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Zum Tod von Iris Wagner : Die Stimme der Vernunft

Iris Wagner (12. Juni 1942 bis 9. Januar 2014) Bild: dpa

Ihre Cousins und Cousinen, auch ihre jüngere Schwester Nike, stritten öffentlich über Richard Wagners Erbe. Sie kämpfte gegen das, was sie die „Possen“ Bayreuths nannte. Zum Tod der Künstlerin Iris Wagner.

          Wer in Haus Wahnfried aufwächst, als Sprössling des Wagnerclans, kann sich nicht raushalten: Er wird sein Leben früher oder später in den Dienst Richard Wagners stellen. So erging es am Ende auch der ältesten Tochter Wieland Wagners, die zunächst in Tübingen Germanistik studierte und sich als Malerin, Fotografin und Filmemacherin, später als Übersetzerin (etwa von Doris Lessing) einen Namen machte.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Iris Wagner, geboren am 12. Juni 1942 in Bayreuth, ist die stille Wagner gewesen. Sie war die Stimme der Vernunft. Hielt sich bewusst lange Zeit im Hintergrund, wenn es um die wahre Art ging, Richard Wagners Erbe zu verwalten, worum ihre Cousins und Cousinen, auch ihre jüngere Schwester Nike, öffentlich stritten. Wirkte dafür entschieden kämpferisch als langjähriges Mitglied im Bayreuther Stiftungsrat mit, wo sie sich oftmals als Einzige dem widersetzte, was sie selbst gern den „Wahnsinn“ oder die „Possen“ des Bayreuther Unternehmens nannte:  „Gesellschaftlichen Eitelkeiten, Repräsentation und Networking stehen im Vordergrund. Zurück bleibt mehr oder weniger ein Nichts, ein ausgehöhlter Richard-Wagner-Kult“.

          Dafür muss man kein geborener Wagner sein

          Iris Wagner fand die kommerzielle Ausschlachtung des Erbes ihres großen Urgroßvaters unwürdig, sie legte  die parteipolitische Strippenzieherei im Stiftungsrat offen, sie stellte sogar die stillschweigend praktizierte quasi-dynastische „Erbfolge“ bei der Festivalleitung in Frage. Ein Wagner-Festival in Bayreuth, so erklärte sie, dürfe durchaus auch „familienfremden Fachleuten“ anvertraut werden: „Da muss kein geborener Wagner dabei sein!“ Eines ihrer Anliegen war es, Wagners Tafelklavier, das im Leipziger Musikinstrumentenmuseum gelandet war, zurückzuholen nach Bayreuth. Ein anderes, dass alle Familiendokumente zur Verstrickung der Wagners in der Nazizeit aufgearbeitet und in einem Bayreuther Museum dokumentiert werden sollten, wozu das sogenannte Siegfried-Wagner-Haus vorgesehen war: „als ein Ort des Nachdenkens über die historischen Folgen, die aus den hier bebrüteten Ideologemen über Reinheit und Rassenkunde, über Innerlichkeit und Genialität, kurz, über jene Phantasien entstanden, die auch zum Erscheinungsbild der Wagnerschen Wirkungsgeschichte gehören.“ Das ist ihr nicht gelungen, anderes durchaus.

          So hatte sie es zuletzt geschafft zu verhindern, dass im Zuge des Erweiterungsbau des Richard-Wagner–Museums, der peinlicherweise nicht pünktlich zum Wagnerjubiläumsjahr fertig wurde, ein Touristencafé (mit fränkischem Bratwurstverkauf) direkt neben Wagners Grab plaziert wurde, wie es geplant war. An diesem Donnerstag ist Iris Wagner in Berlin einer langwierigen, schweren Krankheit erlegen. Sie wurde 71 Jahre alt.

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