http://www.faz.net/-gqz-8lhug
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 17.09.2016, 14:26 Uhr

Bühnen- und Filmschauspieler Hilmar Thate ist gestorben

Er hatte an den großen Häusern Ost-Berlins gespielt. Im Westen stand er für Zadek und Tabori auf der Bühne – und für Fassbinder, Schlöndorff und Wedel vor der Kamera. Im Alter von 85 Jahren ist Hilmar Thate gestorben.

© dpa Hilmar Thate im Oktober 2006 in Frankfurt

Der Theater- und Filmschauspieler Hilmar Thate ist tot. Thate starb bereits am 14. September im Alter von 85 Jahren in Berlin, wie eine Sprecherin der Akademie der Künste an diesem Samstag unter Berufung auf die Familie mitteilte.

Am 17. April 1931 in Dölau bei Halle als Sohn eines Lokomotiven-Maschinenschlossers und einer Hausfrau geboren, spielte Thate bereits als Schüler in einer Laiengruppe und absolvierte eine Schauspielausbildung an der Staatlichen Hochschule für Theater und Musik in Halle, die er 1949 mit dem Staatsexamen abschloss. Sein Schauspieldebüt hatte Thate im selben Jahr in Cottbus, wo er bis 1952 Mitglied des Ensembles war. Sein Intendant verschaffte ihm eine Begegnung mit Brecht in Berlin. Beeindruckt von dem Treffen und dem dortigen Theater, zog es den jungen Schauspieler später in die Hauptstadt, wo er über die folgenden 27 Jahre hinweg an den großen Schauspielhäusern der DDR spielte und zu einem der bedeutendsten Schauspieler der DDR wurde.

Brecht, Braun, Hacks

Nach zwei Jahren (1952/1953) am Theater der Freundschaft in Ost-Berlin wechselte er ans Maxim-Gorki-Theater, wo er bis 1959 engagiert war und unter anderem als Oswald in Ibsens „Gespenster“ und als Goethes „Clavigo“ zu sehen war. Von 1959 bis 1970 war Thate Mitglied des Berliner Ensembles. Zu seinen wichtigen Brecht-Rollen zählten der Givola in „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1959), Aufidius in „Coriolan“ (1964), der Galy Gay in „Mann ist Mann“ (1967). 1966 erhielt er den Nationalpreis der DDR. Er verließ das Berliner Ensemble, weil er, wie er im Jahr 2001 rückblickend in einem Interview bekannte, gemerkt habe, dass es „schwerfällig wird, dass es sich selbst zitiert, dass es überfällig ist“.

Neben Rollen in rund dreißig Defa-Filmen übernahm er an der renommierten Ost-Berliner Volksbühne 1970 den Part des Gennadi in Ostrowskis „Der Wald“ und den des Götz Kanten in Winterlichs „Horizonte“. Ab 1972 spielte er am Deutschen Theater Berlin. In der Titelrolle war er hier unter anderem in Shakespeares „Richard III.“ (1972), im „Götz von Berlichingen“ (1974) und in Hacks' „Adam und Eva“ zu sehen. Der Schriftsteller Volker Braun schrieb für Thate das Bühnenstück „Kipper Paule Bauch“, das unter dem Titel „Die Kipper“ 1972 in Magdeburg uraufgeführt wurde.

Zadek, Tabori, Müller

Sein Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann erschwerte dann seine weitere Schauspielkarriere in der DDR. Thate gehörte mit zu den Erstunterzeichnern der Biermann-Petition, die für ihn, wie er 1998 erzählte, zwar „kein Arbeitsverbot, aber eine deutliche Drosselung der Angebote und ständige Überwachung durch den Staatssicherheitsdienst“ nach sich zog. Als er und seine Frau, die Schauspielerin Angelica Domröse, nur noch schlechte und dann keine Aufträge mehr bekamen, stellten sie 1979 einen Ausreiseantrag. Das Künstlerehepaar siedelte 1980 schließlich nach West-Berlin über. Dort gelang es beiden, als Schauspieler aufs Neue Fuß zu fassen. Thate kam als Ensemblemitglied ans West-Berliner Schillertheater (bis 1982, danach freier Schauspieler). Dort sah man ihn unter anderem unter der Regie von Peter Zadek in dessen legendärer Inszenierung von „Jeder stirbt für sich allein“ (1981), in der Titelrolle von Heiner Müllers „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ (1983), später auch als Mephisto in Goethes „Faust“ (1990) und als Uhrmacher Jakowlew in Gorkis „Die falsche Münze" (1992/1993).

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Die Maske

Von Freddy Langer

Langsam kommen wieder Besucher nach Nepal, obwohl die Spuren des Erdbebens das Land noch zeichnen. Im Schutt findet sich manches Souvenir von unerwarteter Symbolkraft. Mehr 1 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“