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Burgen-Ausstellung in Nürnberg und Berlin Und fragst du nach den Rittern, du findest sie nicht mehr

 ·  Unser Mittelalter ist eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts. Das verdeutlicht eine Doppelausstellung über die Burg als Herrschaftsraum und Mythos, die im Deutschen Historischen Museum und im Germanischen Nationalmuseum zu sehen ist.

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Am Ende war Napoleon. Als er dem Heiligen Römischen Reich 1806 den Todesstoß versetzte, setzte er auch den Schlusspunkt in der Geschichte seiner ländlichen Herrschaftszentren, der Burgen. Weder der Bauern- noch der Dreißigjährige Krieg oder der Siegeszug des Absolutismus hatten die freie Reichsritterschaft ganz von ihren Sitzen vertreiben können. Der vom Ersten Konsul der Franzosen erpresste Reichsdeputationshauptschluss aber beraubte die meisten Ritter – darunter auch den preußischen Reformer Heinrich Freiherr vom Stein – ihrer Lehensrechte und machte ihre Bergfestungen zu Investitionsruinen.

Von da an gingen Burgenverfall und Burgenromantik Hand in Hand. Die ersten Engländer lenkten in jenen Jahren ihre Grand Tour zu den Ufern des Rheins, und der größte aller Mittelalter-Nostalgiker und Rheinburgenretter, der spätere Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV., träumte als lockiger Knabe im Berliner Hohenzollernschloss von Heldentaten mit Helm und Schwert und Ross.

Klischees und Glücksfälle

Wer über Mythos und Wirklichkeit des Burgenwesens nachdenkt, stößt rasch auf solche Zusammenhänge und Gleichzeitigkeiten. Die beiden großen Burg-Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum Berlin und im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg aber tun sich mit ihrer Darstellung schwer. Das liegt auch am Thema, denn die Burgenforschung ist ein junges, ihr Gegenstand dagegen ein jahrhundertealtes, vielfach unter Klischees und späterer Überbauung begrabenes Phänomen. Glücksfälle wie die Burgruine Tannenberg, deren Waffen und Geschossfunde – darunter die älteste deutsche Handbüchse aus dem Jahr 1399 – nun die Nürnberger Schau bestücken, sind selten, touristische Nachnutzungen gründlich geplünderter Areale die Regel.

Und schließlich hüten viele heutige Burgen ihre verbliebenen Bestände ebenso eifersüchtig wie früher die Burgherren ihre Lehensbriefe. Warum soll man auch nach Berlin oder Nürnberg tragen, was in den tiefen Oden- oder Pfälzerwald gehört? Die Kirchturmpolitik wurde, was Germanien betrifft, auf Burgtürmen erfunden und hat im historischen Museumsbetrieb noch immer begeisterte Anhänger.

Eine Pfründe für Panzerreiter

Die bestandene Mühsal der Objektbeschaffung mag die Kuratoren des DHM und des Germanischen Nationalmuseums dazu verführt haben, sich noch mehr als sonst auf die Aura der Exponate statt auf Karten und Erklärungstafeln zu verlassen. Das historische Panorama jedenfalls, auf das beide Ausstellungen zusteuern, entsteht eher im Kopf des fleißigen Kataloglesers als in dem des flanierenden Zuschauers. Auf die Frage nach dem Ursprung der Burgen antwortet die Berliner Schau mit einem Modell des spätrömischen Donaukastells Abusina, obwohl sich eine derartige Befestigungskontinuität im Ostfrankenreich, anders als etwa in England, nicht nachweisen lässt.

Die Nürnberger Präsentation trifft die Sache besser, indem sie etwa zeigt, wie sich im pfälzischen Waldschlössel die Dienstmannenburg des elften vor eine Fluchtburg aus dem späten neunten Jahrhundert schob. Nach der Abwehr der Normannen- und Ungarneinfälle brauchten die ottonischen und salischen Kaiser eine ständige Reserve von Panzerreitern. So entstand jenes Rittertum, dessen ökonomische Basis das von der Burg bewachte und ausgepresste Hörigendorf war.

Symbole adliger Willkür

Gleichzeitig sicherten die großen Territorialfürsten, vor allem die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, ihre Gebietsgrenzen mit Burgen ab. Im Fürstenstatut von 1231 musste der Staufer Heinrich VII. diese Praxis bestätigen. Im vierzehnten Jahrhundert, nachdem auch die Reichsstädte mit dem Festungsbau begonnen hatten, war die deutsche Landschaft mit Burgen gespickt wie ein Kaktus mit Stacheln, bevor die verhassten Symbole adliger Willkür im Bauernkrieg zu Hunderten fielen.

Erstaunlicherweise gehen beide Ausstellungen, obwohl sie sich mit „Mythos“ und „Herrschaft“ ganz unterschiedliche Leitbegriffe gesetzt haben, sehr ähnliche Wege. Beide widmen dem Burgherren- und -frauenleben mit Waffen und Wandteppichen, Essgeschirren, Heiligenbildern, Ofenkacheln und Brettspielen einen Großteil ihrer Vitrinen. Bei den Harnischen und Multimediastationen hat Berlin die Nase vorn, während die Nürnberger Kuratoren geradezu lehrbuchmäßig vorführen, wie man historische Prozesse durch Personalisierung veranschaulicht. Mit Richard Löwenherz, Oswald von Wolkenstein, Maximilian I., Götz von Berlichingen und Margarete von Tirol als anchormen bekommt das Mittelalter Fleisch, nicht zuletzt deshalb, weil man begreift, dass der „Raubritter“ Götz und der „letzte Ritter“ Maximilian zwei Seiten einer Medaille waren, die die Verteufelung des Rittertums mit seiner nostalgischen Verherrlichung verband.

Enge, dunkle Kammern

Dennoch vermisst man in Nürnberg wie in Berlin einen unmittelbar sinnlichen Zugang zu dem, was man das Burgengefühl nennen könnte. Der Reichsritter Ulrich von Hutten hat es in einem Brief an seinen Humanistenfreund Willibald Pirckheimer eindrucksvoll beschrieben: „Eng und durch Stallungen für Vieh und Pferde zusammengedrängt“ seien die Wohnräume im Burginneren; daneben „liegen dunkle Kammern, vollgepropft mit Geschützen, Pech, Schwefel und sonstigem Zubehör für Waffen und Kriegsgerät“. Und: „Überall stinkt es nach Schießpulver; und dann die Hunde und ihr Dreck ... Reiter kommen und gehen, darunter Räuber, Diebe und Wegelagerer. Kein Dorf können wir unbewaffnet besuchen, auf Jagd und Fischfang nur in Eisen gehen. Das sind unsere ländlichen Freuden, das ist unsere Muße und Stille!“

Arno Borst stellt Huttens Brief in seiner Geschichte der mittelalterlichen Lebensformen unter die Überschrift „Platzangst“. So fest und wuchtig die Burg gebaut war, so unsicher war die Stellung ihrer Bewohner in der vormodernen Gesellschaft. Kleinste Anlässe lösten mörderische Fehden aus, während Erbteilungen das Baugefüge zersplitterten. Mit dem Aufkommen der Feuerwaffen im Spätmittelalter verloren viele Großburgen ihren Rang als Festungen. Aber noch in den Befreiungskriegen wurde unter Burgmauern gekämpft. Als die Franzosen 1813 aus der sächsischen Bischofsfeste Stolpen abzogen, sprengten sie deren Westwerke, um sie militärisch unbrauchbar zu machen.

Der Zeitgeist ist ein Kind

Während das DHM seinen abschließenden Schauraum der Widerlegung populärer Vorurteile zum Burgenleben widmet – etwa, dass die Ritter ungewaschen und ihre Burgen kalt gewesen seien; dabei gab es Badewannen und Öfen –, macht das Germanische Nationalmuseum mit dem Titel seiner Ausstellung Ernst und dokumentiert die Wandlung der deutschen Burgen vom Abschreibungsobjekt zum Nationalsymbol. Dabei wird deutlich, dass selbst jenes Mittelalter, wie es uns Filme, Romane und Spielzeughersteller vorführen, eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts ist.

Bodo Ebhardt, der Gründer der deutschen Burgenvereinigung und Freund Wilhelms II., unter dessen Einfluss zahlreiche Bauwerke im Geschmack der Kaiserzeit rekonstruiert und ergänzt wurden, hat hier eine ebenso zwielichtige wie prägende Rolle gespielt, die einen eigenen Ausstellungsteil verdient gehabt hätte. Aber schon Goethe formte Burgen nach seinem Bild. Als er im Dezember 1807 für den Jenaer Verleger Frommann eine Ansicht der Wartburg zeichnete, erfand er den fehlenden Bergfried einfach hinzu. Fünfzig Jahre später wurde der Turm schließlich gebaut. Der Zeitgeist, das zeigen die Ausstellungen in Nürnberg und Berlin, ist ein Kind des Mittelalters: Er kann einfach nicht aufhören, mit Türmen und Zinnen zu spielen.

Burg und Herrschaft. Deutsches Historisches Museum Berlin, bis zum 24. Oktober. Der Katalog kostet 20 Euro. Mythos Burg. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, bis zum 11. November. Der Katalog und der

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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