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Zum Tode Herb Gellers : Ordentliches Leben

  • -Aktualisiert am

Herb Geller (1928 - 2013) Bild: dpa

Nein, dem Klischee des Saxophonisten entsprach er wirklich nicht. Herb Geller, ein Glücksfall für Deutschlands Jazz, ist tot.

          Ach ja, die exzentrischen Jazzmusiker! Es passierte 1952 in einem Club im San Fernando Valley, wo jeden Montagabend die besten Musiker aus Los Angeles zusammenkamen, um Jam Sessions zu veranstalten. Ein Trompeter mit Kindergesicht sprach den Altsaxophonisten Herb Geller an und fragte, ob er bei ihm einsteigen könne. Geller akzeptierte, war aber nicht begeistert. Jemand, der so aussah, konnte unmöglich ein Jazzmusiker sein: noch nicht ganz trocken hinter den Ohren, hübsch wie ein Mädchen, mit einer Schmalzlocke, die ihn eher als Fan des aufkommenden Rock’n’Roll auswies. Geller wurde eines Besseren belehrt. Der Mann konnte nicht nur spielen, er wurde zur Jazzikone. Sein Name: Chet Baker.

          Zu der Geschichte, die Geller kolportiert hat, gibt es eine Parallele. Als er selbst fast vierzig Jahre später in London dem Autor Mike Zwerin begegnete, meinte dieser, Geller könne unmöglich Jazzmusiker sein. Korrekt gekleidet, höfliche Umgangsformen, mit einem grauen Haarkranz um die strahlende Glatze, wirke er wie ein zerstreuter Professor aus Des Moines, der sich nach einem Altersruhesitz in Europa umsehe. So kann man sich täuschen, wenn man den Klischees nachhängt, die manche Musiker mitbefördern. Herb Geller gehörte nicht zu ihnen.

          Hamburg wurde ihm zur zweiten Heimat

          Der Mann aus Los Angeles, der in seinem langen Musikerleben mit allen Jazzern zusammengespielt hat, die in eine Enzyklopädie passen, war ein Künstler, der immer wusste, wie man den chaotischen Jazz bändigt: nicht mit einem chaotischen Leben oder durch Stilisierung zum Exzentriker, vielmehr durch Organisation. Diese Einsicht wurde der Schlüssel seines Erfolgs auf drei Gebieten: als Arrangeur, als Spezialist von Big Bands und als Lehrer. Herb Geller hatte sich seine Sporen zunächst bei dem Geiger Joe Venuti und im Orchester von Claude Thornhill verdient, danach arbeitete er mit Billy May, Maynard Ferguson, Shorty Rogers und Bill Holman zusammen, den wichtigen Big Bands der West Coast, später, nach dem frühen Tod seiner ersten Frau, der Pianistin Lorraine Walsh, mit Benny Goodman, Louie Bellson und Quincy Jones.

          Den zweiten Teil seiner Karriere verbrachte er in Europa, zunächst in Paris, von 1962 an in Berlin als Mitglied der Big Band des SFB, bis er zur NDR Big Band nach Hamburg wechselte. Hamburg wurde, ein Glücksfall für den Jazz in Deutschland, zu seiner zweiten Heimat. Nicht zuletzt Geller, der von 1986 an auch eine Professur an der Musikhochschule Hamburgs innehatte, ist dafür verantwortlich, dass die Big Band des Senders zu den führenden Jazzorchestern Deutschlands gehört. Auch für andere Big Bands hierzulande wurde er zu einem gefragten Arrangeur und Solisten. Darüber hinaus konnte man den großen Bebop-Stilisten auf dem Altsaxophon in der Nachfolge von Benny Carter und Charlie Parker mit kleineren Ensembles immer wieder, vorwiegend auf europäischen Festivals, hören.

          Der deutsche Jazz hat ihm viel zu verdanken. Geller aber war sich stets auch der Vorteile der komplexen kulturellen Infrastruktur Deutschlands gegenüber der amerikanischen Musikszene bewusst. Und er schätzte die deutsche Demokratie. Willy Brandt stand ihm jedenfalls näher als Richard Nixon. Am vergangenen Donnerstag ist er in seiner Wahlheimat Hamburg im Alter von fünfundachtzig Jahren gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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