Er war einer der Schöpfer der Neuen Musik, auch wenn er keine Schule begründet, keine bündige Theorie entwickelt oder ein Werk mit einer radikal neuen Klangsprache hervorgebracht hat wie seine Altersgenossen Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen oder György Ligeti. Hans Werner Henze, der gestern im Alter von 86 Jahren in Dresden gestorben ist, war eine singuläre Gestalt unter den Tonsetzern des vorigen und unseres noch jungen Jahrhunderts. Als Komponist, der in den späten sechziger Jahren Kunst und Wirklichkeit in Einklang bringen und sich nicht von der elitären Darmstädter Schule vereinnahmen lassen wollte, hat er keine gerade ästhetische Linie verfolgt, ist von einfachen zu komplexen Klangstrukturen und wieder zurück geschritten. Er ist Zeit seines Lebens ein Unangepasster geblieben, wobei ihm von den Dogmatikern der Musik sein Desinteresse an der seriellen Methode ebenso vorgeworfen wurde wie später sein politisches Engagement.
Das Urteil der Geschichte über sein monumentales Œuvre ist freilich längst zu seinen Gunsten entschieden worden. Dabei ist von vielen seiner Werke die Brisanz abgefallen, wie ein unmodern gewordenes Kleid. Und darunter schimmert die musikalische Struktur hörbar durch, deren künstlerische Qualität keineswegs vom politischen Gestus abhängig gewesen ist, der ihm Reputation und Ablehnung gleichermaßen eingetragen hat.
Seine künstlerische Anschauung hat er in seiner vor zehn Jahren erschienenen Autobiographie „Reiselieder mit böhmischen Quinten“ kurz, bündig und eindeutig formuliert: „Meine Musik besteht darauf, dass es Rot und Schwarz und Grün und Blau, Gefühle und Seelenzustände gibt, die in der Musik dargestellt werden können.“
Hans Werner Henze, 1926 in Gütersloh geboren, hat in den frühen sechziger Jahren, nach dem Erfolg mit der Oper „Der junge Lord“ auf ein Libretto von Ingeborg Bachmann, seinen Wohnsitz in die Nähe von Rom verlegt, wo er bis zuletzt gelebt hat. Und bis heute ist die Frage unbeantwortet geblieben, ob die Italianità in seinen Werken, die Leichtigkeit des Stils, die Transparenz der musikalischen Faktur, die Affinität zum Melos, zum Vokalen generell, eine Konsequenz seiner Wahlheimat war - oder etwas, was Henze schon in sich trug, als er nach Italien ging.
Michelangelo meinte, ein Bildhauer könne nichts erdenken, was der Marmor nicht schon enthalte. Das lässt sich auch umkehren: Das Kunstwerk kann nichts darstellen, was nicht im Künstler vorhanden ist. Henzes Musik, seine wundervoll klangsinnliche Kammermusik, seine üppigen sinfonischen Kompositionen, vor allem sein immenses musiktheatralisches Schaffen von den Opern über die Ballette zu den musikalischen Aktionen sind unter der südlichen Sonne gereift wie die Opern Verdis, der behauptete, nie fähig gewesen zu sein, unter diesem Himmel so etwas wie den Wagnerschen „Ring“ zu komponieren.
Henze, der stets wache Zeitgenosse, hat seine Arbeit wie die seiner Umwelt stets kritisch reflektiert. Seine Schriften gehören zu den bemerkenswertesten ästhetisch-politischen Dokumenten der Nachkriegsgesellschaft. Sie bilden den sprachlichen Kontrapunkt zu einem vielseitigen und wirkungsmächtigen musikalischen Gesamtwerk, das seinen Schöpfer als den bedeutendsten deutschen Komponisten neben Karlheinz Stockhausen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausweist.
Verbunden mit guten Erinnerungen
Marie Kelkmann (MKelk)
- 29.10.2012, 09:39 Uhr
De mortuis nil nisi bene – auch für Hans Werner Henze
Hubert Appenrodt (HubertAppenrodt)
- 28.10.2012, 14:18 Uhr
Ein langes erfülltes Leben
Eckart Härter (Leser3000)
- 28.10.2012, 10:53 Uhr
Naja, auch ein Lebenslauf
Michael Scheffler (Striesner)
- 27.10.2012, 23:57 Uhr