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Bundespräsidentenwahl : Mein Vater könnte das

  • Aktualisiert am

Nicht für siebzig Euro Tagegeld! EU-Abgeordneter der Partei „Die Partei“ Martin Sonneborn hat einen Kandidaten für die Wahl zum Bundespräsidenten gefunden. Bild: AP

Soll wirklich ein Berufspolitiker namens Frank Walter Steinmeier Bundespräsident werden? Nein! Zumindest nicht ohne einen Gegenkandidaten. Ein Vorschlag von EU-Parlamentarier Martin Sonneborn.

          Dass es nicht einfach werden würde, einen geeigneten Kandidaten für das höchste deutsche Staatsamt zu finden, war mir natürlich klar. Nicht umsonst war selbst Kanzlerin Merkel dabei gescheitert – mit ihrem Versuch, die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler zu berufen. Aber soll wirklich ein Berufspolitiker namens Frank-Walter Steinmeier am Sonntag Bundespräsident werden? Der Mann, der als verantwortlicher Architekt der Agenda 2010 gilt, der im haarsträubenden Fall des Murat Kurnaz bis heute eine Entschuldigung verweigert, und der seine Haltung zur Armenien-Resolution des Bundestages genau wie Merkel und Gabriel durch Abwesenheit zum Ausdruck brachte? Nein. Zumindest nicht ohne angemessenen Gegenkandidaten. Einen solchen sollte unsere Demokratie doch aushalten können, gerade in dieser an dialektischer Erfahrung nicht eben bumsvollen Zeit einer „Groko Haram“, Branchenspott für die Große Koalition.

          Außerdem gab es persönliche Gründe: Steinmeiers prä-präsidiales Gehabe ging mir allmählich auf die Nerven, genau wie die Siegesgewissheit, mit der er seinen alten Job schon vor der Wahl hinschmiss. Mit der gleichen Unbefangenheit hatte sein Verlag ein Buch des „künftigen Bundespräsidenten“ beworben. Ich bat also die Piraten-Partei, die im Landtag in NRW vertreten ist, mich für die Bundesversammlung zu nominieren. Und begab mich auf die Suche nach einem geeigneten Gegenkandidaten.

          Natürlich, Kurnaz, Murat Kurnaz

          Zur Einstimmung ging ich die Liste der deutschen Präsidenten durch. Die begann allerdings nicht gerade ermutigend: „Ebert: Tod im Amt, Hindenburg: Tod im Amt, Hitler: Selbstmord, Dönitz: Verhaftung, Amt aufgelöst...“ Danach kamen Männer, die durchaus Orientierung geboten hatten, zu ihrer Zeit; belesene Männer, intelligente Männer mitunter, präsidial wirkende Männer. Frauen natürlich nicht, es heißt ja schließlich „Bundespräsident“, nicht „BundespräsidentIn“. Aber irgendwann kam der Bruch, der Postheroismus schlug sich auch in der Politik brutal nieder, im Schloss Bellevue residierten plötzlich Typen wie Köhler, Wulff, Gauck (und seine Freundin).

          Eine kongeniale Weiterführung dieser Reihe wäre vermutlich Günter Netzer, den ich angesichts des komplexen Weltgeschehens tatsächlich gerne die Lage erklären sähe, aber der hatte im vergangenen Jahr einen Herzanfall und würde sich diesmal nicht selbst einwechseln können. Blieb eigentlich nur...

          Natürlich, Kurnaz, Murat Kurnaz. Der in Bremen geborene Türke wäre ein guter Gegenkandidat für den Ostwestfalen Steinmeier, den die Öffentlichkeit nur mit weißem Haar und ebensolcher Weste kennt. Kurnaz, den die Regierung Schröder in Guantanamo hatte sitzen lassen. Steinmeier lehnte damals das Angebot der Amerikaner ab, den offenkundig unschuldigen Kurnaz nach Deutschland zurückzuholen.

          Mein Blick fiel auf ein Bild von Karl-Heinz Schwensen

          Aber Recherchen ergaben schnell, dass Kurnaz für das hohe Amt gar nicht infrage kam: Er ist deutlich jünger als die erforderlichen vierzig Jahre, sieht lediglich älter aus, weil er fast fünf Jahre in Guantanamo gefoltert worden war (wg. Steinmeier).

          Vielleicht musste ich anders an die Sache herangehen. Mit einer Lesung hatte ich kürzlich nicht in das Audimax der Universität Paderborn gedurft, weil Steinmeier an diesem Tag die Ehrendoktorwürde der Universität verliehen wurde und keine weiteren Veranstaltungen neben sich dulden mochte. Der Veranstalter hatte mir erzählt, dass Steinmeier dazu mit rund dreißig Familienmitgliedern erschienen war. Mit dreißig. Für einen „Dr. h.c.“ der Universität Paderborn!

          Warum nicht mal ein Rocker? Panik-Präsident Udo Lindenberg wäre sicher auf Du und Du mit dem Volk. Und er kennt Olaf Scholz.

          Wen würde Steinmeier an seinem Ehrentag in Berlin wohl am allerwenigsten in seiner Nähe haben wollen? Mein Blick fiel auf ein Bild von Karl-Heinz Schwensen. Schwensen war eine Hamburger Kiez-Größe, eigentlich der personifizierte Gegenentwurf zu Steinmeier. Der großgewachsene narbige Ex-Boxer, der früher in den Boulevard-Medien „Neger-Kalle“ genannt wurde, sich aber inzwischen juristisch gegen diesen Spitznamen wehrte, war berühmt dafür, dass er nie seine goldumrandete Sonnenbrille abnahm. Nicht für das Foto in seinem Führerschein, nicht anlässlich der Beerdigung des „Schönen Mischa“ und nicht als er „zur Warnung“ von der Konkurrenz zusammengeschossen von zwei Sanitätern auf einer Trage abtransportiert wurde.

          Sucht Euch doch euren eigenen Steinmeier!

          Zufällig hatte der Landesverband der PARTEI Hamburg einen losen Kontakt zu Schwensen. Aufgrund eines Missverständnisses fragten die Hamburger ihn dann aber gleich direkt, ob er Bundespräsident werden wolle. Schwensen lehnte sofort ab und empfahl uns Udo Lindenberg, „der habe mehr Lust dazu und sicherlich auch bessere Chancen“. Panik-Präsident Lindenberg? Nun, er wäre zumindest weniger steif und bürokratisch als Steinmeier, hätte einen leichteren Zugang zu den Herzen der Menschen. Schade, dass ein scharfsinniger Gesellschaftsanalytiker wie Georg Schramm nicht wirklich zur Verfügung stand.

          Engelbert Sonneborn auf einem fiktiven Wahlplakat

          Telefonisch beriet ich mich mit der „Titanic“-Redaktion. Chefredakteur Tim Wolff schlug vor, einen zweiten Frank-Walter Steinmeier zu suchen, der ohne jegliche moralische Vorbelastung in die Wahl gehen könnte und der, als fünfter Name auf dem Wahlzettel, auch eine realistische Chance auf den Wahlsieg hätte. Eine ausgezeichnete Idee! Sofort machten wir uns getrennt an eine Internetrecherche. Meine Praktikantin fand zwei Frank-Walters in Deutschland, einer davon war Bundesaußenminister. Die zweite Adresse in Jüterbog fotografierte ich ab. Nachdem ich die Praktikantin gebeten hatte, telefonisch Kontakt aufzunehmen, schickte ich das Foto der Adresse in die Titanic-Redaktion und riet den Kollegen hämisch, sich ihren eigenen Steinmeier zu suchen, ich hätte bereits einen.

          Tim Wolff schrieb zurück, meiner sei leider der echte, er habe seinen Wahlkreis in Brandenburg. Meine Enttäuschung wurde nicht geringer, als die Praktikantin kam und mir erzählte, der Frank-Walter aus Jüterbog sei leider nicht ans Telefon gegangen, sie habe deshalb auf den Anrufbeantworter gesprochen, dass er mich doch bitte zügig im Europäischen Parlament zurückrufen solle und meine Büronummer hinterlassen. Unnötig zu erwähnen, dass Steinmeier sich bis heute nicht bei mir gemeldet hat.

          Ohne eigenen Kandidaten in die Bundesversammlung?

          Aber ohne eigenen Kandidaten in die Bundesversammlung gehen? Nein, nicht für 70 Euro Tagegeld. Von den vier Nominierten konnte ich niemandem guten Gewissens meine Stimme geben. Mich selbst konnte ich auch schlecht vorschlagen. Das hätte eben jenen schalen Beigeschmack gehabt, der auch das Postengeschachere der großen Parteien begleitete.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Und deswegen werde ich am Donnerstag im Berliner Ensemble eine Pressekonferenz veranstalten, um meinen Vater zu nominieren, Herrn Engelbert Sonneborn. Er ist eine ehrliche Haut im besten Bundespräsidentenalter (78 Jahre) und hat bis heute keiner Fliege etwas zuleide getan. Merkel dürfte auf ihre letzten Monate gut mit ihm harmonieren. Als mein Bruder und ich erstmals wählen durften, beantragte er Briefwahlunterlagen, zitierte uns an den Küchentisch und erklärte uns, wie man CDU wählt. Mein Vater ist ein Mann von ausgesuchter Höflichkeit, Manieren alter Schule und besitzt einen schwarzen Anzug.

          Vor die Wahl gestellt, ihn eines Tages ins Altersheim „Bellevue“ in Berlin-Köpenick zu schicken oder in Kürze ins gleichnamige Schloss am Tiergarten, fällt mir die Entscheidung leicht. Das Altersheim kostet ein paar Tausender im Monat, als Nachfolger Gaucks erhält er dagegen eine vollfinanzierte 24/7-Betreuung, warme Mahlzeiten, ordentlich Taschengeld, Unterhaltung, die Möglichkeit, kleinere Sommerfeste zu veranstalten, und geführte Reisen in Länder seiner Wahl (mein Vater reist gerne.) Die Reden, die er bisweilen und zu Weihnachten halten wird, werden ähnlich wie bei Gauck monothematisch sein und um den Topos „Freizeit“ kreisen: „Freizeit. Ein Plädoyer“, „Freizeit will immer wieder neu errungen sein!“, „Freizeit heißt Verantwortung“ und so was.

          Damit ist die Entheroisierung der Politik in diesem unseren Lande dann auch komplett abgeschlossen. Und wenn wider Erwarten Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten gewählt werden sollte, dann wird er zumindest einen Job antreten, den N****-Kalle Schwensen vor ihm abgelehnt hat. Smiley!

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