschichte seines Landes der letzten dreißig Jahre. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der auf unglaubliche Weise einem grausamen Regime entkam. Schuld ist James Joyce.

Michael Hanfeld Folgen:  

In dessen Beschreibung einer katholischen Jugend in Dublin erkennt der junge Burmese Pascal Khoo Thwe sich wieder. Derart besessen ist er von Joyce und dessen „Porträt des Künstlers als junger Mann“, dass es sich in der ganzen Stadt herumspricht – in Mandalay, der alten Hauptstadt aus der Kolonialzeit, dem Zentrum des burmesischen Buddhismus. Es spricht sich herum bis zu John Casey, der in Cambridge lehrt. Auf dessen Reise nach Burma im Sommer 1988 bedient ihn Pascal Khoo Thwe in einem Restaurant. Sie sprechen über Joyce und freunden sich an.

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Rebell in Hungersnot

Einige Monate später bekommt Casey auf geheimen Wegen Post aus einem Flüchtlingscamp an der thailändischen Grenze. Aus dem Studenten ist ein Dissident geworden, der in Mandalay eine Demonstration gegen das Regime angeführt, ein Rebell, der im Dschungel gegen die verhasste Tatmadaw-Armee gekämpft hat, und nun – wie die wenigen Kampfgenossen, die mit ihm überlebt haben – zu verhungern droht. Der Professor zögert nicht, reist mit einem einstigen Einzelkämpfer der britischen Armee nach Thailand und schmuggelt Pascal nach England.

Das geschieht 1991, es ist nachzulesen in Pascal Khoo Thwes aufregender und anrührender Autobiographie „From the Land of Green Ghosts“. Die Situation in Burma damals gleicht der heutigen aufs Haar: Das Volk, angeführt von Mönchen und Studenten, steht nach jahrzehntelanger Unterdrückung durch ein brutales Obristenregime 1988 auf, demonstriert friedlich und wird zusammengeschossen. Dreitausend Tote soll es damals gegeben haben, ihre Leichen, erzählt man sich, trieben zu Hunderten im Irrawaddy. Wie viele es wirklich waren, weiß niemand. Denn viele Menschen, auch davon schreibt Pascal Khoo Thwe, verschwinden einfach. Das leiseste Anzeichen von Dissidenz bringt einen in Gefahr, die Denunzianten sind überall, Schikanen sind an der Tagesordnung, das Militär ist das Gesetz.

Unsere Erde ist flach

Nicht einmal die Gedanken sind frei. „Erinnere dich daran, was dir dein Großvater gesagt hat“, sagt ein burmesischer Hochschullehrer einmal zu dem Englischstudenten Pascal, als dieser beginnt aufzubegehren. „Dein Großvater sagte: In der Schule ist die Erde rund, in unserem Dorf ist sie flach. Er war ein weiser Mann und hat dich gelehrt, was du in Burma wissen musst. In der Politik ist es genauso. Lerne die Argumente des Sozialismus aus unseren Büchern auswendig, sage sie auf, bestehe dein Examen. Widerspreche niemals.“

Pascal Khoo Thwe hält sich nicht an diesen Rat, seine Freundin auch nicht. Sie wird von den Militärs verschleppt, gefoltert, vergewaltigt und schließlich ermordet. Als Pascal seinen Namen im Radio hört, in dem „verräterische Elemente“ gegeißelt und zur Jagd freigegeben werden, flieht er in den Dschungel und zieht mit den Rebellen in einen aussichtslosen Kampf. Die Soldaten der Tatmadaw sind ihnen überlegen, und sie haben keine Skrupel, ganze Dörfer auszuradieren und Menschen als lebende Schutzschilde vor sich her und in die Minenfelder zu treiben.

Potemkinsche Dörfer

Wer knapp zwanzig Jahre später als Tourist nach Burma reist, ahnt nicht, was sich hinter all den potemkinschen Dörfern verbirgt, die das Regime errichtet hat, um Ausländern eine ursprüngliche Idylle vorzugaukeln. In Burma, so scheint es, ist die Zeit stehengeblieben und das Land aus der Zeit gefallen. In der Tat wäre es den korrupten Militärs, die absurde Reichtümer anhäufen, während die Menschen hungern, fast gelungen, Burma von der politischen Landkarte zu streichen. Gestützt von China, das die Rohstoffe des Landes ausbeutet, hält sich das Regime mit stalinistischen Methoden. So groß ist die Angst der Herrschenden vor ihrem Volk, dass sie vor zwei Jahren über Nacht den Regierungssitz aus der Hauptstadt Rangun in ein Kaff im Landesinneren verlegt haben – angeblich fürchteten sie eine Invasion der Amerikaner von See her. Das erzählen Burmesen, wenn man sie ein wenig näher kennenlernt, hinter vorgehaltener Hand.

Sie erzählen es mit dem bitteren Witz, den man aus DDR-Zeiten kennt. Er ist getragen von dem Wissen, dass sie – jedenfalls solange die Chinesen hinter den Militärs stehen – keine Chance haben, ihre Freiheit zu erlangen. Trotzdem gehen sie auf die Straße, demonstrieren, obwohl sie wissen, dass die Tatmadaw schießt. Und wieder verschwinden Menschen.

Sie werden nicht aufgeben

Pascal Khoo Thwe konnte entkommen. Weil ihm das gelungen ist, als Einzigem, plagt ihn das schlechte Gewissen. Jede Nacht, schreibt er, träume er von seinem Dorf und seiner Familie, die er nie wiedersehen wird. Träume, so sagt er, haben für die Padaung, die Menschen seines Stammes – dem die berühmten „Giraffen-Frauen“ entstammen, die ihre Hälse mit Reifen künstlich verlängern –, große Bedeutung. Denn in ihnen offenbare sich das Wirken der siebenunddreißig grünen Geister, der „Nats“, die auch in seinem Dorf verehrt werden, obwohl dort alle Katholiken wurden, nachdem ein italienischer Missionar Pascals Großvater, den Dorfchef, bei einem Ringkampf besiegt hatte.

Doch auch die Geister helfen nicht gegen Bajonette, so wenig wie der tief verwurzelte Buddhismus, der den Burmesen aber die Kraft gibt, gegen ein Regime aufzustehen, dessen Machtwillen keine Grenzen kennt. Sie werden nicht aufgeben, auch wenn die friedliche Revolution abermals niedergeschlagen wird.

Quelle: F.A.Z.

 
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