Home
http://www.faz.net/-gqz-6xuxg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bundespräsident Joachim Gauck Sonntagsfahrer

21.02.2012 ·  Ein Taxifahrer war bei der Ernennung Gaucks dabei. „Sie fahren jetzt den neuen Bundespräsidenten“, sagte dieser nach einem Anruf. Die Rechnung bezahlte er in Wulffscher Manier: bar.

Von Edo Reents
Artikel Lesermeinungen (7)

Die Umstände von Joachim Gaucks Ernennung waren offenbar noch dramatischer als bisher angenommen. Am nächsten „dran“ war natürlich die „Bild“, deren Enthüllungen in ihrer Anschaulichkeit vorbildlich sind. Die Zeitung präsentiert uns einen gewissen Vadim Belon aus Nowosibirsk, der Gauck vom Flughafen abgeholt und nach dem Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“ herumkutschiert hatte, als plötzlich Gaucks Handy klingelte. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Der Taxifahrer stellt die Musik leiser und bekommt so mit, was Gauck in den Hörer spricht: „Okay, ich bin einverstanden. Ich mache das.“

Gauck legt auf und sagt, während die Köpfe der Koalitionäre und Oppositionellen noch geraucht haben müssen, mit einer Ruhe, die in fast beängstigendem Kontrast zu der gefühlsmäßigen Verwirrung steht, auf die er später bei der Pressekonferenz mehrmals zu sprechen kam - aber das kann auch an seiner Sitznachbarin Angela Merkel gelegen haben -, er sagt also mit unwahrscheinlicher Ruhe zu Vadim Belon: „Sie fahren jetzt den neuen Bundespräsidenten. Wir müssen die Richtung ändern und direkt zum Bundeskanzleramt fahren.“

Kann Gauck auf weitere krumme Touren verzichten?

Wer, wie womöglich dieser Taxifahrer aus Nowosibirsk, nicht restlos mit unseren politischen Gepflogenheiten vertraut ist, hätte auch auf die Idee kommen können, dass es sinnvoller gewesen wäre, in diesem Fall Schloss Bellevue anzusteuern, denn erstens war Christian Wulff ja schon ausgezogen, und zweitens sah Gauck sich in der Tat als den „neuen“ Bundespräsidenten, was durch das Adverb „jetzt“, das dem Geschehen zusätzliche Dynamik und Triftigkeit verleiht, noch unterstrichen wird. Gauck muss sich seiner Sache also absolut sicher gewesen sein. Nur so ist es zu erklären, dass die „Bild“-Zeitung der Wahl mit der Schlagzeile „Bei mir im Taxi wurde Gauck zum Präsidenten!“ auf eine Weise vorgriff, wie sich das kein Kandidat (Gauck natürlich ausgenommen) erlauben könnte - als fände die gesamte Bundesversammlung Platz in Vadim Belons Auto!

Dafür kann Gauck nichts, aber sein Wort vom „neuen Bundespräsidenten“ steht nun doch im Raum und wirft, früher als erwartet, Fragen nach seinem Demokratieverständnis auf, das durch den ungut an Wulff erinnernden Zahlungsmodus vollends ins Zwielicht gerückt wird: „Herr Gauck hat bar bezahlt.“ Die Frage ist jetzt, ob Gauck sich aus dem Schatten seines Amtsvorgängers lösen kann und auf weitere krumme Touren verzichtet oder vielleicht jetzt schon, angesichts dieser überbordenden und eigentlich auch schon latent kritischen Berichterstattung, amtsmüde ist. Man wird sehen. Gut jedenfalls, dass wir diesen dramatischen Sonntag nur aus der Zeitung kennen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3