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Zum Tod von Thomas Holtzmann : Der König vom Reiche Wahnwitz

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Thomas Holtzmann war ein großartiger, aber abweisender Schauspieler. Deshalb war er so anziehend Bild: Getty Images

Sisyphos als glücklicher Schauspieler betrachtet: Zum Tode des Ausnahmeschauspielers Thomas Holtzmann, der mit einer winzigen Bewegung seiner Augenbraue die ganze Welt erbeben ließ.

          Eigentlich unvorstellbar, dass die hünenhafte, stets wie unter Zentnerlasten schlurfende, die Schultern einem ewigen Beugungsdruck entgegenstemmende Gestalt mit dem von Furchen förmlich zerkerbten Gesicht, die zu den Glanzzeiten, als sie auf der Bühne stand, aber sofort alle Zuschau-Energie auf sich zog und die ganze weite phantastische Welt, die sich dort auftat, immer in sich zu bündeln schien - unvorstellbar, dass diese hoheitliche Gestalt in ihren letzten Jahren in sich gekrümmt, in einen Rollstuhl gebannt, bühnenfern über eine eng begrenzte, lokal-häusliche Welt geschoben worden sein soll. Was er wohl mit seiner ihm verbliebenen schartig-samtenen, wie über karstigen Klarinettenklüften hingezogenen Bassbaritonstimme knurrig-misanthropisch beklagt haben wird? Vielleicht auch, weil ihm sein Liebstes genommen war: der große, schwere Stein.

          Denn wenn Thomas Holtzmann auf der Bühne stand, war es ja immer, als rollte ein Sisyphos Abend für Abend den Existenzrollenstein den Theaterolymp hinauf. Und als klaubte er ihn jeden Tag wieder ganz drunten wuchtend neu auf. Und als seien ihm die Kraft und die Lust dazu gerade aus seinen Melancholien, seiner Galle, seinen Pessimismen zugewachsen. Thomas Holtzmann war ein abweisender Schauspieler. Und deshalb so anziehend.

          „Ich weiß nicht, was mich so traurig macht“ - dieser Wehmutssatz des Antonio im „Kaufmann von Venedig“ passte ihm wie angegossen auf Gesicht und Seele. In Dieter Dorns Münchner Inszenierung von 2001, mit der er das Residenz Theater nach fünfundzwanzig Jahren Kammerspiele-Glanz in Besitz nahm, genoss Holtzmann den Sieg des Antonio über den Juden Shylock, der es nicht schaffen durfte, ihm ein Pfund Fleisch „nahe dem Herzen“ herauszuschneiden. Und es war eine unendliche Trauer über ein verlorenes Herzstück darin: den Bruder Shylock, den Feind in seinem Kopf, ohne den zu leben ihm von nun an unmöglich sein wird.

          Der eleganteste schwere Held des deutschen Theaters

          Den Shylock spielte Rolf Boysen, der lebenslange Hauptpartner Holtzmanns. Zusammen gingen sie schon früher in die Theatergeschichte ein. Als ein Bild, das zur Ikone wurde: einer Männergesellschaft, die versagt. Auf diesem Bild sieht man das von Kummer, Eitelkeit und Selbstzweifel förmlich zerfressene Gesicht des Clavigo, als der Holtzmann sich vor der wegwerfenden Handbewegung Rolf Boysens duckt, der den Carlos in Kortners berühmter Goethe-Inszenierung von 1970 spielte und mit dieser einen Handbewegung alle Lebens- und Liebesbedenken des schwächlichen, unmutigen, unwirschen Karrieristen Clavigo wie einen Mückenschiss wegzuwischen schien. Dieser Mückenschiss hat dann tödliche Folgen. Im aufklärerisch-optimistischen Furor dieser Jahre war das ein Gegengift antiutopischen Unglaubens, vom Hamburger Premierenpublikum denn auch wütend ausgebuht. Wenig später ein Triumph auf Festivals und Tourneen.

          Damals war Holtzmann, der gebürtige Münchner, der über Schleswig, Nürnberg, Saarbrücken und Köln nach Berlin kam, mit Lietzau, Kortner, Minks, Lindtberg, Noelte arbeitete, der eleganteste schwere Held, den das deutsche Theater aufzubieten hatte. In Dieter Dorns Münchner Ensembles aber wurde er erst zum König in seinem eigenen Reich, dessen Grenzen allein dort waren, wo Wahn und Witz und Schmerz noch hinlangten.

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