22.03.2010 · Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat er die Bayreuther Festspiele geleitet. Wie kaum ein anderer Intendant einer altehrwürdigen Kultstätte hat er sich auf den Spagat zwischen Traditionspflege und Innovation verstanden. Zum Tod Wolfgang Wagners.
Von Wolfgang SandnerDer langjährige Leiter der Bayreuther Festspiele, Wolfgang Wagner, ist am Sonntag im Alter von 90 Jahren in Bayreuth gestorben. Das bestätigen die Bayreuther Festspiele auf ihrer Internetseite. Wagner habe sein ganzes Leben dem Erbe seines Großvaters Richard Wagner gewidmet, heißt es dort. Er habe mehr als ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke der Bayreuther Festspiele gelenkt und gehe somit als dienstältester Intendant der Welt in die Geschichte ein.
Wolfgang Wagner hatte die Bayreuther Festspiele ab 1951 geleitet; zunächst mit seinem Bruder Wieland, nach dessen Tod 1966 als Alleinherrscher. Im Kampf um seine Nachfolge in der Festspielleitung favorisierte Wagner zunächst seine zweite Frau Gudrun und die gemeinsame Tochter Katharina als Erben. Doch der Stiftungsrat der Festspiele wählte 2001 seine Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier. Vater Wolfgang verweigerte daraufhin seinen Rücktritt. Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau Gudrun bewarben sich die Halbschwestern Katharina und Eva schließlich gemeinsam um die Nachfolge ihres Vaters. Nach ihrer Wahl trat er im Sommer 2008 in den Ruhestand.
Wenn sich Wolfgang Wagner wie kaum ein anderer Intendant einer altehrwürdigen Kultstätte auf etwas verstanden hat, dann war es der Spagat zwischen Traditionspflege und Innovation. Man konnte ohne Frage an vielem etwas aussetzen, was in den nahezu 1800 Aufführungen seiner Amtszeit mit mehr als einem Dutzend eigener Inszenierungen geschehen ist. In zweierlei Hinsicht allerdings ist Wolfgang Wagners Lebensleistung fast über alle Zweifel erhaben, allenfalls ließe sich fragen, worin das größere Verdienst des souveränen Theaterfürsten liege: im diplomatischen Geschick als Lenker, Organisator und unerschütterlich von allen Krisen agierender Finanzstratege einer geistesgeschichtlich bedeutenden Institution oder in der künstlerischen Toleranz des in eigenen Arbeiten immer mehr zum unbeirrbar altfränkischen Biedermeier neigenden Regisseurs?
Für das ästhetische Wagnis
Das ist ja das Erstaunliche am Festspielleiter Wolfgang Wagner stets gewesen: dass er sich des direkten Zusammenhangs zwischen künstlerischem Konservativismus und Spendierfreude bewusst gewesen ist und sich dennoch oft für das ästhetische Wagnis eingesetzt hat: sei es gemeinsam mit seinem Bruder Wieland bei der Entrümpelung der Alt-Bayreuther Bühne und der Etablierung der Werkstatt Bayreuth, sei es bei dem später alleine verantworteten Engagement für Inszenierungen wagemutiger oder auch nur spektakulär agierender Regisseure wie Götz Friedrich, Patrice Chéreau in Verbindung mit Pierre Boulez, mit Harry Kupfer, Heiner Müller oder Christoph Schlingensief.
Erst unter seiner Ägide ist aus dem privaten künstlerischen Vermächtnis Richard Wagners ein öffentliches Kulturunternehmen geworden: abgesichert durch eine Stiftung, in der die künstlerischen Aufgaben für die Allgemeinheit definiert und festgehalten wurden. An den Gesetzen Bayreuths haben mehr und mehr Kritiker Anstoß genommen, freilich ohne zu bedenken, dass es vor allem das ist, was Bayreuth nach wie vor seine am Publikumszuspruch abzulesende Attraktivität verleiht: das Maßlose, das anscheinend Widersinnige, das Egomanische und das schwer Zugängliche im Werk Richard Wagners wie in dem seinerzeit als futuristisch empfundenen Haus, das der Komponist sich für seine Kunst errichten ließ.
Dies ist alles so geblieben, und dafür hat Wolfgang Wagner in den Jahren seiner Regentschaft gesorgt, die man fast mit den Worten des großen Wagnerianers George Bernard Shaw charakterisieren könnte, der von einer „gewissenhaften künstlerischen Ethik“ in Bayreuth sprach und meinte, er sei dort zwar schon durch schlechten Gesang geplagt und durch feierlich prosaisches Spiel gelangweilt, niemals aber durch „leichtsinnige Läppereien“ beleidigt worden.
Eines der größten deutschen Rituale
Stefan Vieregg (Kuselianer)
- 22.03.2010, 12:13 Uhr