http://www.faz.net/-gqz-75iht
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 04.01.2013, 18:25 Uhr

Zum Tod von Thomas Holtzmann Der König vom Reiche Wahnwitz

Sisyphos als glücklicher Schauspieler betrachtet: Zum Tode des Ausnahmeschauspielers Thomas Holtzmann, der mit einer winzigen Bewegung seiner Augenbraue die ganze Welt erbeben ließ.

von
© Getty Images Thomas Holtzmann war ein großartiger, aber abweisender Schauspieler. Deshalb war er so anziehend

Eigentlich unvorstellbar, dass die hünenhafte, stets wie unter Zentnerlasten schlurfende, die Schultern einem ewigen Beugungsdruck entgegenstemmende Gestalt mit dem von Furchen förmlich zerkerbten Gesicht, die zu den Glanzzeiten, als sie auf der Bühne stand, aber sofort alle Zuschau-Energie auf sich zog und die ganze weite phantastische Welt, die sich dort auftat, immer in sich zu bündeln schien - unvorstellbar, dass diese hoheitliche Gestalt in ihren letzten Jahren in sich gekrümmt, in einen Rollstuhl gebannt, bühnenfern über eine eng begrenzte, lokal-häusliche Welt geschoben worden sein soll. Was er wohl mit seiner ihm verbliebenen schartig-samtenen, wie über karstigen Klarinettenklüften hingezogenen Bassbaritonstimme knurrig-misanthropisch beklagt haben wird? Vielleicht auch, weil ihm sein Liebstes genommen war: der große, schwere Stein.

Denn wenn Thomas Holtzmann auf der Bühne stand, war es ja immer, als rollte ein Sisyphos Abend für Abend den Existenzrollenstein den Theaterolymp hinauf. Und als klaubte er ihn jeden Tag wieder ganz drunten wuchtend neu auf. Und als seien ihm die Kraft und die Lust dazu gerade aus seinen Melancholien, seiner Galle, seinen Pessimismen zugewachsen. Thomas Holtzmann war ein abweisender Schauspieler. Und deshalb so anziehend.

„Ich weiß nicht, was mich so traurig macht“ - dieser Wehmutssatz des Antonio im „Kaufmann von Venedig“ passte ihm wie angegossen auf Gesicht und Seele. In Dieter Dorns Münchner Inszenierung von 2001, mit der er das Residenz Theater nach fünfundzwanzig Jahren Kammerspiele-Glanz in Besitz nahm, genoss Holtzmann den Sieg des Antonio über den Juden Shylock, der es nicht schaffen durfte, ihm ein Pfund Fleisch „nahe dem Herzen“ herauszuschneiden. Und es war eine unendliche Trauer über ein verlorenes Herzstück darin: den Bruder Shylock, den Feind in seinem Kopf, ohne den zu leben ihm von nun an unmöglich sein wird.

Der eleganteste schwere Held des deutschen Theaters

Den Shylock spielte Rolf Boysen, der lebenslange Hauptpartner Holtzmanns. Zusammen gingen sie schon früher in die Theatergeschichte ein. Als ein Bild, das zur Ikone wurde: einer Männergesellschaft, die versagt. Auf diesem Bild sieht man das von Kummer, Eitelkeit und Selbstzweifel förmlich zerfressene Gesicht des Clavigo, als der Holtzmann sich vor der wegwerfenden Handbewegung Rolf Boysens duckt, der den Carlos in Kortners berühmter Goethe-Inszenierung von 1970 spielte und mit dieser einen Handbewegung alle Lebens- und Liebesbedenken des schwächlichen, unmutigen, unwirschen Karrieristen Clavigo wie einen Mückenschiss wegzuwischen schien. Dieser Mückenschiss hat dann tödliche Folgen. Im aufklärerisch-optimistischen Furor dieser Jahre war das ein Gegengift antiutopischen Unglaubens, vom Hamburger Premierenpublikum denn auch wütend ausgebuht. Wenig später ein Triumph auf Festivals und Tourneen.

Damals war Holtzmann, der gebürtige Münchner, der über Schleswig, Nürnberg, Saarbrücken und Köln nach Berlin kam, mit Lietzau, Kortner, Minks, Lindtberg, Noelte arbeitete, der eleganteste schwere Held, den das deutsche Theater aufzubieten hatte. In Dieter Dorns Münchner Ensembles aber wurde er erst zum König in seinem eigenen Reich, dessen Grenzen allein dort waren, wo Wahn und Witz und Schmerz noch hinlangten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Beethovens Fidelio in Wien Wenn Puppen von der Freiheit singen

Achim Freier inszeniert Ludwig van Beethovens Oper Fidelio bei den Wiener Festwochen und fordert dem Dirigenten Marc Minkowski dabei Großes ab. Mehr Von Reinhard Kager, Wien

16.06.2016, 13:56 Uhr | Feuilleton
Tortenwurf Riexinger verurteilt Angriff auf Sahra Wagenknecht

Während der Rede von Parteichef Bernd Riexinger auf dem Parteitag der Linken in Magdeburg hat ein Mann die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht mit einer Torte angegriffen und sie im Gesicht getroffen. Diskret wurde sie aus dem Saal gebracht - ebenso wie der Angreifer und seine Begleiter, die die Veranstaltung zuvor mit offenbar unverständlichen Parolen gestört und Flugblätter verteilt hatten. Mehr

28.05.2016, 16:47 Uhr | Politik
Volksbühne Berlin Noch so ein kommerzieller Eventschuppen

Die traditionsreiche Berliner Volksbühne bekommt einen neuen Intendanten, die Gerüchteküche brodelt und alle Mitarbeiter steigen auf die Barrikaden. Ein offener Brief zeigt nun das Ausmaß der Misere. Mehr Von Irene Bazinger

23.06.2016, 11:48 Uhr | Feuilleton
Frankfurter Anthologie Thomas Bernhard: Erinnerung an die tote Mutter

Erinnerung an die tote Mutter von Thomas Bernhard, gelesen von Thomas Huber. Mehr

24.06.2016, 18:26 Uhr | Feuilleton
Schauspieler Claude Brasseur Unser Mann am Steuer

Wer ihn im Kino sieht, ahnt nicht, dass er im Zweitberuf Rennfahrer ist. Auch in seinem neuesten Film nimmt er das Tempo raus: Der französische Schauspieler Claude Brasseur wird achtzig. Mehr Von Andreas Kilb

15.06.2016, 13:45 Uhr | Feuilleton
Glosse

Armer WDR!

Von Rose-Maria Gropp

Institution mit „Schwerpunkt auf Information und Kultur“? Wie der WDR, der einst verfemte Kunst rehabilitieren und ihr an einem öffentlichen Ort Raum geben sollte, sich selbst ad absurdum führt. Mehr 1 21

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“