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Zum Tod von Otto Sander : Der Komiker, der vom Himmel fiel

  • -Aktualisiert am

Seine eminente Stimme war sein tollstes Ausdrucks-, sein grandios faltengemeißeltes Altbubengesicht tollstes Eindrucksmittel. Er schien nie zu machen, immer nur machen zu lassen, weshalb er so lachbar war: Zum Tod des Schauspielkünstlers Otto Sander.

          Otto Sander wirkte auf den Bühnen, die er nicht eroberte, denen er immer wie selbstverständlich zuzufallen schien (und es waren von der Berliner Schaubühne bis hin zu den Salzburger Festspielen immer die edlen, guten und schönen), als könnte er es sich leisten, einfach nur einfach da zu sein. Mit der mürben Grazie anstrengungslosen Könnens. Mit seinem Ausdruck müd geschmerzter ironischer Melancholie in den traurig witzblinkend wässrigen blauen Augen, seinen hängenden Schultern samt hängendem Schnauzer, den mit schütterem Rothaar umwehten Kopf witternd erhoben über der dürren, spillerigen Gestalt. Mit seiner unnachahmlichen, dunkel raspelnden Reibeisenstimme. Er war in allen seinen Rollen, von Euripides („Bakchen“), Kleist („Amphitryon“) über Tschechow („Drei Schwestern“) bis hin zu Botho Strauß („Kalldewey Farce“, „Kuss des Vergessens“) kein Verwandler. Er gab nichts zu sich hinzu. Er spielte jede Figur, als passte sie ihm wie ein Anzug - nicht wie angegossen, mehr wie angeschlabbert.

          Sander im Juni 2012 beim Filmfest Emden-Norderney Bilderstrecke
          Sander im Juni 2012 beim Filmfest Emden-Norderney :

          Der gebürtige Hannoveraner, der nach dem Wehrdienst bei der Bundesmarine, abgebrochenem Germanistik- und Theaterwissenschaftsstudium samt abgebrochener Schauspielschule nach Stationen in Düsseldorf und Heidelberg schnell an Peter Steins Berliner Schaubühne landete, der er von 1970 bis 1981 als Ensemblemitglied angehörte, war einer der größten Passivisten unter den deutschen Schauspielern. Er schien nie zu machen, immer nur machen zu lassen. Dabei hielt er seine Figuren auf leichtem Fuß. Sein brudermörderischer König Claudius in Zadeks Wiener „Hamlet“-Inszenierung von 1999 zum Beispiel hielt sich lieber am Whisky-Glas als am Intrigenkelch fest. Sein Werschinin in Steins Berliner „Drei Schwestern“ von 1984 beging seine Ehebrüche wie ein großer, bei einem verwegenen Streich ertappter Schulbub. Sein Herr Jehlke im „Kuss des Vergessens“ von Botho Strauß (Zürich 1998) brillierte sanft als liebloser Verliebter, der mit einer Frau ein Leben nicht durchlebt, sondern immer nur durchspielt, sternschnuppenleicht.

          Kollision von etwas unendlich Lachbarem mit einem endlich Tragischen

          In Bob Wilsons „Death Destruction&Detroit“ (Schaubühne, 1979) verkörperte er ein Luftmaschinenwesen, das durch Wilsons damals noch wunderbare Theaterwelt mit der Präzision eines Zählwerks schwebte. Als Teiresias in Klaus Michael Grübers „Bakchen“ von 1974 schlief er bei den Proben einfach für eine Stunde lang ein, während Grüber den Schlaf Sanders bewachte, als ob er, aus diesem erwacht, gleich die schönsten Ungeheuer spielerischer Vernunft gebären würde. Derart auch, lächelnd witzig zwischen Mythenhölle und Weiberhimmel gespannt, ließ er sich in „Kalldewey Farce“ von Botho Strauß 1982 in Luc Bondys Schaubühnen-Regie von zwei therapeutisch-mänadischen bundesrepublikanischen Zickendamen traktieren, die in Analogie zum Stoff der „Bakchen“ des Euripides den Vernunftmann zerreißen und dessen Kopf in die Waschmaschine stecken.

          Es schien immer so, als wäre dieser geborene Ur-Komiker direkt aus dem Himmel der human-sarkastischen Ironie auf den Bühnenboden gefallen und als kollidierte mit ihm etwas unendlich Lachbares mit einem endlich Tragischen - was erst den wahren komischen Effekt machte. Das Leben auf der Bühne nahm er gerade in Komödien, die er an der heiligen alten Berliner Schaubühne durchsetzen half (Labiches „Sparschwein“, Courtelines „Ganz begreifliche Angst vor Schlägen“), als grandiose Ausrutschbahn. Auf der er elegant schlurfschlendernd entlangtänzelte.

          In seinen Filmrollen der geborene Desillusionist

          Er griff nicht zu. Er drückte aus. Seine eminente Stimme, sein tollstes Ausdrucksmittel, wie sein grandios faltengemeißeltes Altbubengesicht, sein tollstes Eindrucksmittel, stellte er schon früh verschwenderisch anderen Medien als dem Theater zur Verfügung. Er war ein Rezitator voll der Gnaden. Es schien, als hätte Ringelnatz nur für ihn seine Verdreh- und Schraubengeschwindelverse gedrechselt; Beckett las er so mühelos, als musizierte er ihn mal eben vom Blatt. Und manches Museum nahm seine Stimme für die Bespielung der Audioguides, so dass die Leute mit Otto Sander im Ohr durch Im- und Expressionismus wanderten.

          In seinen Filmrollen, angefangen bei Eric Rohmers „Marquise von O.“, den Wenders-Produktionen („Himmel über Berlin“, „In weiter Ferne so nah“) bis hin zu Wolfgang Petersens „Boot“ war er, ob als Engel, ob als Ritterkreuzträger, der geborene Desillusionist, der die Welt nahm, wie sie war, und deren unmögliche Veränderung ihm höchstens ein Lächeln wert war. Oder ein ironisches Beiseitetreten. Jetzt ist Otto Sander im Alter von zweiundsiebzig Jahren in Berlin gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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