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Zum Tod von George Gruntz Immer in Bewegung

 ·  Er war ein Solitär des Jazz: Zum Tod des Pianisten, Arrangeurs, Komponisten, Dirigenten, Ensemble-Gründers, Radio-Moderators und Festival-Leiters George Gruntz.

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Oper, Film und Jazz haben eines miteinander gemeinsam: Es sind Bastard-Künste, dies im durchaus emphatischen Sinne von Hans Neuenfels’ Autobiographie. Ursprung, Zusammensetzung und Entwicklung sind, wenn überhaupt eindeutig erklärt, so auf jeden Fall heterogen, schwer überschaubar. Entsprechend heikel ist schon die Definition von Jazz: Blues und Ragtime, Improvisation und Notation, schwarz und weiß, alerter Swing und Dirty-Intonation, Protest und Konfektion, Tradition und Experiment - die Mischung ist bunt bis scheckig, Purismus zum Scheitern verdammt.

Und der improvisierende Spieler ist nicht immer nur er selber, wird durch die Partner mitbestimmt. Hinzu kommen Arrangeure in vielfacher Gestalt: Sie setzen Standards, komponieren, bringen unterschiedliche Musiker zusammen, organisieren Kollektive, selbst Festivals. Die großen Solitäre sind auch im Jazz die Ausnahme.

Ein großer Anreger

Einen solchen möchte man denn auch den Schweizer George Gruntz nicht unbedingt nennen, der stets als multiple Figur gewirkt hat: Pianist, Arrangeur, Komponist, Dirigent, Ensemble-Gründer, Radio-Moderator und Festival-Leiter. Er war ein großer Anreger, gerade weil er offen für die unterschiedlichsten Einflüsse und Kooperationen war. 1932 in Basel geboren, übernahm er am dortigen Radio schon 1956 die Jazz-Initiative, sammelte beim amerikanischen Newport-Festival weitreichende Erfahrungen, fand Kontakt zu wichtigen Musikern. Nicht zufällig hat er Duke Ellington auch seiner integrierenden Kraft wegen bewundert.

Zusammen gespielt hat er unter anderem mit Dexter Gordon, Lee Konitz und Chet Baker; stilistische Scheuklappen waren ihm fremd, auch wenn rabiatem Free Jazz seine Seele weniger gehörte. Dafür lag ihm an Grenzübergängen selbst hin zur schweizerischen Folklore, auch zu tunesischen Beduinen-Musikern, selbst Barock-Traditionen. Ab 1971 gründete er eigene Bands, mit denen er weltweit konzertierte. Sogar Werke fürs Musiktheater hat er komponiert, so für Rolf Liebermanns Hamburger Abschied 1988 „Cosmopolitan Greetings“ von Robert Wilson inszeniert.

1970 bis 1984 war er für die Musik am Zürcher Schauspielhaus zuständig; vor allem aber leitete er 1972 bis 1994 das Berliner Jazzfest. Die Basler Mischung aus Solidität und Weltläufigkeit kam ihm bei seinen vielfältigen Aktivitäten zustatten. Von seiner Rolle als, zunächst außenseiterischer, Identifikationsfigur zeugt der Titel seiner Autobiographie „Als weißer Neger geboren“. Am 10. Januar ist George Gruntz bei Basel gestorben.

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