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Bundesparteitag der Grünen Man nennt uns eine Altpartei

Quasi von Natur aus fühlen sie sich für die jungen Wähler zuständig, stellen aber ständig dieselben Figuren Ü 40 für Spitzenämter auf: Wo ist denn hier die Jugend? Und wo das Establishment, gegen das sie rebelliert? Auf dem Parteitag der Grünen in Hannover.

© Daniel Pilar Vergrößern Wir rocken die Republik! Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin auf dem Parteitag

Eine Kiste aus durchsichtigem Plexiglas liegt auf einem der kalten Flure in der Eilenriedehalle und hält eine Tür offen, „Piratenspiele“ steht darauf. Und Piratenspiele sind auch drin. Danach hört und liest man allerdings so gut wie nichts mehr von irgendwelchen Piraten auf dem Parteitag der Grünen in Hannover. Die transparente Kiste aber, die eine Tür aufhält - man kann gar nicht anders, als das hochsymbolisch zu finden.

Doch sie bleibt erst mal die einzige Begegnung auf dem Bundesparteitag der Grünen in Hannover mit einem Phänomen - transparente Piraten, die spielen wollen also -, das diesen Grünen anderthalb Jahre lang einen ziemlichen Schrecken eingejagt hat. Da war plötzlich noch eine andere Partei mit Menschen, die sich weigern, nach den Regeln zu spielen, die sich in der Bundesrepublik für Parteien so entwickelt haben: eine Loseblattsammlung progressiver und antihierarchischer und spontaneistischer und latzhosiger sogenannter Entwürfe für eine durchsichtige Politik ohne oben und unten.

Und natürlich musste das den Grünen bekannt vorkommen, mit diesem Stil waren sie ja angetreten vor dreißig Jahren und sehr erfolgreich geworden, und natürlich waren sie nicht glücklich über diese Authentizitätsverschiebung, die das mit sich brachte und die aus den berufsjugendlichen Grünen auf einmal eine clevere Partei von Profis zu machen schien. Da gab es ein paar Interviews, vom Vorsitzenden Cem Özdemir zum Beispiel, in denen die Wähler geradezu gewarnt wurden, bloß aufzupassen, hier ja nicht zu vergessen, wer die wirklichen und echten Hierarchie-Umstürzler sind, das wahre Anti-Establishment.

Vergessen, wie man sich benimmt

Aber auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover, wo Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin als Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2013 gefeiert werden und der Saal jedes Mal in riesigen, warmen Jubel ausbricht, wenn irgendeiner Claudia Roth erwähnt, damit die nicht mehr so traurig ist, dass sie keine Spitzenkandidatin wurde, auf diesem Parteitag, der als Spitzenpersonal also Politiker bestätigt, die sich dort oben in der Partei schon fast genauso lang auf unterschiedlichen Posten halten, wie Helmut Kohl Bundeskanzler war, bis die rot-grüne Koalition ihn 1998 ablöste und das als historisch überfällig schon allein wegen seiner langen Amtszeit erklärte - hier reden die Grünen ständig von der CDU.

Und von der Mitte. Von Bürgern, aber mit Empathie bitte. Und von Manieren. „Die haben vergessen, wie man sich benimmt“, sagt Katrin Göring-Eckardt in ihrer Dankesrede, und sie meint damit die schwarz-gelbe Regierung, und dann nennt sie den Bundesumweltminister „Peter ,Twitter‘ Altmaier“, und man denkt, aha, Twittern ist also neuerdings irgendwie suspekt, und Cem Özdemir, der das mit den Manieren gesagt hatte, ruft zum Abschluss seiner Begrüßung zwar „Lasst uns die Republik rocken“, aber als dann Trittin und Göring-Eckardt am frühen Abend in den Saal einziehen, um sich feiern zu lassen, tun sie das nicht zu AC/DC, diese Art Rockrepublik kann ja neuerdings sogar CSU-Terrain sein - sondern zu einem Lied der kanadischen Sängerin Feist, also zu den schönen Melodien arrivierter Andersartigkeit.

Die Grünen, wie man sie immer kannte

„Man nennt uns Altpartei, aber das ist nicht wahr“, hatte die niedersächsische Grüne Anja Piel in ihrer Rede gesagt, und da hörte man einmal heraus, dass so eine Titulierung schon etwas gemein am Selbstverständnis der Grünen kratzt, die sich seit Jahrzehnten mit den Honoratioren der Union und den Schwermetallern der SPD herumgeplagt haben. Die Grüne Jugend, die für diese Titulierung verantwortlich ist, redet angeblich auch mit den jungen Piraten, die gibt es inzwischen nämlich auch. Aber trotzdem, wenn man so in der Eilenriedehalle durch die Reihen geht und die Berge von Papier sieht (und weniger Laptops als erwartet), wenn man die Reden hört, wenn man am Freitagnachmittag im Workshop zur Basisdemokratie sitzt, dann hat man schon den starken Eindruck einer großen Unerschütterlichkeit, was die eigenen Methoden betrifft. Hier trifft sich eine eigene Gesellschaft mit einem eigenen, unverwechselbaren Ton.

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