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Nikolaus Harnoncourt : Wem Klang zur Rede wird

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Alles eine Lebens- und Berufserfahrungssache: Nikolaus Harnoncourt war ziemlich genau sein halbes Leben lang Dirigent. Bild: John Reardon/Camera Press/ddp

Von Bach bis Berg – und weiter zu „Porgy and Bess“: Er war einer der erstaunlichsten Dirigenten, Musikforscher und Musikschriftsteller. Zum Tode Nikolaus Harnoncourts.

          Dirigieren lässt sich nicht wie eine Muttersprache erlernen. Es gibt keine Suzuki-Methode für Orchesterleitung. Man kann im Alter von drei Jahren mit dem Geigenspiel beginnen, aber nicht mit dem Dirigieren. Nicht wenige Musiker sind ohnehin der Meinung, Dirigieren sei eine Tätigkeit mit einer lebenslangen Berufsausbildung; zwanzig bis dreißig Jahre müsse man jedenfalls als Dirigent tätig gewesen sein, bevor man zu der wirklichen Elite seiner Zunft zählen könne. Dennoch wäre „musikalischer Spätzünder“ eine unangemessene Charakterisierung für den Orchesterchef. Alles, was einen Musiker ausmacht, muss ein Dirigent ebenso früh erlernen und beherrschen wie ein Instrumentalist oder Sänger. Menschenführung, die freilich an keiner Musikhochschule Ausbildungsfach ist, kommt dann später noch hinzu.

          Für dieses Berufsbild steht kaum ein anderer Dirigent so wie Nikolaus Harnoncourt, der jetzt im Alter von sechsundachtzig Jahren gestorben ist. Erstmals auf dem Podest stand er im Jahr 1972: um das Orchester der Mailänder Scala in Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“ zu leiten. Da war er bereits dreiundvierzig Jahre alt. Ausschließlich als Dirigent erlebte ihn die Musikwelt erst von 1987 an, als er schon stramm auf die sechzig zuging. Seine umfassende musikalische Erziehung allerdings begann im frühen Kindesalter. Mit achtzehn entschied er sich für den Musikerberuf, fünf Jahre später bekam er einen Posten als Cellist bei den Wiener Symphonikern, der den meisten Künstlern als Erfüllung ihrer musikalischen Wünsche genügt hätte. Eine musikalische Autorität eigenen Rechts aber wurde er endgültig mit der Gründung des Concentus Musicus im Jahre 1957, ursprünglich als Kammermusikensemble entstanden und zwanzig Jahre später zum Orchester erweitert, das sich vor allem um die angemessene Interpretation alter Musik Verdienste erwarb.

          Wie vital die Musik des Mittelalters klingen kann

          Nikolaus Harnoncourt, am 6. Dezember 1929 eher zufällig in Berlin geboren, aber keineswegs zufällig in Graz aufgewachsen, einer alten österreichischen Adelsfamilie entstammend - als Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt ist er ein Ururenkel Erzherzog Johanns -, war einer der erstaunlichsten Dirigenten, Musikforscher und Musikschriftsteller der Gegenwart, dessen bevorzugtes Interessensgebiet allerdings die musikalische Vergangenheit war. Historische Aufführungspraxis, Musik auf alten Instrumenten, Originalklangbewegung - all das gehört heute zu den Selbstverständlichkeiten im Umgang mit alten Werken. Aber seit Nikolaus Harnoncourt den Begriff der „Klangrede“ für die musikalisch-dramatische Revolution zur Zeit Monteverdis in die Welt gesetzt hat, zugleich aber gegen das zu Felde zog, was er als „musikwissenschaftliche Aufführung“ charakterisierte, als staubtrocken-korrektes Buchstabieren von Musiktheorie nämlich, ist auch das Hüstelnde, Anämische und Akademische früherer Aufführungen alter Musik einem lebendigen Musizieren gewichen.

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