Home
http://www.faz.net/-gqz-6vb9z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 23.11.2011, 16:50 Uhr

Zum Tode Georg Kreislers Immer mit der Angst

Niemand konnte so tückisch, selbstzufrieden und mörderisch grinsen wie Georg Kreisler, wenn er am Flügel den deutsch-österreichischen Spießer mit Abitur spielte. Doch er war ein Anstandsvergifter aus Humanität.

© Getty Images Georg Kreisler um das Jahr 1955 an seinem satirischen Instrument

„Immer mit der Ruhe“, diesen Leitspruch aller Saturierten hasste Georg Kreisler. Und die Saturierten hassten ihn inbrünstig zurück: Das war schon so, als er 1955 in der legendären Wiener Marietta Bar debütierte. Viele waren begeistert, aber nicht wenige geiferten über einen singenden, klavierspielenden Defätisten. Bis in die Sechziger gab es staatliche Rundfunk- und Fernsehboykotte, landeten seine Lieder auf dem Index und verweigerten Konzertsäle Auftritte.

Der Taubenvergifter sei eigentlich ein Anstandsvergifter, giftete man. Dass Georg Kreisler darin das Echo des berüchtigten „gesunden Volksempfindens“ hörte, das nach 1933 in Deutschland triumphiert und sich nicht erst nach 1938 in weiten Kreisen Wiens durchgesetzt hatte, lag auf der Hand: Georg Kreisler, 1922 in Wien als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geboren, dort als zusätzlich Klavier, Geige und Musiktheorie lernender und wegen seiner Herkunft gehänselter Gymnasiast aufgewachsen, hatte 1938 mit seinen Eltern nach Amerika emigrieren müssen; der Schock saß fürs Leben.

Chaplin pfiff, Kreisler setzte sie in Noten

Kreisler hätte in Amerika bleiben können. Denn die Familie war in Hollywood ansässig geworden, er verkehrte mit prominenten deutschjüdischen Emigranten, wurde von Arnold Schönberg protegiert, heiratete die Tochter Friedrich Hollaenders. Seit 1943 amerikanischer Staatsbürger und Soldat, unterhielt Kreisler in England mit Liederabenden die Truppen, bis er 1945 als Dolmetscher an Verhören Görings, Julius Streichers und Ernst Kaltenbrunners teilnahm. Es hieße, Holzhammerpsychologie betreiben, daraus seinen Zynismus als Künstler abzuleiten. Aber dass die Einblicke in die Brutalität und die Erbärmlichkeit autoritärer Charaktere ihn künstlerisch nicht in Richtung „Sentimental Journey“ oder „Caprifischer“ trieben, versteht sich fast von selbst.

Zurück in Hollywood, schien mit Charlie Chaplins „Monsieur Verdoux“ die Karriere in Reichweite: Chaplin pfiff spontan eine Melodie, Kreisler setzte sie in Noten, brachte sie Hanns Eisler, der daraus die Titelmusik dieses Films über einen kleinen Bankangestellten und Familienvater machte, der aus unverschuldeter Geldnot zum Heiratsschwindler und Frauenserienmörder wird, wofür er am Ende, überzeugt von seiner eigentlichen Unschuld, unter der Guillotine liegt. Die heute anerkannte schwarze Komödie über „Mord als logische Erweiterung des Kapitalismus“ erhielt zwar 1948 eine Oscar-Nominierung für ihr Drehbuch (Idee Orson Welles, Ausarbeitung Chaplin), fiel aber beim Publikum durch.

Die zeitlose Aktualität seiner Bösartigkeiten

Derweil wurde Georg Kreisler es müde, in Chaplin-Filmen das anonyme Double für den Meister zu geben. Er ging nach New York, arbeitete dort mit selbst verfassten Liedern als Entertainer - und erlebte sein eigenes Verdoux-Desaster: „Please Shoot Your Husband“, seine erste Platte, lag wie Blei in den Regalen. Amerika, auf dem Weg ins Heimchen-Ideal der Mummy Eisenhower, brauchte niemanden, der seinen Ehefrauen riet, ihre Gatten zu erschießen. Im Jahr 2005 ließ Georg Kreisler die wiederentdeckte Originalaufnahme als CD seiner Biographie „Leise flehen meine Tauben“ beilegen. Die Zeit war günstig, denn seit Ende der neunziger Jahre hatte der Chansonnier Tim Fischer mit Kreisler-Abenden und -Alben, gipfelnd 2002 in der Uraufführung von Kreislers Ein-Mann-Musical „Adam Schaf hat Angst“ im Berliner Ensemble, den musikalischsten und bittersten aller Kabarettisten wieder in allgemeine Erinnerung gebracht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Das Beste aus dem Netz Wenn Chris Martin im Auto seine eigenen Lieder singt

Nach Adele sitzt jetzt der Coldplay-Sänger auf dem Beifahrersitz von James Corden. Mehr

31.01.2016, 11:07 Uhr | Quelle-Internet
Treffen mit Schwerverbrecher Kritik an Sean Penn für Interview mit Drogenboss

Hollywood-Star Sean Penn ist für sein Treffen mit dem mexikanischen Drogenboss Joaquín El Chapo Guzmán scharf kritisiert worden. Mehr

24.01.2016, 16:58 Uhr | Gesellschaft
Bilder von uns am Theater Bonn Können Sie nicht aufpassen, Mann!

Es beginnt wie ein Psychokrimi und stürzt seinen Protagonisten in eine Verwirrung, aus der er sich nicht befreien kann: Alice Buddeberg inszeniert die Uraufführung von Thomas Melles Missbrauchsdrama Bilder von uns am Theater Bonn. Mehr Von Andreas Rossmann

25.01.2016, 11:29 Uhr | Feuilleton
Blockbuster mit Leo DiCaprio Hinter den Kulissen von The Revenant

In The Revenant - Der Rückkehrer spielt Leonardo DiCaprio den Jäger und Abenteurer Hugh Glass, dessen Leben zur Legende wurde. Auf die Rolle vorbereitet hat sich der Hollywood-Star DiCaprio mit seinen Kollegen gewissenhaft mithilfe der American Mountain Men. Mehr

07.01.2016, 10:42 Uhr | Feuilleton
Papua-Neuguinea Geister, die ich rief

Wie kein zweiter Stamm verkörpern die Mudmen des Asaro-Tals die Ungezähmtheit Papua-Neuguineas. Dabei verdankt sich ihre furchterregende Verkleidung einem Zufall ausgerechnet während der Flucht vor dem Feind. Im Dorf Geremiyaka bereiten sie dem Besucher einen fröhlichen Nachmittag. Mehr Von Freddy Langer

05.02.2016, 15:27 Uhr | Reise
Glosse

Zahlen wir bald nur noch 17,20 Euro?

Von Michael Hanfeld

Ja, wo gibt es denn sowas? Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff verrät als erster, dass die berühmte Gebührenkommission KEF vorschlägt, den Rundfunkbeitrag zu senken. Das klingt unglaublich. Und die sächsische Regierung ist auch schon dagegen. Mehr 48 78

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“