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Veröffentlicht: 06.05.2017, 17:46 Uhr

Zur Lage des Dramaturgen Wer soll Euch denn noch entzünden?

Heute beginnt in Berlin das Theatertreffen, aber einer fehlt wieder: Der Dramaturg. Dabei kann das Theater sich nicht leisten, ihn zu vergessen – und er muss Bibliothekar und Händler zugleich sein.

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© dpa Eine Schule der Menschlichkeit solle das Theater sein, beschloss der erste Dramaturg der Geschichte: Lessing am Hamburger Schauspielhaus.

Seit 1964 fördert die Kulturstiftung des Bundes das alljährliche „Theatertreffen“. Immer noch gilt eine Einladung als Ritterschlag. Auf den Premierenpartys wird in diesen zwei Wochen die aktuelle Lage des Theaters bestimmt: Worüber man hier spricht, das ist relevant. Geredet wird naturgemäß viel über Regisseure und Schauspieler, ein wenig auch über Autoren und Intendanten und manchmal über den einen oder anderen Bühnen- und Kostümbildner. Nur ein Theaterposten bleibt auffällig unerwähnt: der Dramaturg. Warum eigentlich? Wann hat das angefangen, dass Dramaturgen dem Theater gleichgültig geworden sind? Dass sie ihre einflussreiche Stellung eingebüßt haben und zu Hilfsarbeitern des Betriebs degradiert wurden, die organisieren, vermitteln und hier und da ein paar Sätze für das Programmheft schreiben?

Simon Strauß Folgen:

Als der Beruf des Dramaturgen um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts entstand, befand sich das Theater in einer radikalen Umbruchsphase. Nicht länger ein Ort für die Unterhaltung der Adligen sollte es sein, sondern zum Medium neuer, aufgeklärter Ideen aufsteigen. Lessing, der von 1767 bis 1769 am Hamburger Schauspielhaus als erster Dramaturg der Theatergeschichte tätig war, wollte durch seine Spielplangestaltung die bürgerliche Identität stärken, das Theater zu einer „Schule der Menschlichkeit“ machen. In der Ankündigung seiner berühmten „Hamburger Dramaturgie“ schrieb Lessing: „Die Dramaturgie soll jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters, als auch des Schauspielers hier tun wird.“ Der Dramaturg als intellektueller Aufseher über das kreative Geschehen. So hoch war das Amt ursprünglich besetzt.

Programmhefte, die heute in Bibliotheken stehen

Um heute noch ein Gefühl von der Macht des Dramaturgen zu bekommen, geht man besser nicht ins Theater und liest auch besser keine Programmhefte. Der Besuch in einer alten West-Berliner Kneipe ist dafür lohnender. Dort sitzt fast jeden Abend ein Mann, den noch die Aura einer Theaterzeit umgibt, in der Dramaturgie alles andere als egal war: Dieter Sturm – der legendäre Chefdramaturg der Berliner Schaubühne. Im vergangenen Jahr, von der Öffentlichkeit unbemerkt, achtzig Jahre alt geworden, wirkt er, der an der Seite von Regieheroen wie Peter Stein, Luc Bondy und Klaus Michael Grüber das Theater intellektuell revolutioniert hat, heute wie ein vergessener Kronzeuge.

46241314 © Picture-Alliance Vergrößern Geschichte interessiert ihn eher nicht so: Tarun Kade, Münchner Jungdramaturg.

Das Verfahren ist längst eingestellt, aber er sitzt immer noch da und wartet darauf, dass ihn jemand befragt. Etwas wissen will von ihm und der „klassischen Zeit“, wie Sturm die Spanne von 1962 bis zum Ende der achtziger Jahre nennt. Sturm kam von Erlangen aus zur politischen Studentenbewegung, war mit Rudi Dutschke befreundet, leitete das Studententheater der Freien Universität und gründete gemeinsam mit Freunden erst die alte und dann die neue Schaubühne. Horváth und Marieluise Fleißer wurden von ihm wiederentdeckt, und er gab Programmhefte heraus, die so stoff- und gedankenreich waren, dass sie heute in Universitätsbibliotheken stehen. Wenn man mit Sturm über die Rolle des Dramaturgen spricht, dann hört man vor allem eines: dass er für den „Entzündungsmoment“ zwischen den drei Elementen Text, Schauspieler und Regisseur zuständig sei. Dass er aus seiner literarischen Beziehung zum Stück einen Erklärungsdrang entwickeln müsse. Er sei ein Anreger, kein Künstler, keiner für den Schlussapplaus: „Der Dramaturg muss im Dunkeln bleiben“, sagt Sturm.

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