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Bundesparteitag der Grünen Man nennt uns eine Altpartei

 ·  Quasi von Natur aus fühlen sie sich für die jungen Wähler zuständig, stellen aber ständig dieselben Figuren Ü 40 für Spitzenämter auf: Wo ist denn hier die Jugend? Und wo das Establishment, gegen das sie rebelliert? Auf dem Parteitag der Grünen in Hannover.

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Eine Kiste aus durchsichtigem Plexiglas liegt auf einem der kalten Flure in der Eilenriedehalle und hält eine Tür offen, „Piratenspiele“ steht darauf. Und Piratenspiele sind auch drin. Danach hört und liest man allerdings so gut wie nichts mehr von irgendwelchen Piraten auf dem Parteitag der Grünen in Hannover. Die transparente Kiste aber, die eine Tür aufhält - man kann gar nicht anders, als das hochsymbolisch zu finden.

Doch sie bleibt erst mal die einzige Begegnung auf dem Bundesparteitag der Grünen in Hannover mit einem Phänomen - transparente Piraten, die spielen wollen also -, das diesen Grünen anderthalb Jahre lang einen ziemlichen Schrecken eingejagt hat. Da war plötzlich noch eine andere Partei mit Menschen, die sich weigern, nach den Regeln zu spielen, die sich in der Bundesrepublik für Parteien so entwickelt haben: eine Loseblattsammlung progressiver und antihierarchischer und spontaneistischer und latzhosiger sogenannter Entwürfe für eine durchsichtige Politik ohne oben und unten.

Und natürlich musste das den Grünen bekannt vorkommen, mit diesem Stil waren sie ja angetreten vor dreißig Jahren und sehr erfolgreich geworden, und natürlich waren sie nicht glücklich über diese Authentizitätsverschiebung, die das mit sich brachte und die aus den berufsjugendlichen Grünen auf einmal eine clevere Partei von Profis zu machen schien. Da gab es ein paar Interviews, vom Vorsitzenden Cem Özdemir zum Beispiel, in denen die Wähler geradezu gewarnt wurden, bloß aufzupassen, hier ja nicht zu vergessen, wer die wirklichen und echten Hierarchie-Umstürzler sind, das wahre Anti-Establishment.

Vergessen, wie man sich benimmt

Aber auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover, wo Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin als Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2013 gefeiert werden und der Saal jedes Mal in riesigen, warmen Jubel ausbricht, wenn irgendeiner Claudia Roth erwähnt, damit die nicht mehr so traurig ist, dass sie keine Spitzenkandidatin wurde, auf diesem Parteitag, der als Spitzenpersonal also Politiker bestätigt, die sich dort oben in der Partei schon fast genauso lang auf unterschiedlichen Posten halten, wie Helmut Kohl Bundeskanzler war, bis die rot-grüne Koalition ihn 1998 ablöste und das als historisch überfällig schon allein wegen seiner langen Amtszeit erklärte - hier reden die Grünen ständig von der CDU.

Und von der Mitte. Von Bürgern, aber mit Empathie bitte. Und von Manieren. „Die haben vergessen, wie man sich benimmt“, sagt Katrin Göring-Eckardt in ihrer Dankesrede, und sie meint damit die schwarz-gelbe Regierung, und dann nennt sie den Bundesumweltminister „Peter ,Twitter‘ Altmaier“, und man denkt, aha, Twittern ist also neuerdings irgendwie suspekt, und Cem Özdemir, der das mit den Manieren gesagt hatte, ruft zum Abschluss seiner Begrüßung zwar „Lasst uns die Republik rocken“, aber als dann Trittin und Göring-Eckardt am frühen Abend in den Saal einziehen, um sich feiern zu lassen, tun sie das nicht zu AC/DC, diese Art Rockrepublik kann ja neuerdings sogar CSU-Terrain sein - sondern zu einem Lied der kanadischen Sängerin Feist, also zu den schönen Melodien arrivierter Andersartigkeit.

Die Grünen, wie man sie immer kannte

„Man nennt uns Altpartei, aber das ist nicht wahr“, hatte die niedersächsische Grüne Anja Piel in ihrer Rede gesagt, und da hörte man einmal heraus, dass so eine Titulierung schon etwas gemein am Selbstverständnis der Grünen kratzt, die sich seit Jahrzehnten mit den Honoratioren der Union und den Schwermetallern der SPD herumgeplagt haben. Die Grüne Jugend, die für diese Titulierung verantwortlich ist, redet angeblich auch mit den jungen Piraten, die gibt es inzwischen nämlich auch. Aber trotzdem, wenn man so in der Eilenriedehalle durch die Reihen geht und die Berge von Papier sieht (und weniger Laptops als erwartet), wenn man die Reden hört, wenn man am Freitagnachmittag im Workshop zur Basisdemokratie sitzt, dann hat man schon den starken Eindruck einer großen Unerschütterlichkeit, was die eigenen Methoden betrifft. Hier trifft sich eine eigene Gesellschaft mit einem eigenen, unverwechselbaren Ton.

Man hört diesen Ton in den allermeisten Reden, es ist ja nicht nur das ständige Beschwören der „lieben Freundinnen und Freunde“ in den Reden, es schwingt eher mit im Verschleifen der Silben, in all den „’nens“, die man im Laufe so eines Parteitags hört, hier ’nen Antrag, dort ’ne Verfahrensfrage, gestellt von dem Robert, der Steffi, alle haben sie hier zur Unterstreichung ihrer Persönlichkeit noch ein vorangestelltes Personalpronomen, die Katrin, der Jürgen, der Cem - das sind die Grünen, wie man sie immer kannte.

Die Selbstgewissheit der Älteren, nervt das nicht?

Und wie sie auch in Hannover immer wieder reden, immer noch oft genug auch in dieser höheren Angefasstheit, mit der ein politisches Problem total persönlich genommen wird, die falsche Umverteilung, die Beschneidung, die Frauenquote, das Betreuungsgeld. Man ist, alles in allem, grade im Lichte der neuesten Entwicklungen - optimal ausgeglichen gelaufene Urwahl, ein neuer grüner Oberbürgermeister in Stuttgart, die Piraten zerlegen sich langsam selbst, bei der Bundestagswahl zeichnet sich mehr als eine Option ab - aber sehr, sehr einverstanden mit sich selbst. Und offenbar auch mit den ewigen Gesichtern da oben an der Spitze. Und damit, bewiesen zu haben, dass Transparenz schon immer eine Tugend dieser Partei gewesen sei: „Andere reden von Transparenz“, ruft Trittin gleich in den ersten Sätzen seiner Rede am Freitagabend, „Grüne leben sie!“

Aber nervt diese Selbstgewissheit der Älteren nicht die Jüngeren in der Partei, also die, die in Kürze auch nach dort oben wollen? Es gibt ja einige davon, Gesine Agena zum Beispiel, die ehemalige Sprecherin der Grünen Jugend, die 25-Jährige kandidiert an diesem Wochenende für den Parteirat, man sieht sie ständig überall im Kongresszentrum. Wie findet die nächste Generation diesen stehenden Pool der Kandidaten? „Ich sehe da keine homogenen Blöcke“, sagt Jens Parker, 24 Jahre alt, der neue Sprecher der Grünen Jugend. Eigentlich will er mit seinen Freunden am Stand seiner Organisation in einer Nebenhalle grad Pizza essen, der Freitag war lang, ein paar haben sich schon in die Ecke gelegt und alle viere von sich gestreckt, der Freitag ist aber eben noch nicht vorbei für Parker, denn als wir fertig geredet haben, kommt schon das nächste Fernsehteam.

Dabei haben ihnen die Piraten den Rang nicht abgelaufen

„Die jungen wie die älteren Grünen sind eine bunte Familie mit unterschiedlichen Menschen“, sagt Parker jedenfalls. Und außerdem sei Jugend kein Wert an sich. „Was die Grüne Jugend von der Grünen Partei aber schon unterscheidet: unsere Beschlüsse gehen in der Regel weiter.“ In der Frage des Wahlalters zum Beispiel, das die Jugend auf null senken möchte, oder in der kompletten Abschaffung herkömmlicher Geschlechtervorstellungen. „Wir wollen in der Gleichberechtigungsdebatte nicht stehen bleiben“, sagt Parker, der aufmerksam zuhört, vorsichtig formuliert und sich höflich erkundigt, ob das nun irgendwie meine Frage beantworten würde. „Wir haben progressive Forderungen - und selbst wenn unsere Vorschläge abgelehnt werden, findet eine Debatte statt.“ Die Grüne Jugend habe zum Beispiel mit dem V-Ranking begonnen, das der Bundesparteitag jetzt auch ausprobiert, also mit der Vorsortierung all der Anträge, die dann beim Parteitag unter dem Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ diskutiert werden - ein nicht zu unterschätzendes Kampfmittel, um Themen zu marginalisieren.

Aber im Grunde ist auch das ein eher analoges Verfahren. Lange Listen zum Ankreuzen. Es gibt zwar natürlich das „Wurzelwerk“, so nennt sich die grüne Internetplattform, wie auch sonst - aber bei der Urwahl wurden jetzt trotzdem Briefe verschickt, mit Porto, und es wird immer noch Wert auf „Kohlenstoff-Meetings“ gelegt, also Diskussionen von Angesicht zu Angesicht. Das Wort fällt im Workshop zur parteiinternen Demokratie, wo die Skepsis gegenüber Online-Tools quer durch alle Generationen zu gehen scheint. Dafür probieren sie in diesem Workshop eine neue Methode aus, wie alle gleichmäßig im Saal zu Wort kommen, nach festgelegten Regeln, emanzipiert, fair. Im Grunde diskutieren sie seit über dreißig Jahren schon darüber, wie man das macht, und in diesem Moment im November 2012 jedenfalls scheint es für sie so auszusehen, als ob die Piraten ihnen da nicht den Rang abgelaufen hätten. Und die anderen Parteien schon gar nicht.

Das kann man einem 58-Jährigen doch nicht erklären

Boris Palmer versteht die Frage nach den Piraten übrigens erst mal überhaupt nicht. Die hätten sich grad selbst erledigt, sagt der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, als wir hinauslaufen, um bei einer Flasche Wasser über seine Partei zu reden. Aber hat der Erfolg der Piraten nicht gezeigt, dass etwas abreißen könnte zwischen den jüngeren Wählern und einer Partei, die sich quasi von Natur aus für diese jungen Wähler zuständig fühlt, aber ständig dieselben Figuren Ü 40 aufstellt für Spitzenämter?

Palmer räumt zwar ein, dass die Piraten den Grünen technisch etwas vorausgehabt hätten - aber eben nicht politisch, auch nicht netzpolitisch. Er, der ständig gefragt wird, warum er nicht die Generation über ihm herausfordert und nach Berlin zieht, Palmer ist 40 Jahre alt, hält die Generationenverteilung seiner Partei für eine reine Frage der Alterskohorte. Roth, Trittin, Künast, Kuhn - es sei eben möglich gewesen, jung aufzusteigen bei den Grünen, und man könne einem 58-Jährigen doch auch nicht erklären, dass er jetzt zu alt sei. Das Gleiche gilt für die Wähler. „Wir sind eine Partei für 18- bis 65-Jährige“, sagt Palmer.

Gegen das richtige Establishment?

Aber nervt ihn nicht der ewige WG-Ton seiner Partei? „Das Milieuspezifische wird sich so schnell nicht abschleifen“, antwortet Palmer. „Es gibt einen Traditionsquell der Auflehnung.“ Was ihn eher nervt, sei, „wenn Leute ihre Wunschwelt als Realität ausgeben“. Und ihn für autoritär hielten, weil er für ein Alkoholverbot in der Stadt eintrete - eben hätten wir Grünen doch noch dafür gekämpft, dass man den Rasen betreten darf in der Stadt!

Am Ende geht es auch hier um die Frage, ob man gegen das richtige Establishment ist oder nicht. Und das ist eine Frage der Jugendkultur, immer gewesen. Die Lager verschwinden vielleicht, aber das Establishment als dunkle Macht, der man nicht angehören will, bleibt. „Ich erlebe in meiner Generation eine starke Individualisierung“, sagt Parker. „Es gibt heute ja auch viele unterschiedliche Möglichkeiten, sich einzubringen - wenn ich mich für den Umweltschutz einsetzen möchte, muss das nicht parteipolitisch sein. Wenn ich mich gegen Ungerechtigkeit engagieren will, gibt es auch verschiedene Möglichkeiten. Die eigentlichen Probleme und Konflikte bestehen ja weiter.“ Und sie wandeln sich in neue Formen. Kurz bevor ich den Parteitag verlasse, fordert eine junge Delegierte veganes Essen für den nächsten Parteitag, so wie das bei den Kongressen der Grünen Jugend längst der Fall sei. Sie tut das lachend, aber es ist ihr Ernst.

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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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