Home
http://www.faz.net/-gs3-y4bt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zum Tod von Pina Bausch Ihr Tanztheater handelt von uns allen

01.07.2009 ·  Philippine Bausch, von aller Welt nur mit zärtlicher Verehrung Pina genannt, ist vollkommen überraschend gestorben. Ihr Tod kommt wie ein Schock für die Tanzwelt. Denn Pina Bausch hat das Tanztheater mehr geprägt als alle vor ihr.

Von Wiebke Hüster
Artikel Bilder (12) Lesermeinungen (0)

Ihr Tod kommt wie ein Schock für die Tanzwelt. Niemand außerhalb des engsten Kreises von Pina Bausch wusste von ihrer schweren Erkrankung. Zwar sah die schmale Frau mit dem streng zurückgekämmten Haar seit vielen Jahren schon sehr zerbrechlich aus, wenn sie in ihren großen Herrenanzügen zum Applaus vor das Publikum trat, aber alle hielten das für die sehnige Durchtrainiertheit einer Tänzerin. Jetzt ist Philippine Bausch, von aller Welt nur mit zärtlicher Verehrung Pina genannt, vollkommen überraschend gestorben. Vor noch nicht einmal drei Wochen feierte sie im Wuppertaler Opernhaus die Premiere ihres alljährlichen neuen Stückes, und mit diesem Stück schien sie nach vielen Jahren einen neuen Weg einzuschlagen.

Es gibt zahlreiche Fotografien von der 1940 als Tochter von Wirtsleuten in Solingen geborenen Tänzerin, die ihre jugendliche Schönheit bezeugen, von der ihre Züge noch im Alter beredten Ausdruck gaben. Pina Bausch begann zwar mit fünfzehn Jahren ihre tänzerische Ausbildung an der Folkwangschule in Essen, aber sie hatte die Aura einer großen klassischen Ballerina. Ihre Augen blickten halb streng, halb melancholisch. Wie begabt sie tänzerisch war, bewies die Tatsache, dass sie früh ein Stipendium erhielt, um an der New Yorker Juillard School zu studieren. 1962 kehrte sie trotz verschiedener Engagements in New York nach Deutschland zurück, wo sie als Erste Solistin am Folkwang-Ballett beschäftigt war.

1968 choreographierte Pina Bausch ihre ersten eigenen Werke, ein Jahr später ernannte man sie zur Direktorin des Folkwang-Balletts. Damals und auch noch in ihrer ersten Saison als Ballettchefin an den Städtischen Bühnen Wuppertal war ihr Stil stark vom amerikanischen „Modern Dance“ geprägt. Der, wie sich bald herausstellen würde, weit wichtigere Einfluss aber ging von ihrem großen Lehrer Kurt Jooss aus. Er war es, der in ihr die Gewissheit stärkte, dass der Tanz eine Aussage haben müsste, und zwar die richtige. Berühmt geworden war Jooss in den dreißiger Jahren mit seinem international erfolgreichen Anti-Kriegs-Stück „Der grüne Tisch“. Es muss ihm zugerechnet werden, wenn Pina Bausch später jenen Satz sagen sollte, der ihr weltweit auswendig gelerntes Credo bilden würde: „Mich interessiert nicht, wie sich Menschen bewegen, sondern was sie bewegt.“

Jetzt musste das Publikum lernen, was der Begriff „Tanztheater“ bedeutet

Das wurde der Theaterwelt schlagartig vor Augen geführt, als Bausch die Leitung des Tanzes in Wuppertal übernahm. „Fritz“ hieß, knallig, kurz und deutsch, ihr Tanzabend von 1974, in dem sie erstmals ihre Motive anklingen ließ. Mit dem Ballett war Schluss, jetzt galt es für das Publikum eines großen Hauses, einer ganzen Region, eines Landes, und schließlich, mit Hilfe des Goethe-Instituts, der ganzen Welt, zu lernen, was der Begriff „Tanztheater“ bedeutet. Nach „Iphigenie auf Tauris“ und „Orpheus und Eurydike“, die als wunderschön elegische Tanzopern noch einmal Aufschub vor dem großen Knall bedeuteten, kam 1977 „Blaubart - Beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Béla Bartoks Oper ,Herzog Blaubarts Burg'“. Das Publikum war schockiert. Hier warfen sich barfüßige Frauen mit offenem Haar gegen Wände, aufbegehrend gegen die Männerherrschaft, gegen Unterdrückung, Lieblosigkeit, körperliche Gewalt. Bartoks Komposition wurde allenthalben unterbrochen, nichts war, wie es die Theaterkonventionen der Zeit geboten. Die meisten Kritiker tobten. In dieser Frühzeit erhielt Pina Bausch, so erzählt man sich, nächtliche Drohanrufe.

Aber das „Tanztheater Wuppertal Pina Bausch“ war geboren und hatte seinen Arbeitsansatz gefunden. Und es dauerte nicht lange, da folgten ihm auch die Zuschauer und die Kritiker, und irgendwann begannen auch die Schauspiel- und Opernregisseure, genauer auf diesen neuen Tanz zu schauen und von der Freiheit, die man sich in Wuppertal nahm, zu lernen.

Aufgaben statt Schritte, Fragen statt Anweisungen

Die Collagetechnik ihrer im Ergebnis revueartig zusammengesetzten Stücke verfeinerte Pina Bausch mit ihren Tänzern. Legendär wurde ihre Technik, ein Stück zu erarbeiten. Sie gab den Tänzern Aufgaben, nicht Schritte und stellte Fragen, anstatt Anweisungen zu geben. Wie hast du dich als Kind gefühlt, wenn . . .? So fingen viele Fragen an. Immer ging es ihr um die Grundfragen menschlicher Existenz: Wie können wir leben mit denen, die wir lieben, wieso sind Frauen und Männer so verschieden, ist es eigentlich erlaubt, so unverschämt mit dem Publikum zu flirten? Ja, das Tanztheater war ernst und traurig und gesellschaftskritisch, aber es war auch ungeheuer phantasievoll und witzig. Es spielte oft genug Klamauk, es knallte Türen, schmiss mit Kissen, spritzte Wasser und knutschte mit Krokodilen oder Nilpferden. Tänzer traten in Frauenröcken auf, Frauen zeigten ihre Speckröllchen als „Liebesgriffe“. Taucher versuchten, in Aquarien zu rauchen. Man sang und lachte, schrie und klatschte.

In den letzten Jahren konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Pina Bausch und ihr Wuppertaler Tanztheater irgendwie den Faden verloren hatten. Machte es Witzchen, spielte es Sketche, die nur noch albern und längst jede Schärfe verloren hatten? Und wo fand es seine neuen Tänzer? Wo war die neue Mechthild Großmann, wo waren der neue Lutz Förster, Jan Minarek, die Jo-Ann Endicott?

Ein Leben abseits der Bretter? Unvorstellbar

Die Zeit war an der großen Revolution im deutschen Theater nicht spurlos vorübergegangen. Die großen Themen des deutschen Tanztheaters der siebziger und achtziger Jahre, deren Erfinderin und berühmteste Protagonistin Pina Bausch war, drängten nicht mehr. Die Gleichberechtigung der Frauen, die Emanzipation der Tänzer von der rigiden danse d'école, die Auseinandersetzungen zwischen Männern und Frauen, die Familie als Ort quälender Erfahrungen und bedrückender Disziplinierungen und immer wieder das Liebesleid. Dafür wurde Pina Bausch von ihrem Publikum geliebt, dass sie Stücke erfand mit ihren Tänzern, die von jeder einzelnen Frau und jedem einzelnen Mann im Parkett zu handeln schienen. Die Einsamkeit des Paares miteinander und das Unglück der Verlassenen.

Ihren Tänzern schenkte sie eine Welt, in der es angesichts der in ständiger Fortentwicklung begriffenen Stücke permanent Streitigkeiten um die besten Rollen gab, aber auch eine Atmosphäre, die ohne Beispiel war im zeitgenössischen Theater. Ein Leben abseits der Bretter? Unvorstellbar. Mechthild Großmann sagte in „Two Cigarettes in the Dark“ von Pina Bausch: „Noch'n Weinchen, noch'n Zigarettchen, aber bloß noch nicht nach Haus!“ Das galt auch für sie, die große Pina Bausch, deren Welt die Bühne war, das Theater, das, was bleiben wird, nachdem sie gestorben ist.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Nachtreten gegen Günter Wallraff

Von Michael Hanfeld

Alles, was der Logistikfirma GLS zur RTL-Reportage „Günter Wallraff deckt auf“ einfällt, ist mehr als lahm. „Einseitige Berichterstattung“, heißt es. Das ist reiner Zynismus. Mehr 4 34