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Zum Tod von Udo Jürgens : Als wär’s ein Stück von uns

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Geboren am 30. September 1934 in Klagenfurt, gestorben am 21. Dezember 2014 in Münsterlingen: Udo Jürgens Bild: dpa

In den fünf Jahrzehnten seines Schaffens ist er zur Personifikation der Bundesrepublik geworden. Die Chronologie seiner Hits liest sich wie das Protokoll des allmählichen Mentalitätswandels der Deutschen. Zum Tode des unvergleichlichen Sängers, Komponisten und Entertainers Udo Jürgens.

          Normalerweise ist es absurd, den Tod eines Achtzigjährigen unerwartet zu nennen. Doch bei Udo Jürgens kann man nicht anders, als so zu empfinden. Da ist die Tatsache, dass er ausgerechnet zwei Tage vor Heiligabend starb. Gerade hatten wir begonnen, uns in heimelige Gefühle einzuspinnen, hatten Flüchtlingselend und Umweltmisere verdrängt und uns nur mehr beiläufig über die dumm-dreisten, rassistischen Untertöne der Pegida-Märsche empört, da zerreißt die Tatsache, dass mit Udo Jürgens ein Lebensabschnitt der Deutschen endet, das wattierte Wohlbefinden. Unglauben, denn vor zweieinhalb Monaten zeigten Geburtstagsgalas, eine neue CD und die ersten Konzerte einer Tournee den gerade achtzig Gewordenen bei bewundernswert guter stimmlicher und körperlicher Konstitution. So feierten denn Österreich, die Schweiz und die Bundesrepublik Udo Jürgens als den großartigen, nahezu alterslosen Sänger, Chansonnier, Entertainer, Jazzer, Pianisten, Texter und Komponisten, der er ihnen fast fünfzig Jahre lang gewesen ist.

          Bei den Würdigungen ging es um mehr als um eine Karriere, die im Lauf der Zeit zu einem Monument aus Hits, manche davon Welthits, anwuchs. Die Anerkennung galt einem Künstler, der in den fünf Jahrzehnten seines Schaffens zur Personifikation der Bundesrepublik geworden ist. Die Chronologie seiner Hits liest sich wie das Protokoll des allmählichen Mentalitätswandels der Deutschen: „Merci Cherie“, der chansoneske Schlager, mit dem er 1966 den Eurovision Song Contest - damals noch Grand Prix d’Eurovison - gewann, reichte textlich kaum über die banalen Herz-Schmerz-Reime vorangegangener Dutzendware hinaus. Doch die Komposition mit ihren dramatischen Höhepunkten und den wirkungssteigernden Wechseln zwischen Verzögerung und Beschleunigung hatte internationales Niveau. Ein Übriges tat der dramatische Vortrag - kurz darauf führte Jürgens mit dem wehmütigen Liebeslied nicht nur hier, sondern auch in Frankreich die Hitparade an.

          Erkannt und verstanden

          Dieser Erfolg beim breiten Publikum gründete darauf, dass Jürgens nach Bewährtem und Gewohntem gegriffen hatte, dem er diskret, aber nachhaltig die Verlogenheit austrieb. So war es schon ein Jahr zuvor bei „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ gewesen, seinem ersten Bestseller. Jeder hat schon einmal erlebt, dass mitten im hastigen Vorübergehen oder während eines Ampelstopps der Blick plötzlich an einem Gesicht hängenbleibt. In Sekundenbruchteilen rollt ein Lebenstraum ab - sich finden, Erfüllung, Loslösen aus Gewohnheiten. Einen Moment später ist die Chance, die man ersehnt hat und gefürchtet, verpasst: „Zwei fremde Augen. Ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider - Was war das? Vielleicht Dein Lebensglück. Vorbei, verweht, nie wieder.“ So beschreibt es Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Augen in der Großstadt“. - „Menschen, wohin ich schau. Großstadtgetriebe. Und überall such ich sie, sie“, heißt es bei Udo Jürgens.

          Die sich formierenden Gemeinden des Rock und Soul zuckten die Achseln. Doch die Mehrheit fühlte sich erkannt und verstanden. Ihr ins Gemüt sang Udo Jürgens dann den Luftikus, dem man alles verzeiht: „Es wird Nacht Senorita“ lieferte 1969 die passabel elegante Version dessen, was heute „Ballermann“ heißt; ähnlich „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“.
          Dann aber war Schluss mit den versöhnlichen Tönen: „Griechischer Wein“, ein unwiderstehlicher Ohrwurm, machte 1974 klar, dass das romantisch-deutsche Gemüt nicht das Monopol auf Heimweh besaß. „Schenk noch mal ein, und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran, dass ich immer träume von daheim.“ Mit diesen Zeilen beglaubigte Udo Jürgens der Republik, dass sie mit Fremdenhass nichts mehr zu tun haben wollte.

          Das Risiko eines vorzeitigen Endes

          Wilde Ehe, Alleinerziehende, schwule Paare - so lautete Ende der sechziger Jahre die mittelständische Version des „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ der Jugendrevolte. Das griff Jürgens 1975 mit „Ein ehrenwertes Haus“ auf, der galligen Gegenüberstellung von neuem Lebensgefühl und altem Spießertum. Ähnlich scharfzüngig sein „Aber bitte mit Sahne“, die hinreißend rhythmische, satirische Attacke auf Wohlstandsfettleibigkeit, der er 1977 den versöhnlichen, heute zur Hymne der Demographie gewordenen Hit „Mit 66 Jahren“ folgen ließ.

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