Am Vorabend seines 92. Geburtstags ist Dave Brubeck, der weltberühmte amerikanische Jazz-Pianist, Komponist, Arrangeur und Bandleader in Norwalk/Connecticut gestorben.
Der am 6. Dezember 1920 geborene Brubeck wurde durch seine Mutter Elisabeth, einer Pianistin und Musiklehrerin, von klein auf mit Musik vertraut gemacht. Sie brachte ihm auch das Klavierspielen bei; außerdem erlernte er das Cellospielen. Als er 12 Jahre alt war, zog die Familie auf eine Ranch am Fuße der Sierras um, wo sein Vater Howard „Pete“ Brubeck sich als Viehzüchter betätigte. Brubeck wuchs zusammen mit seinen älteren Brüdern Henry und Howard auf, die wie er eine musikalische Laufbahn einschlugen.
Brubeck trat bereits im Alter von 13 Jahren mit professionellen Jazzgruppen auf. 1938 schrieb er sich am College in Stockton/Kalifornien zunächst für Tiermedizin ein, wechselte jedoch bald zur Musik und leitete eine 12-Mann-Collegeband. Aufgrund seiner Fähigkeiten in Kontrapunkt und Harmonik durfte er ab 1942 am Mills College in Oakland weiterstudieren, obwohl er keine Noten lesen konnte.
Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs
Ende 1942 meldete er sich zum Militärdienst und nahm in General Pattons Dritter Armee in Europa am Zweiten Weltkrieg teil. Dort stellte er 1944 eine Band aus Frontrekonvaleszenten mit dem Namen „The Wolf Pack“ zusammen - eine der ersten gemischtrassigen in der Army. Die Kriegserlebnisse veränderten nach eigenem Bekunden sein Leben und lösten ein „spirituelles Erwachen“ aus; er beschloss, Komponist zu werden und „Musik über Frieden und die Gemeinschaft der Menschen“ zu schreiben.
Dieses Kompositionsstudium nahm er nach Kriegsende, das er in Bayern erlebte, und der Rückkehr ans Mills College bei dem französischen Komponisten Darius Milhaud auf. Milhaud, der selbst klassischer Musiker war, ermutigte seine Studenten, den damals noch verpönten Jazz zu spielen und die Freiheiten des Improvisierens zu nutzen.
In seiner Studienzeit gründete er mit Kommilitonen das Jazz-Oktett „The Jazz Workshop Ensemble“ (1946; später umbenannt in „Dave Brubeck Octet“), in dem die jungen Musiker mit komplexen Rhythmen und Polytonie experimentierten. Erfolge konnte die Gruppe mit dieser komplizierten Musik nicht erreichen, und so rief Brubeck 1949 mit dem Schlagzeuger Cal Tjader und dem Bassisten Norman Bates (bald durch Ron Crotty ersetzt) ein Jazz-Trio ins Leben, mit dem er bis 1951 einige Stücke aufnahm und Preise als Nachwuchsmusiker erhielt.
Das Dave Brubeck Quartet
Nachdem er 1951 durch einen schweren Schwimmunfall zu einer mehrmonatigen Pause gezwungen worden war, erfolgte der musikalische Neuanfang in einer erweiterten Formation: Der Altsaxofonist Paul Desmond stieß zu dem Trio, das nun als „Dave Brubeck Quartet“ auftrat und innerhalb weniger Jahre große Popularität erreichte. Mit dieser Formation verwirklichte er seine Ideen eines kammermusikalischen Jazz, die auf dem Hard Bop und der bei Milhaud erworbenen Kompositionstechnik beruhten.
Ein erster Erfolg war der Auftritt im Oberlin College 1953, später veröffentlicht als „Jazz at Oberlin“. 1954 war Brubeck - als erster Musiker nach Louis Armstrong - auf dem Titelblatt des „Time Magazine“ abgebildet und erhielt ein ausführliches Feature - ein erster Hinweis darauf, dass der Jazz dabei war, gesellschaftsfähig zu werden.
Die Band war auf zahlreichen Tourneen unterwegs und sorgte dafür, dass ihre als „West Coast Cool“ bekannte Jazzmusik den Weg in die Säle und die intellektuelle Atmosphäre der Colleges fand. Das Quartett spielte aber auch in führenden Jazz-Clubs und ging mit Charlie Parker, Dizzy Gillespie oder Stan Getz auf Tournee. 1958 sponserte das amerikanische Außenministerium die erste internationale Tour, die die Gruppe von Polen über Indien bis in den Irak führte.
Klassiker des Jazz
Der Musikstil der Band wurde von Brubecks massiven Blockakkorden und den melodischen Improvisationen des Saxofonisten Paul Desmond geprägt. Dieser komponierte auch Stücke für die Band, etwa „Take Five“, den Millionen-Hit mit dem ungewöhnlichen 5/4-Rhythmus, der fest mit dem Namen Brubecks verbunden ist. „Take Five“, das 1959 mit Stücken wie „Blue Rondo à la Turk“ und „Kathy’s Waltz“ auf der erfolgreichen Platte „Time Out“ veröffentlicht wurde, gilt noch heute als Klassiker des Jazz.
Auch auf nachfolgenden Alben, bei denen zeitgenössische Künstler (Miró, Franz Kline, Sam Francis) die Covers gestalteten, wie „Time Further Out“ (1961) experimentierte das Quartett mit ungewöhnlichen Rhythmen (9/8, 10/4, 13/4 und anderen).
Ende der fünfziger Jahre stießen nach diversen Umbesetzungen Joe Morello (Schlagzeug) und Eugene Wright (Bass) zur Band, und in dieser Formation wurde die Gruppe weltweit berühmt. Die Tatsache, dass Wright ein schwarzer Musiker war, führte zu Auftrittsverboten an einigen Colleges der Südstaaten, doch Brubeck, der sich auch in zahlreichen Kompositionen für Gerechtigkeit und Gleichbehandlung aller einsetzte, hielt an seinem Bassisten fest.
1961 gab er ein Konzert an der Berliner Mauer, und im Folgejahr fand beim Monterey Jazz Festival die Premiere des von ihm und seiner Frau Iola geschriebenen Jazz-Musicals „The Real Ambassadors“ statt. In den frühen sechziger Jahren war Brubeck zudem als Programmdirektor des Radiosenders WJZZ-FM tätig.
Mit Reagan in Moskau
1964 führte er bei den Berliner Jazztagen seine „Elementals“ für Jazzcombo und Symphonieorchester auf und gastierte im Weißen Haus. Das „Dave Brubeck Quartet“ tourte weiterhin in der ganzen Welt und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, bis es sich 1967 überraschend auflöste.
Brubeck tat sich danach mit dem Saxofonisten Gerry Mulligan zusammen; parallel dazu bildete er eine neue Formation (“Two Generations of Brubeck“), der auch drei seiner ebenfalls musikalischen Söhne angehörten und die Anfang der siebziger Jahre auf Tournee ging. 1972 erneuerte Brubeck die Zusammenarbeit mit Paul Desmond bis zu dessen Tod (1977). Einige Jahre wurde es etwas ruhiger um den Pianisten, doch seit 1980 trat er trotz mehrerer Herzoperationen immer wieder vor vollen Konzertsälen in aller Welt auf - mal mit älteren Musikern, mal mit Vertretern der jüngeren Jazz-Generation.
1988 begleitete sein neues Quartett (mit Bill Smith, Randy Jones und seinem Sohn Chris) Amerikas Präsidenten Reagan nach Moskau, um beim Reagan-Gorbatschow-Gipfel zu konzertieren. Brubeck gab in über 80 Städten pro Jahr Konzerte, davon üblicherweise im Frühling in 20 europäischen. So führte etwa die „Anniversary Tour“ ihn und sein Quartett, dem sich Saxofonist Bobby Militello und Bassist Michael Moore angeschlossen hatten, im April 2000 nach Hamburg, Linz, Zürich, Berlin und Amsterdam. Ende 2008 kündigte der Achtundachtzigährige an, nicht mehr international auf Tour gehen zu wollen.
Brubeck begriff sich von Anfang an nicht nur als Jazzpianist und Bandleader, sondern auch als Komponist, wobei klassische Kompositionstechniken (Kontrapunkt, Fuge) und diffizile Metren zum Markenzeichen seiner über 250 Werke wurden. Der „Original-Brubeck-Stil“ wurde manchmal wegen seines kommerziellen Erfolges kritisiert. Jahrelang wurde auch diskutiert, ob seine Musik denn nun swinge oder nicht, doch ungeachtet dieser Debatte wurden seine Werke „In Your Own Sweet Way“ und „The Duke“ zu Jazz-Standards.
Zu Ehren von Brubecks neunzigstem Geburtstag fand 2010 die Premiere des Dokumentarfilms „Dave Brubeck - In His Own Sweet Way“ statt, den Clint Eastwood produzierte und bei dem Bruce Ricker Regie führte.
"Er hat der Weltmelodie "Take Five" zum Durchbruch verholfen."
Klaus Mueller (Jeeves3)
- 06.12.2012, 11:55 Uhr
Brubeck hat GELD und Ruhm einkassiert, Paul Desmond hatte das Nachsehen...
Dirk Lehmann (DkLehmann)
- 06.12.2012, 09:56 Uhr
Dave Brubeck und Gerry Mulligan
Alexander Lieven (MonsieurAlex)
- 06.12.2012, 09:44 Uhr
5/4 Takt
Walter Müller (camier)
- 06.12.2012, 06:53 Uhr
Der Deutschlandfunk Köln zum Tod von Dave Brubeck
Johann Otto (JohannOtto)
- 06.12.2012, 02:31 Uhr