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Zum Tod Hans-Michael Rehbergs : Im Abgrund gibt’s so schöne Stellen

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Hans-Michael Rehberg, geboren am 2. April 1938 in Fürstenwalde an der Spree, gestorben am 7. November 2017 in Berlin Bild: dpa

Er ließ die Dämonen seines Bühnenwitzes auf die Figuren los, bis sie in ihrer Schwärze hell funkelten in Seelenfegefeuern: Zum Tod des Schauspielers Hans-Michael Rehberg.

          Um ihn schien auf der Bühne die Luft immer wie geladen. Er setzte sie unter eine Spannung, die in den Zuschauerraum übersprang. Man genoss dort förmlich die Gefahr, die er ausstrahlte: Als entlade sich jeden Moment ein funkensprühend dreinfahrender Donnerschlag – in höchstem Aggressionsgrad zwar, aber abgefedert und ausgehalten mit einem glanzvoll nervösen Flattern seiner ungeheuer sprechenden Augenlider oder mit einer selbstherrlichen Bändigungsgeste. So trieb der Schauspieler Hans-Michael Rehberg die Dämonen, die er entfesselte, auch wieder zurück in ihre Schlupfwinkel. Aber er ließ sie weder aus den Augen, noch verbarg er ihr Versteck. Die Geister, die er rief, hielt er noch in der Contenance, mit der er über sie gebot, präsent.

          Es gehört zu den Paradoxien des Schauspielerlebens von Hans-Michael Rehberg, dass er in seinen späten Jahren Päpste (Pius XII. im Berliner Ensemble in Hochhuths „Stellvertreter“) oder Bischöfe (in der „Pfarrer Braun“-Fernsehserie), einmal sogar Gott (2002 auf dem Domplatz in Salzburg im „Jedermann“) spielte. Und als Oberst Kottwitz schlug er in Andrea Breths Salzburger „Homburg“-Inszenierung 2012 über der Leiche des Prinzen, den die Regisseurin leider werkuntreu hatte sterben lassen, derartig fromm ein himmlisch-katholisches Kreuzeszeichen (als Protestant in brandenburgischen Diensten!), dass man an Rehbergs Höllentauglichkeit zweifeln konnte. Denn nicht Himmelshöhen – Abgrundtiefen waren sein ureigenstes Revier. Wiewohl er als Papst schon auch eine aasige Penetranz, als Bischof eine perfide Heimtücke, als Gott gar die Gefinkeltheit eines levantinischen Händlers durchschimmern ließ.

          Die hochgewachsene, hagere Gestalt; der wie ausgeglüht wirkende knochenmagere, herrenhafte Schädel; die in allen opaken Tonartenfarben dunkel sonor schlierende Stimme mit ihrem wunderbar funkelnden Aggressionsglanz; die brennend auf Distanz blinzelnden Augen – sie sorgten allesamt schon dafür, dass er nie ganz in einer Figur aufging. Es blieb immer ein Rest an Geheimnis übrig.

          So wurde aus einem Opfer ein Clown

          Wenn er zum Beispiel in seiner tollsten, umwerfendsten, Theatergeschichte gemacht habenden Rolle, dem Baumeister Solness, 1983, im Münchner Residenztheater in Peter Zadeks Regie, zeigte, wie einer sich versteigt. In einen Traum vom ganz anderen Leben hinein. In einen Wunsch, taggeträumt seit langem. Plötzlich erfüllt. Neues Leben, neue Liebe, junges Mädchen. Rehberg aber ließ Ibsens Baumeister den Preis für all das, nämlich den Tod, den Absturz, bezahlen mit einer irren Lust: Mit ihr als hell leuchtender Trotz-Tapete stattete Rehberg den dunklen Abgrund aus, in den hinein sein Solness sich verstieg, als er, der Höhenkranke, den Turm erkletterte, auf den ihn die junge Hilde hinauftrieb, damit er dort den Richtkranz aufstecke. Und so wie die junge Barbara Sukowa damals „Mein Baumeister! Mein Baumeister!“ in unvergessenem Sehnsuchtsfrischeton rief, war der Tod des alternden Abstürzenden eine Feier des Lebens, wie sie das Theater nur alle Dezennien einmal sich gestattet.

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